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Ein Jahr nach der Annexion: Die Krim - Paradies und Gefängnis

Von Christian Rothenberg

Im März 2014 nimmt Russland die Krim in die Föderation auf. Obwohl es den Bewohnern schlechter geht, sagen die meisten, dass sie glücklich sind. Minderheiten klagen jedoch - über Hass-Briefe und Verfolgung.

Dmytro Shevchenko kann nicht mehr nach Hause. "Ich habe meine Heimat verloren", sagt er. Shevchenko ist 1983 in Jevpatoria geboren, bis 1999 lebte er auf der Halbinsel. Doch heute kann er, der Staatsbeamter in Kiew ist, nicht zurück zu seiner Mutter und Großmuter auf der Krim. "Ich habe Angst, bei der Einreise verhaftet zu werden", sagt er. Ukrainische Medien berichteten wiederholt von Festnahmen.

Seit einem Jahr streitet die Welt über die Annexion der Krim. Zehntausende Russen feierten im März 2014 den Beitritt zu Russland. Aber was ist seitdem geschehen? Und: Ist die Annexion eine Erfolgsgeschichte?

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Shevchenko sieht das nicht so. Auf der Halbinsel habe sich das Leben verändert. "Früher war es kein Problem, dass wir Ukrainer sind, jetzt ist es eins." Shevchenkos Verwandte klagen über handgeschriebene Zettel in ihren Postkästen. "Ukrainer, raus aus der Krim", steht darauf und: "Wir werden euch alle töten." Shevchenko will seine Familie nach Kiew holen. Nur findet sich kein Käufer für das Haus, die Nachfrage ist niedrig. Kein Wunder: Laut der Menschenrechtsorganisation Krim-SOS haben 20.000 Personen die Halbinsel seit März 2014 verlassen.

Darunter befinden sich viele Krimtataren. Die turksprachige Ethnie wurde 1944 vom sowjetischen Diktator Josef Stalin nach Zentralasien deportiert. Umso größer war die Angst nach dem Referendum. Moskau nahm die Krimtataren zwar in das Gesetz zur Rehabilitierung unterdrückter Völker auf und die neue prorussische Führung erhob Krimtatarisch zur Landessprache. Dennoch sind viele Krimtataren unzufrieden. Die versprochene Quote von 20 Prozent der Parlamentssitze blieb unerfüllt, eine Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Deportation wurde verboten. Tatarenführer Mustafa Dschemilew erhielt eine Einreisesperre. Krimtatarische Medien beklagen Schließungen und Zensur, Moscheen Durchsuchungen. Oberstaatsanwältin Natalja Poklonskaja drohte den Krimtataren mit hohen Strafen und sogar mit Deportation, sollten sie Unruhen auslösen.

"Wir sind Russen"

Ex-Sowjetführer Nikita Chruschtschow
Ex-Sowjetführer Nikita Chruschtschow(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die meisten Krim-Bewohner sind jedoch zufrieden. Eine neue Studie kommt zu dem Schluss, dass 90 Prozent der Bewohner den Beitritt unterstützen, nur vier Prozent sind dagegen. Zu den Glücklichen zählt Violetta Tischina. Die 70-Jährige aus Simferopol erinnert sich an den Tag der Annexion: "Eine solche Freude, einen solchen Enthusiasmus habe ich auf der Krim vorher nie gesehen. Wir hätten nie gedacht, dass so etwas möglich ist - und das alles ohne Blutvergießen." Der Beitritt zu Russland sei eine historische Wiedergutmachung. "Wir sind russisch erzogen worden, haben russische Literatur gelesen - wir sind Russen."

In Russland dreht man gern an den historischen Tatsachen, um die Ereignisse vor einem Jahr zu rechtfertigen. Außenminister Sergej Lawrow erklärte kürzlich, die Krim-Annexion sei legitimer als die deutsche Wiedervereinigung - schließlich hätten die Menschen in einem Referendum abstimmen können. In Moskau gibt es Pläne, den Beschluss von Ex-Sowjetführer Nikita Chruschtschow für illegitim zu erklären. Dieser hatte die Krim 1954 an die Ukraine übergeben.

Über eines kann all dies jedoch nicht hinwegtäuschen: Ein Jahr nach der Annexion ist die Krim isoliert. Bisher wurde die Halbinsel großteils vom ukrainischen Festland aus mit Strom und Wasser versorgt. Doch die ukrainische Regierung kündigt die Unterstützung. Neue Kraftwerke sollen gebaut werden, nur die benötigten Generatoren werden infolge der westlichen Sanktionen nicht geliefert.

Militärparade in Sewastopol im Dezember
Militärparade in Sewastopol im Dezember(Foto: imago/ITAR-TASS)

Zwar stiegen seit der Annexion sowohl Renten als auch die Beamtengehälter. Doch die heftige Inflation verhindert, dass die Bevölkerung davon profitiert. Die Preise für Mehl und Buchweizen zogen seit Anfang 2014 um 92 Prozent an, die für Obst um 113 Prozent, Eier wurden sogar 184 Prozent teurer. Das Angebot in den Geschäften ging erheblich zurück.

Die Krim zahlt die Rechnung für ihre Wiedereingliederung selbst. Spricht man prorussisch eingestellte Bewohner auf die Folgen der Annexion an, zucken diese oft nur mit den Schultern. "Um Teil Russlands zu sein, nehmen sie Einbußen in Kauf", sagt Ukraine-Expertin Liana Fix. Das gilt umgekehrt auch für das russische Mutterland. "An der Invasion in der Ostukraine gibt es in Russland durchaus Kritiker, aber die Krim ist wie der heilige Gral. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung wird dort nicht gemacht."

Gefährliche Meinung

Die fiele eindeutig negativ aus. Die Zug- und Straßenverbindungen zum ukrainischen Festland wurden gekappt. Nur Flugzeug und Fähre bringen noch fort von der Halbinsel, aber eben nur in Richtung Russland. Der Tourismus, der bislang größte Wirtschaftszweig der Krim, liegt brach. Inselweit sank die Zahl der Touristen um die Hälfte. Kreuzfahrtschiffe legen kaum noch an. Die Krimer Lokalregierung fuhr im Sommer mit Bussen Lehrer und Schülern an die Strände, damit diese nicht so leer aussehen. Die Ausfälle kann dies jedoch nicht kompensieren. Ausländer, die in den vergangenen Jahren viel Geld brachten, kommen nicht mehr auf die Krim.

Nadiya Soprun spürt die Konsequenzen am eigenen Leibe. Die 50-Jährige führte bis vor einem Jahr ausländische Touristen über die Insel. Jetzt ist die Frau aus Jalta arbeitslos. "Glücklich sind auf der Krim nur die, die nicht an die Zukunft denken. Es sind vor allem die älteren Menschen. Sie träumen von der Wiedergeburt der Sowjetunion", sagt sie. Die Menschen seien ängstlicher und schweigsamer geworden, kaum jemand traue sich, etwas Kritisches zu sagen. Und nicht nur das: "Früher war es egal, welche Sprache man gesprochen hat. Heute schauen dich die Leute sofort böse an, wenn du Ukrainisch sprichst."

Soprun gehört zu den vier Prozent der Krim-Bewohner, die laut der Umfrage unzufrieden sind. Sie glaubt, dass es in Wahrheit wesentlich mehr sind. "Es ist gefährlich geworden, seine Meinung zu sagen", sagt sie, die sich zurzeit in Kiew aufhält. Wieso bleibt sie nicht einfach dort und fängt ein neues Leben an? Auch in der Ukraine sei es schwer, Arbeit zu finden, die wirtschaftliche Lage sei sehr problematisch - aber der Gedanke reizt sie.

"Ich will eigentlich gar nicht zurück. Ich fühle mich so wohl in Kiew", sagt sie. "Auf der Krim ist es wie in einem Gefängnis."

Mitarbeit: Anastasia Tscheprassow

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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