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An einem Tisch mit Angela Merkel: Die Kanzlerin kommt mit der Kartoffelhacke

Von Christian Rothenberg

In der Vorwoche saß Peer Steinbrück im RTL-Studio, nun ist Angela Merkel an der Reihe. Sie verwandelt die Fragerunde mit Wählern in einen lockeren Plausch und erhält Einladungen zum Kochen und Singen. Brenzlig wird es nur zweimal.

Die Wahrheit über Angela Merkel wird häppchenweise serviert. Im Mai sitzt die Kanzlerin auf einer Berliner Theaterbühne und verrät, auf was sie bei Männern als Erstes achtet. "Schöne Augen." Später legt sie nach. Beim Kochen denke sie nicht ständig "Kanzlerin rührt im Kochtopf". Der Saal lacht. Einige Wochen später wird Merkel dann die Sache mit den Streuseln erzählen. Aus Sicht von Ehemann Joachim Sauer geht sie damit beim Backen nämlich zu sparsam um. Es ist so trivial - und trotzdem so raffiniert.

Reicht es für eine dritte Amtszeit? Die Wähler im RTL-Studio bewerteten den Auftritt der Kanzlerin überwiegend positiv.
Reicht es für eine dritte Amtszeit? Die Wähler im RTL-Studio bewerteten den Auftritt der Kanzlerin überwiegend positiv.(Foto: dpa)

Merkels Erfolgsgeheimnis basiert auf Neugier. Geht es um Persönliches, galt sie lange als zugeknöpft, doch die Deutschen wollen mehr wissen über die Frau, die sie regiert. So streut die Kanzlerin im Wahljahr wohldosierte Schnipsel aus ihrem Privatleben. Mit jeder Anekdote kann sie ablenken von prekären Themen wie der Euro-Rettung oder deutschen Waffenlieferungen. Plötzlich schwindet das Bild der kühlen Frau an den Hebeln der Macht. Sie wird fassbar, gewöhnlich. Als wolle sie allen zeigen: Hey, ich bin ein ganz normaler Mensch, ich bin eine von euch.

"Wir lieben beide Kartoffelsuppe"

Die Masche geht auf: Wenn es eins ist, das Merkel Ende September in ihre dritte Amtszeit hievt, dann ihre Beliebtheit. Ihren Joker spielt sie auch an diesem Sonntag, vier Wochen vor der Wahl, im Fernsehstudio aus. Sieben Wähler und RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel sitzen "An einem Tisch mit Angela Merkel". Vor einer Woche hatte hier bereits eine ähnliche Gruppe mit Peer Steinbrück zusammengesessen.

Doch während die Teilnehmer den SPD-Kanzlerkandidaten von Beginn an ordentlich in die Mangel nahmen, herrscht dieses Mal Harmonie. Anne Fasel, eine Tanzlehrerin aus Duisburg, verbrüdert sich gleich mit der Kanzlerin. "Wir haben eine ganz tolle Gemeinsamkeit, wir lieben beide Kartoffelsuppe." Was folgt ist eine Einladung. Man könne doch zusammen Kartoffeln ernten, um sie dann gemeinsam zu kochen. Merkel steigt gleich darauf ein und hakt nach. "Haben Sie eine gute Kartoffelhacke oder muss ich meine mitbringen?" Das Gespräch hat kaum begonnen, da menschelt es.

Freundlich empfangen wird der Gast aus dem Kanzleramt auch von Gerhard Bill, einem 47-jährigen IT-Spezialisten aus Frankfurt am Main. Ob sie nicht mal zum Abendbrot vorbei kommen wolle, um dabei zuzuhören, was seine Kinder erleben. "Als nette Geste könnten Sie dann vielleicht meine Kleinen ins Bett bringen und ein Lied singen." Merkel lächelt. "Das könnte ich hinkriegen." Die Runde spielt "Wünsch Dir was". Der Start hätte besser nicht gelingen können.

Griechenland, Syrien, NSA? Nein danke

Über Politik wird natürlich auch geredet. TV-Koch Christian Rach beklagt die Verdrossenheit bei jungen Menschen. Wie kommt man an die ran, will er wissen. Merkel erzählt von einem der über 45 Gipfel, die sie in den letzten vier Jahren organisiert hat, dem Zukunftsdialog im Frühjahr 2012. "Wovon wollen wir leben, wie wollen wir zusammenleben?" Damals sei sie durch Deutschland gereist, um in kleinen Städten mit Bürgern darüber zu sprechen. Eindringlich erwidert sie aber: "Wir hatten früher über fünf Millionen Arbeitslose, jetzt sind es unter drei. Man kann sagen, das kommt von alleine und hat mit der Politik nichts zu tun, aber ein bisschen vielleicht doch." Nicken in der Runde. Problem geklärt? Offenbar schon.

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Am Tisch unterhält man sich über Rente,  Elterngeld und Bildungsgipfel. Zu Griechenland, Syrienkrieg, Euro-Hawk- oder NSA-Affäre fällt nicht ein Wort. Doch dann wird es für Merkel plötzlich schwierig. Während ihres Einspielfilms kann Christel Paweski den Kummer nicht mehr länger verbergen. Der 70-jährigen Rentnerin laufen plötzlich Tränen über die Wangen. Sie hat 40 Jahre als Pflegehelferin gearbeitet, und trotzdem liegt ihr Lebensunterhalt unterhalb des Hartz-IV-Regelsatzes. "Ich bin nicht sozial schwach, ich bin arm. Haben Sie uns hier unten vergessen?", fragt sie Merkel. Die erwidert, sie kenne viele ältere Frauen, bei denen am Monatsende kein Geld mehr übrig sei für eine Fahrtkarte. Interessierte und sanfte Kanzlerin jetzt. "Wo haben Sie denn gearbeitet? Kriegen Sie Wohngeld?" Wenn man nach 40 Jahren Arbeit jeden Cent umdrehen müsse, sei das sicher nicht einfach. Dann wechselt plötzlich das Thema, die weinende Seniorin ist erst einmal nicht mehr zu sehen. Später wird sie der Politikerin die Note 3 geben, vor der Sendung war es noch eine 4 plus.

Merkel gibt den Wählern ein gutes Gefühl. Sie löst ihre Probleme nicht, häufig geht sie noch nicht einmal direkt auf die Fragen ein. Und trotzdem gelingt es ihr, die Gesprächspartner für sich einzunehmen. Mit ihrer ruhigen unaufgeregten Art wirkt sie fast deeskalierend. Falls einer der Sieben das RTL-Studio mit der Faust in der Tasche betreten haben sollte, dann ist der Ärger jedenfalls schnell verflogen. Harte Kritik bleibt ihr in der Diskussion erspart. Die Faszination für die 59-Jährige, "die mächtigste Frau der Welt", wie einer in der Runde schwärmt, siegt.

"Vier Kinder, das ist ja schon asozial"

Etwas in Bedrängnis gerät die Kanzlerin nur noch einmal. Die Eltern in der Runde beklagen gerade die kinderfeindliche Gesellschaft. "Ich rate meinen Kindern immer: Macht nicht denselben Fehler wie ich und bekommt vier Kinder", sagt die Journalistin Beate Krafft-Schöning. Sie warte bis heute auf eine Antwort auf die Frage, wie sich Karriere und Kinder vereinbaren ließen. IT-Spezialist Bill steigt ein. Wenn er mit seinen Kindern im Restaurant sei, gebe es häufig böse Blicke und Beschwerden über den Lärm. "Man kommt in den Touch, vier Kinder, das ist ja schon asozial."

Jetzt fragt Kloeppel die Kanzlerin, ob sie das auch schon erlebt habe. Für Merkel ist das Thema nicht ganz einfach. Lavieren oder Betroffenheit zeigen wäre für sie riskant, schließlich hat sie selbst keine Kinder. Doch sie reagiert blitzschnell. "Ich nehme das mal auf. Dann gründen wir zusammen ein Bündnis für Kinder", schlägt sie vor. Was das genau sein soll, bleibt offen. Ob Merkel das Versprechen einlöst? "Na klar. Ich bin doch nicht wahnsinnig und verspreche hier irgendwas vor Millionen von Zeugen." Und dann wird es wieder gemütlich. "Zu Ihnen komme ich ja sowieso in die Tanzschule", sagt sie vergnügt zu ihrer Tischnachbarin.

Am Ende der Sendung geben die Teilnehmer der Kanzlerin gute Noten. Kartoffelsuppen-Schwester Fasel, die vor der Sendung noch eine 3 minus verteilt hatte, gibt jetzt eine 3 plus. Bei Rach geht es von 3 plus hoch auf 2 minus, bei Krafft-Schöning von 3 auf 2 minus. "Um Sie zu motivieren für noch eine bessere Note", erklärt sie. Ein Häppchen Privates gibt es schließlich auch noch. Rach erkundigt sich: "Wie halten Sie sich fit? Haben Sie einen Trainingsraum, in dem Sie mit dem Medizinball jonglieren?" Von Samstag- bis Sonntagmittag habe sie in der Regel Freizeit, "stille Zeit ohne Außenkontakte", sagt Merkel. Die nutze sie zum Lesen, Nachdenken und durch den Wald laufen. "Ich muss immer mal wieder abtouren, damit ich wieder auftouren kann." Woher sie die Kraft nimmt, um das Land zu regieren und ob sie wirklich mit Medizinbällen trainiert, erfährt man nicht. Aber die Neugier ist erst einmal wieder befriedigt.

Quelle: n-tv.de

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