Politik
Neben den beiden Moderatoren Christian Nitsche und Sonia Mikich stehen, von links nach rechts, die fünf Spitzenkandidaten der kleinen Parteien: Sahra Wagenknecht (Linke), Cem Özdemir (Grüne), Joachim Herrmann (CSU), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel (AfD)
Neben den beiden Moderatoren Christian Nitsche und Sonia Mikich stehen, von links nach rechts, die fünf Spitzenkandidaten der kleinen Parteien: Sahra Wagenknecht (Linke), Cem Özdemir (Grüne), Joachim Herrmann (CSU), Christian Lindner (FDP) und Alice Weidel (AfD)(Foto: dpa)
Dienstag, 05. September 2017

"Fünfkampf": Das bessere TV-Duell

Von Julian Vetten

Wenn zwei sich eigentlich ganz gern haben, freuen sich die anderen fünf: Nach dem ereignisarmen "TV-Duett" der Kanzlerin mit Herausforderer Schulz besticht der Fünfkampf der kleinen Parteien - auch dank einer großartigen Moderatorin.

97 Minuten können sehr, sehr langsam vergehen. Wie langsam, das wissen die 16 Millionen Zuschauer, die am Sonntagabend das TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz verfolgt haben: Anstatt eines echten Schlagabtausches lieferten sich die Bundeskanzlerin und ihr SPD-Herausforderer eher einen sanften Meinungsaustausch zu vornehmlich außenpolitischen Themen. Inhaltliche Differenzen gab es kaum, und auch viele der innenpolitisch drängenden Themen wurden entweder nur stiefmütterlich oder gar nicht behandelt - was auch am fragwürdigen Format der Sendung mit ihren vier Moderatoren lag. Am Tag danach stehen nun die fünf Spitzenkandidaten der kleinen Parteien einem zweiköpfigen Moderatorenteam gegenüber und stellen unter Beweis, dass 75 Minuten sehr, sehr schnell vergehen können.

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WDR-Moderatorin Sonia Mikich und ihr BR-Kollege Christian Nitsche organisieren den "Fünfkampf" deutlich straffer als ihre Vorgänger das Duell vom Vorabend: Sie stellen den fünf Kandidaten nicht nur klar formulierte Fragen, sondern schaffen es auch, die Politiker immer wieder in ihre Schranken zu weisen, sobald diese vom Thema abschweifen. Den anfänglichen Hang zum Monologisieren verlieren auf diese Weise alle fünf Politiker, angefangen bei Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht und Cem Özdemir von den Grünen über CSU-Mann Joachim Herrmann und Christian Lindner von der FDP bis hin zu AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel.

Vor allem Moderatorin Mikich überzeugt außerdem durch enormen Sachverstand und betreibt quasi in Echtzeit Factchecking: Immer wieder korrigiert sie falsche oder irreführende Aussagen der Teilnehmer - zum Beispiel, als AfD-Frau Weidel in der Diesel-Diskussion behauptet, die Stickoxidgrenzwerte seien in Büroinnenräumen mit 950 Mikrogramm deutlich höher als an der freien Luft mit 40 Mikrogramm. "Stimmt nicht", kontert Mickich, "im Büro gelten ebenso wie draußen 40 Mikrogram, die 950 beziehen sich lediglich auf Arbeitsplätze in Gefahrenbereichen für gesunde Erwachsene."

Das straffe Regiment der beiden Moderatoren führt zu einer Fokussierung der Teilnehmer - und macht die ganze Sendung damit nicht nur für die Zuschauer deutlich sehenswerter als das lahme Duell vom Vortag, auch die Politiker selbst profitieren davon: Anders als Schulz und Merkel haben die fünf Kleinen massig Chancen, ihre Themen angemessen zu präsentieren, ohne dass am Ende ein echter Sieger der Debatte auszumachen wäre. Wie genau die Positionen der jeweiligen Spitzenkandidaten zu den wichtigsten Themen aussehen, zeigt unser Überblick.

Digitalisierung

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"Das Glasfasernetz in Deutschland muss ausgebaut werden", findet AfD-Politikerin Weidel: "Wir sind Schlusslicht hinter den USA, selbst China hat schnellere Netze." FDP-Kandidat Lindner geht noch einen Schritt weiter: "Die Bundesregierung selbst muss sich digitalisieren. Es kann nicht sein, dass 2017 die Menschen das Wichtigste, was sie haben, in Amtszimmern verschwenden: ihre Lebenszeit." Für CSU-Mann Herrmann ist es besonders wichtig, "dass jedes kleine Dorf und jedes Anwesen an schnelle Netze angeschlossen werden", findet aber auch, dass "wir nicht schlecht aufgestellt sind." Stellvertretend für die Linke fordert Wagenknecht, die Digitalisierung wieder stärker in die Hände des Staates zu legen: "Die Privatisierung ist ein Fehler. Natürlich picken sich private Unternehmen nur die Gegenden raus, in denen sie dicke Gewinne machen können." Nur einer darf zum Thema nichts beitragen: "Schade, dass ich nichts zur Digitalisierung sagen darf", schmollt Grünen-Kandidat Özdemir dann auch.

Bildung

"Es ist ein Trauerspiel, dass ein so reiches Land wie Deutschland hinter dem OECD-Schnitt bei den Bildungsinvestitionen liegt", kritisiert Wagenknecht. Mehr Geld für Bildung fordern auch Grüne und FDP, beide Kandidaten legen aber ebenso großen Wert auf funktionierende Ganztagsschulen: "Bildungsgerechtigkeit wird in den Ganztageseinrichtungen geschaffen", ist Lindner überzeugt, während Özdemir "den Erfolg von Kindern von ihrer Herkunft abkoppeln" möchte. "Und das geht nur in Ganztagsschulen." Wenig zum Thema beizutragen haben dagegen CSU und AfD.

Rente

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"Es wird definitiv keine Änderung an der Rente mit 67 geben", legt sich einen Tag nach Kanzlerin Merkel auch Unionskollege Herrmann fest, während Lindner fordert, den Renteneintritt flexibler zu gestalten: "Selbstverständlich muss die gesetzliche Rente die Basis sein. Aber wir brauchen eine individuelle Möglichkeit, in die Rente eintreten zu können." Auf den Einwand von Moderatorin Mikich, dass das vor allem Besserverdienern zugutekomme, schweigt Lindner, stimmt aber dafür Cem Özdemir zu, der mehr Lohngerechtigkeit fordert: "Wir müssen die Leute anständig bezahlen, vor allem auch in den sogenannten Frauenberufen, so lässt sich Altersarmut verhindern." Während die AfD auch bei diesem Thema um den heißen Brei herumredet, will Sahra Wagenknecht den Blick auf Österreich lenken: "Österreich hat keine privatisierte Rente, sondern einen großen Rententopf, in den alle einbezahlen und aus dem sie später dann ausbezahlt werden: Das führt dazu, dass der Durchschnittsrentner 800 Euro mehr im Monat hat." Das will Moderatorin Mikich so nicht stehenlassen: "Das ist ein schlechtes Beispiel. In Österreich zahlen dank einer anderen Demografie nicht nur mehr junge Leute in den Rententopf ein, es gibt auch keine Pflegeversicherung."

Flüchtlinge

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"Wir haben im Moment noch die Situation, dass wir viele Flüchtlinge haben, die kein Recht haben, hierzubleiben", klagt CSU-Politiker Herrmann. Während Sahra Wagenknecht es unmenschlich findet, "Menschen abzuschieben, die jahrelang auf ihren Asylbescheid gewartet haben und nach dieser Zeit völlig integriert sind", stimmt Alice Weidel ihrem CSU-Vorredner zu: "Wir schieben in toto 2017 noch weniger Menschen ab als 2016 - und der Hauptabschiebehinderungsgrund ist, dass die meisten Flüchtlinge, die hierherkommen, keine gültigen Papiere haben." Sollte die AfD in den Bundestag kommen, möchte sich Weidel deshalb nicht nur dafür einsetzen, dass Flüchtlinge ohne Papiere nicht nur gar nicht erst ins Land kommen, sondern auch "beim subsidiären Schutz (der eingeschränkten Aufenthaltserlaubnis, Anm. d. Red.) über eine Obergrenze nachdenken, die vielleicht in der Höhe von 10.000 anzusetzen ist." Keine Obergrenze, aber mehr Konsequenz, wünscht sich Christian Lindner: "Diejenigen, die kein Aufenthaltsrecht haben, müssen so schnell wie möglich in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden. Die Grünen sperren sich ja immer noch dagegen, bestimmte Länder als sichere Herkunftsländer festzulegen." Cem Özdemir kontert: "Wir schieben die falschen Leute ab, mit den Gefährdern müssen wir uns beschäftigen. Wir haben es ja nicht mit Unbekannten zu tun: Jeder Gefährder, der in den vergangenen Jahren einen Anschlag begangen hat, war den Behörden vorher bekannt." Und leitet damit geschickt zum letzten großen Themenblock über.

Innere Sicherheit

FDP-Kandidat Lindner fordert eine bessere Zusammenarbeit der deutschen Behörden und nennt den Fall Amri als Beispiel: "Es hat in Deutschland alle Gesetze gegeben, um einen Mann wie Amri aus dem Verkehr zu ziehen, nur die Kooperation der 30 Nachrichtendienste hat nicht funktioniert." Außerdem müsse die Polizeipräsenz verstärkt werden. Das findet auch Herrmann: "Wir brauchen zur Terrorabwehr nicht mehr Poller, sondern mehr Polizisten: in ganz Deutschland mindestens 15.000 Polizeibeamte." Ganz schwere Kaliber will dagegen die AfD auffahren und mal eben den Alltag in Deutschland militarisieren, indem sie die Bundeswehr auch im Inneren einsetzt: "Es spricht nichts dagegen, dass Soldaten auch Bahnhöfe absichern können." Erwartungsgemäß setzen Linke und Grüne eher auf Soft Skills: Sowohl Özdemir als auch Wagenknecht sind davon überzeugt, dass gelungene Integration der Schlüssel zu innerer Sicherheit ist.

Fragerunde

Gegen Ende der Sendung überraschen die Moderatoren ihre Gäste dann mit einem Wechsel der Spielregeln: Jeder der Politiker darf einem Kollegen eine Frage stellen. Während sich die meisten der Fragesteller aufgrund der Spontaneität verheddern, gelingt Sahra Wagenknecht am Ende der Runde ein echter Coup: "Wie wohl fühlen Sie sich in einer Partei, in der waschechte Halbnazis in den Bundestag einziehen werden, wenn sie in den Bundestag gewählt wird?", fragt die Linken-Kandidatin ihre Gegenspielerin von der AfD. Alice Weidel braucht eine gefühlte Ewigkeit, um sich ihre Antwort zurechtzulegen und entblättert sich dann nach einer langen Pause selbst: "Genau wie Sie als vernunftbegabte Frau in Ihrer Partei ein Einzelfall sind, so reden auch wir bei 28.000 Mitgliedern von Einzelfällen." Eine Antwort, die tief blicken lässt - alleine dafür hat sich dieser "Fünfkampf" schon gelohnt. Und auch abseits davon zeigt das Format, wie man eine politische Diskussion gestalten muss, um die Zuschauer mit ein paar Fragen weniger als vor der Sendung in den Abend zu entlassen.

Quelle: n-tv.de

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