Politik

Wie sinnvoll ist ein Verbot?: "Die Burka ist nicht im Sinne des Koran"

Eine Pflicht zur Vollverschleierung gibt der Koran "nur sehr schwer her", sagt die islamische Theologin Dina El Omari. Die Debatte über ein Burka-Verbot hält sie trotzdem für konstruiert: "Wir haben viel schwerwiegendere Probleme."

n-tv.de: Ist das Tragen eines Gesichtsschleiers oder einer Vollverschleierung im Islam theologisch begründet?

Dr. Dina El Omari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für islamische Theologie der Universität Münster.
Dr. Dina El Omari ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für islamische Theologie der Universität Münster.(Foto: Uni Münster)

Dina El Omari: Im Koran gibt es drei Stellen, die sich im weitesten Sinne mit der Bedeckung der Frau beschäftigen. Diese Textstellen lassen viel Spielraum, so dass man zu sehr unterschiedlichen Interpretationen kommen kann. Es ist auch nur eine relativ kleine Gruppe im Islam, die eine Vollverschleierung als Pflicht ansieht, denn eine solche Interpretation geben die Texte auch nur sehr schwer her.

Finden Sie es einen zu großen Eingriff in die Religionsfreiheit, einer Frau das Tragen von Niqab oder Burka zu verbieten?

Vor allem halte ich das für den völlig falschen Diskurs. Mich wundert diese Debatte, sie wirkt sehr konstruiert. Wir haben viel schwerwiegendere Probleme, etwa die Radikalisierungstendenzen unter einigen muslimischen Jugendlichen. Ich persönlich empfinde die Verpflichtung einer Vollverschleierung als durchaus problematisch, schon aus theologischen Gründen: Sie verstößt meiner Meinung nach gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter – ein Prinzip, das im Koran sehr stark angestoßen wird. Doch unabhängig davon, wie man zur Vollverschleierung steht, halte ich überhaupt nichts von einem Verbot der Burka.

Info-Box: "Burka-Verbot"

Die CSU hat bei ihrem Parteitag in November beschlossen, die Vollverschleierung von Frauen zu verbieten. Bei der CDU wurde ein entsprechender Beschluss vor einem Jahr an die Parteigremien überwiesen. Solche Beschlüsse laufen meist unter dem Stichwort "Burka-Verbot", obwohl nicht nur die Burka – ein Ganzkörperschleier, der vor allem in Afghanistan und in Pakistan getragen wird – gemeint ist, sondern der Niqab, der Gesichtsschleier.

Warum nicht?

Ein Verbot hätte das Gegenteil der beabsichtigten Wirkung zur Folge. Die betroffenen Frauen würden das nicht als Befreiung, sondern als Ausgrenzung verstehen. Diese Frauen wären dann noch stärker aus der Gesellschaft ausgegrenzt. Für viel sinnvoller halte ich es, wenn wir von innen heraus theologisch argumentieren, wenn wir aufzeigen, dass die Burka nicht im Sinne des Koran ist, weil sie im Gegensatz zur Gleichbehandlung der Geschlechter steht. Ein Verbot von oben würde im schlimmsten Fall eine Trotzreaktion provozieren.

Dass der Koran eine Gleichberechtigung von Mann und Frau vorsieht, klingt für die meisten Menschen hierzulande vermutlich überraschend.

Man muss den Koran diskursiv verstehen. Er ist innerhalb von 23 Jahren offenbart worden, das heißt, bestimmte Dinge wurden langsam eingeführt, damit die damalige Gesellschaft sich nach und nach darauf einstellen konnte. Das betrifft zum Beispiel die Einführung der Erbschaft: In vorislamischer Zeit durften Frauen nicht erben. In einem zeitgenössischen Verständnis vom Koran würde man sagen, wir müssen diese Anstöße weiterdenken, wie es etwa die feministische Exegese macht. Wir haben allerdings das Problem, dass der Koran sehr früh in einer patriarchalischen Lesart ausgelegt wurde. Viele unserer Theologen sind Männer, und die haben den Prozess, den der Koran angestoßen hat, gestoppt.

Gibt es Zahlen, wie viele Frauen in Deutschland überhaupt einen Schleier tragen?

Genaue Zahlen gibt es nicht. In Frankreich sollen es 2000 Frauen sein, unter insgesamt sechs Millionen Muslimen. Bei uns dürften es noch sehr viel weniger sein, weil die deutschen Muslime zum größten Teil einen türkischen Hintergrund haben, und in der Türkei ist die Burka verpönt. Ich würde schätzen, dass es in Deutschland 600 bis 800 Frauen sind.

Kennen Sie Frauen, die Gesichtsschleier tragen?

Nein. Hier in Münster habe ich ein einziges Mal eine Frau mit Gesichtsschleier getroffen.

Was dachten Sie da?

Da ging es mir wie allen anderen: Man findet das befremdlich. Ich trage selber Kopftuch, aber von dem Gesichtsschleier war ich auch irritiert. Es ist schwierig, wenn wir auf jemanden treffen, der sein Gesicht nicht zeigt, der gewissermaßen keine Identität hat.

So ähnlich argumentiert ja auch die CSU.

Ich verstehe das Bedürfnis, dass man seinem Gegenüber ins Gesicht sehen möchte. Aber ich glaube, ein Verbot ist aus den genannten Gründen nicht der richtige Weg.

Mit Dina El Omari sprach Hubertus Volmer

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Quelle: n-tv.de

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