Politik
Ein kenianischer Polizeioffizier inspiziert in Manyani die G3-Gewehre von Rekruten der somalischen Polizei.
Ein kenianischer Polizeioffizier inspiziert in Manyani die G3-Gewehre von Rekruten der somalischen Polizei.(Foto: picture alliance / dpa)

"Das große Töten geschieht durch Kleinwaffen": Die Killerwaffen für Kinderhände

Von Gudula Hörr

Sie sind robust, billig und leicht zu beschaffen: Kalaschnikows, Uzis, G3-Gewehre. Und sie sind die eigentlichen Massenvernichtungswaffen des Jahrhunderts. Bis zu 400.000 Menschen sterben jährlich durch Kleinwaffen, die selbst von Kindern problemlos bedient werden können.

Bilderserie

Wer in manchen Regionen Afrikas über Märkte schlendert, kann bisweilen Erstaunliches entdecken. Nicht nur, dass in Ländern wie Angola allerlei Exotisches feilgeboten wird, an einigen Ständen breiten Händler auch ganze aus - Paletten von Schnellfeuergewehren samt Munition, alles kaum teurer als ein Sack Mais. Ob Kalaschnikows oder G3-Gewehre nach Konstruktionsplänen der deutschen Waffenschmiede Heckler & Koch - in Krisenländern wie Somalia oder Mali gehören Kleinwaffen zum Alltag, auf der Flagge Mosambiks prangt sogar die AK-47.

Rund 70 Millionen AK-47 Kalaschnikow-Gewehre und 10 Millionen G3-Gewehre sind schätzungsweise weltweit im Umlauf.
Rund 70 Millionen AK-47 Kalaschnikow-Gewehre und 10 Millionen G3-Gewehre sind schätzungsweise weltweit im Umlauf.(Foto: Reuters)

Genaue Zahlen gibt es nicht, doch Schätzungen zufolge sind fast 900 Millionen Kleinwaffen weltweit im Umlauf, für jeden achten Menschen eine. Deutsche Waffen boomen in USA finden sich mehr als 250 Millionen Kleinwaffen in Privatbesitz, umgerechnet kommen hier 96 Waffen auf 100 Einwohner. Damit liegen die Vereinigten Staaten noch weit vor Ländern wie Jemen, Libanon oder Irak.

Die Folgen dieser massiven Verbreitung leichter Waffen sind verheerend. Nicht nur, dass seit 1979 in den USA mehr Kinder durch Schusswaffen umkamen als US-Soldaten in Vietnam starben. Auch bis zu 90 Prozent aller Kriegsopfer sterben heute durch Kleinwaffen, die überwiegende Mehrheit von ihnen Frauen und Kinder. Berechnungen zufolge töten Handfeuerwaffen jedes Jahr zwischen 200.000 bis 400.000 Menschen, pro Tag sind dies bis zu 1100 Opfer.

"Der durch Kleinwaffen geforderte Blutzoll stellt den aller anderen Waffensysteme in den Schatten", so der einstige UN-Generalsekretär Kofi Annan. "Wir sorgen uns oft um Massenvernichtungswaffen. Aber das große Töten - ob in Darfur, im Kongo oder sonstwo - geschieht durch Kleinwaffen." Für ihn ist klar: Die Kleinwaffen sind die eigentlichen Massenvernichtungswaffen des 21. Jahrhunderts. Der derzeitige UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fasst es so: "Nuklearwaffen sorgen zwar für die Schlagzeilen. Aber es sind die konventionellen Waffen, die jeden Tag Menschen töten."

Billig und robust

Ein 10 Jahre alter Kämpfer der sogenannten Union Kongolesischer Patrioten.
Ein 10 Jahre alter Kämpfer der sogenannten Union Kongolesischer Patrioten.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Vorteile von Kleinwaffenliegen liegen für die kriegsführenden Parteien, für die Warlords auf der Hand: Sie sind leicht, billig und robust, so dass sie jahrzehntelang eingesetzt werden können. Außerdem sind sie kinderleicht zu bedienen, was fatale Konsequenzen hat. "Du lernst schnell, dass deine Waffe dein Leben ist. Sie ist deine Mutter. Sie passt auf dich auf - Tag und Nacht", meinte etwa eine 13-jährige ehemalige Guerilla-Kämpferin in Kolumbien. Klar ist: Die Zahl der weltweit schätzungsweise rund 250.000 Kindersoldaten fiele ohne Kleinwaffen deutlich geringer aus.

Lange wurde die tödliche Wirkung dieser Waffensysteme ignoriert. "Mit dem Argument, 'Kriege werden ja mit Panzern, großen Kriegsschiffen und Kampfflugzeugen geführt'", habe man früher alle möglichen Ausfuhren von Kleinwaffen sehr locker gehandhabt, sagt der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, Michael Brzoslka, im Gespräch mit n-tv.de. In Zeiten des Kalten Krieges belieferten der Ostblock wie der Westen eifrig ihre Verbündeten, Schnellfeuerwaffen überschwemmten ganze Regionen.

Doch auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging das Waffenkarussell weiter. Zwar wurden im Zuge der Abrüstung viele Waffen überflüssig. Doch nur selten wurden diese dann tatsächlich zerstört, vielmehr wanderten große Mengen von ihnen in Krisengebiete. Allein Deutschland gab 1991 mehr als 250.000 Schnellfeuergewehre vom Typ AK-47 aus DDR-Beständen an die Türkei weiter.

"Die Waffen reisen von Krise zu Krise"

Auch der illegale Handel blühte weltweit. Kaum endet ein bewaffneter Konflikt, tauchen die automatischen Waffen im nächsten Krisengebiet auf. "Die Waffen reisen von Krise zu Krise", meint etwa Friedensforscher Sami Faltas. "Die Beamten erhalten ein Schmiergeld und drücken dafür beide Augen zu, wenn die Lastwagen mit den Kleinwaffen über die Grenze rollen", so Faltas. "Oder sie werden einfach erschossen."

Boombranche Waffenhandel

Der weltweite Waffenhandel boomt seit Jahrzehnten. Der Jahresumsatz beträgt schätzungsweise 55 Milliarden Euro, davon entfallen allein auf die USA etwa 40 Prozent. Die fünf größten Waffenexporteure USA, Russland, Deutschland, Frankreich und Großbritannien sind zusammen für 75 Prozent der internationalen Waffenexporte verantwortlich. Der Umsatz mit Kleinwaffen beträgt offiziell rund 5 Milliarden Euro, inoffiziell ist er mindestens noch einmal so hoch.

Neben dem Handel - ob legal oder illegal - verbreiten sich Kleinwaffen auch durch Lizenzproduktionen. Nicht nur alle EU- und Nato-Staaten, auch problematische Länder wie Saudi-Arabien oder Mexiko, in denen die Menschenrechte verletzt werden, erhalten Lizenzen, um Waffen nach deutschen Konstruktionsplänen zu bauen. "Das ist ein Riesenproblem, weil wir nicht genau wissen, ob Saudi-Arabien etwa anfängt, den Markt mit Gewehren aus deutscher Konstruktion zu beliefern", meint der Waffenexperte von Amnesty International, Mathias John, im Gespräch mit n-tv.de.

Und es gibt noch ein Problem. "Lizenzen haben zwar eine befristete Laufzeit, aber auch nach deren Laufzeit wird offensichtlich weiter produziert", sagt John. "Wenn Pakistan immer noch G 3-Gewehre durch die staatliche Waffenfabrik anbietet, dann ist das eigentlich nicht mehr mit der ursprünglichen Lizenzlaufdauer zu vereinbaren." Bisher habe Amnesty noch keine Sanktionen seitens der Bundesregierung feststellen können. "Da gibt es nach unserer Beobachtung auch keine wirklichen Anstrengungen."

Die Waffe als Statussymbol: Eine Kalaschnikow mit vergoldeten Teilen und Holzschnitzereien.
Die Waffe als Statussymbol: Eine Kalaschnikow mit vergoldeten Teilen und Holzschnitzereien.(Foto: REUTERS)

Wenig Anstrengungen gibt es bisher auch beim internationalen Handel mit Munition. Lediglich 28 Staaten kontrollierten deren grenzübergreifenden Handel und noch weniger den Endverbleib derselben, kritisiert die Hilfs- und Entwicklungsorganisation Oxfam. Angeblich ist eine solche Kontrolle zu aufwändig und technisch kompliziert. Dabei ist klar: "Eine Kleinwaffe, ein Schnellfeuergewehr, eine Maschinenpistole ist nichts mehr wert, wenn nicht die Munition immer wieder nachgeliefert wird", so John.

Konferenz als "historische Chance"

John wie auch der Friedensforscher Brzoska setzen nun auf die internationale Tagung zur Begrenzung des Waffenhandels, die seit Anfang des Monats in New York tagt. Die Konferenz sei "eine historische Chance", so John, weil sich die Vereinten Nationen zum ersten Mal in einer Staatenkonferenz mit dem Thema Waffenhandel auseinandersetzten. Nichtregierungsorganisationen und Friedensforscher hoffen, dass bei der Konferenz ein tragfähiger Vertrag über den Waffenhandel (ATT) abgeschlossen wird, der weltweit strenge Standards für Importe und Exporte von Rüstung vorsieht. Schließlich dürfe man sich nicht damit abfinden, so Wolfgang Grenz, Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion, "dass es zwar internationale Regeln für den Handel mit Bananen, aber nicht für den Waffenhandel gibt."

Allerdings steht noch in den Sternen, wie erfolgreich die Konferenz tatsächlich wird. Amnesty, Oxfam und andere NGOs wollen die "Goldene Regel" weltweit zur Pflicht machen: "Niemand darf Waffen exportieren, wenn die Gefahr besteht, dass mit ihnen Menschenrechte verletzt werden." Auch müsse es ordentliche Kontrollmechanismen geben und besonders der Handel mit Munition besser kontrolliert werden.

Gegen scharfe Regeln stemmen sich aber noch etliche Staaten, allen voran China und Russland prassen und auch die USA. In den USA sähen besonders starke Kreise der Waffenlobby den 2. Verfassungsgrundsatz des Landes - dass nämlich jedermann eine Waffe tragen darf - durch ein mögliches Abkommen gefährdet, so John. Aber auch kleine Staaten wie Kuba und Venezuela sowie Staaten, die in Konfliktzonen liegen, gelten als Bremser. Sie treibt die Sorge um, dass sie nach einem Vertrag möglicherweise schwieriger an Waffen kämen.

Friedensforscher Brzoska zeigt sich darum skeptisch. Im Grunde kann ein internationaler Waffenhandelsvertrag "nur die Exzesse einschränken". Allerdings gibt es einen Hoffnungsschimmer. Schließlich sind inzwischen auch viele Waffenproduzenten wie Deutschland an einem robusten Vertrag interessiert - und sei es aus purem Eigeninteresse. "Die meisten Herstellerstaaten", so Brzoska, "sind sich schließlich bewusst, dass der Waffenhandel ein schlechtes Image hat und setzen alles daran, um dieses Image etwas zu verbessern."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen