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Beim ersten Caucus geht es um Aufmerksamkeit. Die hat Ted Cruz nun sicher.
Beim ersten Caucus geht es um Aufmerksamkeit. Die hat Ted Cruz nun sicher.(Foto: AP)

Erste Vorwahl in den USA: Das Establishment hat verloren

Von Hubertus Volmer

Die Vorwahlen im US-Bundesstaat Iowa bringen eine Überraschung: Donald Trump hat nicht gewonnen. Der große Verlierer ist jedoch jemand anderes: die alte politische Elite.

Donald Trump, Ted Cruz und Bernie Sanders haben, bei allen Unterschieden, eines gemeinsam. Alle drei, der selbstverliebte Milliardär Trump, der christlich-radikalkonservative Senator Cruz und der demokratische Sozialist Sanders, sind als Außenseiter ins Rennen um das Weiße Haus gestartet. Alle drei wenden sich mit Vehemenz gegen das Establishment in ihren Parteien.

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Cruz und Trump konkurrieren bei den Republikanern um die Präsidentschaftskandidatur, der Demokrat Sanders tritt gegen Ex-Außenministerin Hillary Clinton an. Die Vorwahl in Iowa zeigt: Die Unzufriedenheit der Wähler in den USA mit der traditionellen Politik ist groß. Sehr groß.

Bei den Republikanern kommen Cruz und Trump zusammen auf mehr als die Hälfte der Stimmen; zählt man den mittlerweile wohl chancenlosen Bewerber Ben Carson dazu, haben mehr als 60 Prozent der Republikaner in Iowa für einen Anti-Establishment-Kandidaten gestimmt. Die Botschaft der demokratischen Basis an ihre Partei ist nicht weniger eindeutig: Jeder Zweite wählte Sanders und die "politische Revolution", die der Senator verspricht.

Die Ergebnisse im Einzelnen: Ted Cruz schneidet mit 28 Prozent besser ab als erwartet und gewinnt die Vorwahl in Iowa. Donald Trump holt mit 24 Prozent nur den zweiten Platz, dicht gefolgt von Senator Marco Rubio, der auf 23 Prozent kommt. Bei den Demokraten liegt Hillary Clinton nur unwesentlich vor Bernie Sanders. Clinton erklärte sich am späten Abend (Ortszeit) zur Siegerin, den Hochrechnungen zufolge kommt sie auf 49,9 Prozent, Sanders auf 49,6.

Eigentlich ist Iowa ein eher unbedeutender Bundesstaat. Hier leben weniger als ein Prozent aller US-Wähler. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten insgesamt ist Iowa zudem ungewöhnlich weiß: Während rund 66 Prozent der Amerikaner sich als nicht-hispanische Weiße bezeichnen, sind es in Iowa mehr als 90 Prozent.

Doch alle vier Jahre ist Iowa wichtig: Seit 1972 ist der Bundesstaat der erste, in dem die Vorwahlen stattfinden, bei denen Republikaner und Demokraten ihre Präsidentschaftskandidaten küren. Iowa gibt den Startschuss - wer hier siegt oder wenigstens besser abschneidet als erwartet, zieht die Aufmerksamkeit der Medien auf sich. Wer das nicht schafft, hat ein Problem. Iowa trennt die Spreu vom Weizen.

Dies sind die fünf wichtigsten Botschaften der Vorwahl von Iowa:

Erstens: Eine Lektion in Demut für Trump.

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Die Republikaner haben es geschafft, mehr als 180.000 Anhänger dazu zu bewegen, an der Vorwahl in Iowa teilzunehmen, ein Rekord. Dazu muss man wissen: Die Vorwahl in Iowa ist kein Urnengang, der die Teilnehmer nur ein paar Minuten kostet. Es ist ein Caucus, eine Wählerversammlung, zu der man pünktlich erscheinen muss, in der ausführlich diskutiert wird und die sich über Stunden hinziehen kann - Demokratie auf die anstrengende Tour.

Für Trump offenbar zu anstrengend. Erwartet worden war, dass eine hohe Wahlbeteiligung ihm nutzen würde. Das ist nicht passiert, Trump muss nun fürchten, als entzaubert zu gelten. Platz zwei ist ein herber Dämpfer für den Mann, der ausschließlich in Superlativen über sich selbst spricht. "Wir werden einen riesengroßen Sieg haben", hatte Trump kurz vor Beginn der Caucuses gesagt. Seine Rede danach war kurz und geradezu demütig. "Wir werden weitermachen, um die republikanische Nominierung zu bekommen, und wir werden Bernie oder Hillary schlagen." Mehrfach sagte er, er liebe Iowa. "Ich glaube, ich komme noch mal her und kaufe eine Farm." Ein bisschen klang das, als wisse er nicht, worüber er sprechen soll, wenn es mal keine Erfolge zu referieren gibt.

Zweitens: Cruz kann siegen.

Die Vorwahl in Iowa lehrt, wieder einmal, dass Umfragen nur bedingt zu trauen ist. Alle wichtigen Umfrageinstitute hatten Cruz auf Platz zwei gesehen. Um so wichtiger ist der Sieg für den Texaner. Er kann nun hoffen, in einer Woche auch in New Hampshire - wo Trump ein deutlicher Sieg vorausgesagt wird - besser abzuschneiden als erwartet.

Seine Dankesrede nutzte Cruz, um sich wie stets im Wahlkampf als Außenseiter darzustellen, der in Washington aufräumen wird. Iowa habe gezeigt, dass der nächste Präsident der USA nicht von den Medien, dem Washingtoner Establishment oder von den Lobbyisten gewählt werde, sondern vom Volk, so Cruz.

Drittens: Wenn Establishment, dann Rubio.

Marco Rubio steht zwar nur auf dem dritten Platz, ist aber, nach Cruz, der zweite Sieger des Abends. Auch er hat deutlich besser abgeschnitten, als die Umfragen vorhergesagt hatten. Zugleich war er der mit Abstand erfolgreichste unter den "wählbaren" Kandidaten - den Kandidaten also, denen zugetraut wird, bei den eigentlichen Präsidentschaftswahlen im November auch Wähler der Mitte zu überzeugen.

Wenn das Establishment in der Republikanischen Partei Trump und Cruz verhindern will, dann müsste es jetzt Rubio unterstützen. Diese Botschaft unterstrich er selbst in seiner Dankesrede: "Wenn ich unser Kandidat sein werde, und ich werde unser Kandidat sein, dann werde ich unsere Partei und die konservative Bewegung wieder vereinen!" Noch ist offen, ob ihm das gelingt.

Viertens: Clinton hat ein Problem.

Bernie Sanders ist Hillary Clinton gefährlich nahe gekommen, am kommenden Dienstag in New Hampshire dürfte er sie sogar überrunden. Trotzdem ist unwahrscheinlich, dass der Senator aus Vermont Clinton schlagen kann, wenn der Vorwahlzirkus in Bundesstaaten zieht, die weniger weiß und liberal sind als Iowa und New Hampshire.

Und doch: Sanders, der noch vor wenigen Monaten als chancenlos galt und der bisher im Schatten von Clinton und Trump nur wenig mediale Aufmerksamkeit bekam, steht für den Moment auf Augenhöhe mit der Ex-Außenministerin. Entsprechend laut war der Jubel bei seinen Anhängern. In seiner Rede klang er ein bisschen wie der Republikaner Cruz: Die Menschen von Iowa hätten eine wichtige Botschaft an das politische, wirtschaftliche und an das Medien-Establishment geschickt: Es sei zu spät für Establishment-Politik und Establishment-Wirtschaft. Anders als Cruz geht es Sanders nicht um die Abwehr staatlicher Einmischung, sondern um soziale Gerechtigkeit.

Fünftens: Die anderen Kandidaten spielen keine Rolle.

Der Demokrat Martin O'Malley und der Republikaner Mike Huckabee haben ihre Wahlkämpfe nach der Vorwahl in Iowa ausgesetzt und damit die Regel bestätigt, dass der Iowa Caucus die Spreu vom Weizen trennt. Weitere Republikaner werden folgen, früher oder später - je nachdem, wie viel Geld sie in der Kasse haben. Jeb Bush etwa war beim Spendensammeln deutlich erfolgreicher als in Umfragen oder bei den Caucuses in Iowa; wenn er will, kann er im Rennen bleiben. Eine ganz andere Frage ist, ob das sinnvoll ist.

Quelle: n-tv.de

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