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Die Kontinuität des Leidens hat keinen Nachrichtenwert. Feuer, aufsteigender Rauch - die Bilder von Kobane ähneln sich seit Wochen.
Die Kontinuität des Leidens hat keinen Nachrichtenwert. Feuer, aufsteigender Rauch - die Bilder von Kobane ähneln sich seit Wochen.(Foto: REUTERS)

Ein Lagebericht aus Kobane: Der Krieg, der niemanden mehr interessiert

Von Issio Ehrich

In den Medien findet der Kampf um Kobane praktisch nicht mehr statt. Der Krieg der Kurden gegen den IS interessiert nicht mehr. Was geschieht in diesem Bollwerk gegen den Dschihadisten-Terror am Tag 76 der Belagerung?

Auf der anderen Seite der Leitung tobt Krieg. Er höre die Kampfjets über der Stadt und die Einschläge ihrer Bomben, sagt Idriss Nassan. "Der Boden unter meinen Füßen zittert." n-tv.de konnte den Sprecher der kurdischen Kämpfer in Kobane am Telefon erreichen. Und eines ist nach dem Gespräch klar: In der belagerten Stadt sterben noch immer Menschen, Hunderte - auch wenn man im Rest der Welt einen anderen Eindruck bekommen könnte.

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Auf die Titelseiten der großen Tageszeitungen schafft es Kobane seit Wochen nicht mehr. In den Hauptnachrichtensendungen spielt die Stadt kaum eine Rolle. In der Logik moderner Massenmedien ist der Kampf der Kurden gegen die Männer des IS in diesem Trümmerfeld im Norden Syriens keine Berichte mehr Wert. Der scheinbar nahende Fall der Stadt hat sich als nicht ganz so nah entpuppt. Die Lage wirkt wie erstarrt. Und es gilt: Die Kontinuität des Leidens hat keinen Nachrichtenwert.

Für Idriss Nassan ist Kobane dagegen weiterhin alles. Und wer ihn fragt, bekommt viel zu hören. Denn für ihn sind selbst kleine Veränderungen von größter Bedeutung. Das Lagebild eines Betroffenen.

Aus Verteidigern werden Angreifer

Im zähen Ringen um die Stadt haben die Kurden und ihre Verbündeten laut Nassan derzeit die stärkere Position. Und so klingt er am Tag 76 der Belagerung mehr als optimistisch. Mitte Oktober besetzte der IS laut Nassan rund 20 Prozent der Stadt. Jetzt sagt er: "Wir nehmen Straße um Straße und Haus um Haus." Er fügt hinzu: "Aus Verteidigern werden Angreifer."

Laut Nassan gibt es viele Faktoren, die diese Fortschritte ermöglichen. Die Luftangriffe träfen die IS-Kämpfer mit unverminderter Härte. Auch neue Kämpfer, unter anderem die irakischen Peschmerga und Männer der Freien Syrischen Armee (FSA), seien eine spürbare Verstärkung. Der immer geringeren Resonanz in den Medien zum Trotz ist Nassan davon überzeugt, dass die internationale Gemeinschaft die Unterstützung für die Kurden in den nächsten Wochen aufstocken wird.

200 Mörserangriffe in zwei Tagen

Nassans Optimismus hat allerdings Grenzen: Dem Sprecher der Kurden-Kämpfer zufolge sind allein in den vergangenen zwei Tagen mehr als 200 Raketen und Mörsergranaten auf seine Männer und Frauen im Stadtzentrum niedergegangen. Am Wochenende berichteten zudem verschiedene Quellen, dass es dem IS erstmals gelungen sei, die Stadt vom Norden, also von der türkischen Grenze aus, anzugreifen. Den Anfang machte am Samstagvormittag ein Selbstmordattentäter, der mit einem mit Sprengstoff beladenen Auto aus der Türkei kam. Bei den Gefechten verloren laut der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte 23 kurdische Kämpfer ihr Leben. "Das stellt eine dramatische Veränderung der Lage dar", sagt Nassan. Sollte der IS auch in Zukunft dazu fähig sein, Kobane von der türkischen Grenze aus anzugreifen, würde die Stadt in einen Vier-Fronten-Krieg geraten.

Auch die humanitäre Situation bereitet Nassan Sorgen. "Der Winter kommt, es ist jetzt schon kalt", sagt er. "Die Menschen brauchen Kleidung, sie brauchen Decken und Zelte, Treibstoff, Essen und Medizin." Nassan warnt vor einer Hungersnot mit vielen Toten. Und wie schon so oft fordert er, dass die Türkei einen humanitären Korridor in die Stadt öffnen soll.

Eine Nachricht, die dafür sorgen könnte, dass Kobane wieder die Hauptnachrichtensendungen dominiert, die kann Nassan allerdings nicht liefern. Im Gegenteil: "Wenn wir die Stärke der Luftangriffe und der Attacken auf dem Boden aufrecht erhalten, werden wir dem IS noch sehr lange Widerstand leisten können", sagt er. Gänzlich aus der Stadt verdrängen, könnten seine Kämpfer die Islamisten allerdings nur, wenn sie deutlich mehr Munition und effektivere Waffen bekommen würden.

Als Nassan n-tv.de Mitte Oktober ein Interview gab, sagte er noch: "Ich glaube nicht, dass Kobane ohne zusätzliche Hilfe noch lange überleben kann." Die Lage in der zerbombten Stadt ändert sich womöglich also doch. Nur sind diese Veränderungen sehr ungewiss und sehr schwer greifbar - vor allem, wenn man nicht gerade auf zitterndem Boden steht und das Donnern der Kampfflugzeuge über sich hört.

Quelle: n-tv.de

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