Politik
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Was will der Herrscher von Pjöngjang?: Die Marotten des Kim Jong Un

Von Christoph Herwartz

Was für eine Provokation! Ein höchstens 30-jähriger Diktator im hintersten Winkel Asiens hält die Welt mit Atomwaffen und einer riesigen Armee in Atem. Wie ernst ist es dem Mann, der sich als "geliebter Führer" verehren lässt?

Der Schüler Joao Micaelo war beeindruckt: In der Wohnung seines neuen Schulfreundes Un Pak stand ein Fernseher mit verschiedenen Spielekonsolen, die so neu waren, dass es sie in der Schweiz eigentlich noch gar nicht zu kaufen gab. Außerdem besaß Un alle Jackie-Chan-Filme und einen Minidisc-Player. Diesen benutzte er vor allem, um seinen Freunden damit die Nationalhymne der Demokratischen Volksrepublik Korea vorzuspielen. Dass Un Pak eigentlich Kim Jong Un heißt und 16 Jahre später die Welt mit seinen Atomwaffen in Atem halten würde, ahnte Joao damals nicht. Dabei verriet der Koreaner einmal sein Geheimnis: Er holte ein Foto hervor, das ihn mit dem Diktator Kim Jong Il zeigte und sagte: "Ich bin der Sohn des Präsidenten." Joao interessierte sich dafür nicht. Erstens hielt er es für Wichtigtuerei, zweitens war ihm Politik egal.

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Die Aussage von Joao Micaelo ist eine der wenigen unabhängigen Informationen über Kim Jong Un. Dessen Land ist abgeschottet wie kein anderes, westliche Journalisten haben ihn noch nie getroffen. Einen Versuch, seine Absichten im Ausland zu erklären, hat Kim noch nie gemacht – ebenso wie sein Vater und sein Großvater, die das Land zuvor beherrschten. 

Geboren wurde Kim Jong Un wohl am 8. Januar 1983 oder auch 1984, eine offizielle Angabe dazu gibt es nicht. Aus seiner Kindheit berichtet ein japanischer Koch, der für die Familie tätig war. Schon damals sei klar gewesen, dass der jüngste Sohn des Führers Kim Jong Il einmal der Nachfolger werden würde. "Kim Jong Un ist ein geborener Führer", berichtete der Koch im japanischen Fernsehen. "Er war immer derjenige, der Vorschläge für seine älteren Brüder gemacht hat – zum Beispiel, wie sie zusammen spielen sollen."

"Genie" im Trainingsanzug

Die Brüder spielen in Nordkorea keine Rolle. Der ältere, Kim Jong Nam, wurde einmal in Japan aufgegriffen, wo er ein Luxus-Leben führte. Über den jüngeren, Kim Kong Chol ist praktisch nichts bekannt. Seine Schwester Kim Sol Song soll im Propaganda-Ministerium gearbeitet und später in Paris studiert haben.

In seiner Klasse in der Schweiz galt der vermeintliche Un Pak als Außenseiter.
In seiner Klasse in der Schweiz galt der vermeintliche Un Pak als Außenseiter.(Foto: picture alliance / dpa)

Dem Vater Kim Jong Il war wohl schon früh klar, dass sein Jüngster einmal die Macht erben sollte. Darum schickte er ihn in die Schweiz, wo er zunächst in einer Privatschule in Bern lernte und dann 1997 als Jugendlicher in den Vorort Liebefeld zog. Sein dortiger Schulfreund Joao Micaelo berichtete Medien von Kim Jong Un, der sich damals als Sohn des nordkoreanischen Botschafters in Bern ausgab. Dass es sich wirklich um Kim handelte, gilt mittlerweile als gesichert. Weil neben Joao ein Platz frei war, nahm der neue Schüler neben ihm Platz. Der Koreaner sprach zunächst wenig Deutsch und Englisch. Beides verbesserte sich in den folgenden Jahren, auch in Mathematik war Kim ein guter Schüler. Zum "Genie", wie die Staatsmedien ihn darstellen, reichten die Leistungen aber wohl nicht. Kim zeigte ein Talent im Zeichnen von Comics und begeisterte sich für Basketball, was er fast jeden Tag spielte. Das Leben in dem Vorort schildern Medien als relativ langweilig, aber Kim genoss die Vorzüge eines Diplomatensohnes, verfügte etwa über einen Chauffeur. Einmal ließ er sich mit Joao zu einem Basketball-Spiel nach Paris fahren.

Den Lehrern und Mitschülern kam Kim merkwürdig vor. Er galt als Außenseiter, trug ausschließlich graue Trainingsanzüge von Nike und hatte nur vier Freunde. Im Frühjahr 2001 ließ der Koreaner seine Lehrerin wissen, dass seine Schulzeit nun beendet sei und reiste in die Heimat. Einmal noch besuchte er den Schulfreund, um eine Runde Basketball zu spielen. Er hinterließ eine E-Mail-Adresse, die Joao allerdings nie anschrieb und später verlor, als sein Computer kaputt ging. Einen weiteren Kontakt zwischen beiden gab es darum laut Joao nicht.

Der Diktator ganz privat

Kim, so berichten es die nordkoreanischen Staatsmedien, besuchte fortan die Militärakademie in Pjöngjang, die er 2006, selbstverständlich mit Bestnoten, abschloss. Der Öffentlichkeit wurde er erst 2009 vorgestellt, wobei er zunächst auf Fotos neben seinem erkrankten Vater auftauchte. Erst war gar nicht bekannt, um wen es sich handelte. Nach und nach inszenierten ihn die Staatsmedien als großes politisches Talent. Er übernahm politische Ämter, wurde zum General ernannt und ließ sich vom Volk bejubeln. Spätestens, als er beim Begräbnis seines Vaters den Trauerzug anführte, war klar, dass er zukünftig das Land regieren würde.

Als Kim Jong Un im Dezember 2011 zum neuen Führer seines Landes ernannt wurde, hofften viele auf Veränderungen. Die Schulzeit in der Schweiz könnte dem jungen Mann auch westliche Werte nähergebracht haben. Kim könnte auf weitere Atomwaffentests verzichten und durch Wirtschaftsreformen die Armut im Land mildern, so die Hoffnung. Nötig wäre das: Die Planwirtschaft kann die Menschen nicht angemessen versorgen. Die UN schätzt, dass zwei von drei Nordkoreanern auf Lebensmittelhilfen angewiesen sind. Mehr als jedes vierte Kind soll unterernährt sein. Der Alltag wird von ständigen Stromausfällen bestimmt, die Fenster der Häuser sind selten verglast, obwohl es im Winter bitterkalt werden kann.

Bei seiner Inszenierung setzt Kim Jong Un auf Volksnähe.
Bei seiner Inszenierung setzt Kim Jong Un auf Volksnähe.(Foto: REUTERS)

Mit seinen Auftritten nährte Kim die Hoffnungen auf einen Wandel. Er präsentierte seine Frau, die Pop-Sängerin Ri Sol Ju, die er angeblich bereits 2009 heiratete und mit der er ein Kind hat. Später tauchte sie sogar schwanger in den Medien auf, das zweite Kind muss vor einigen Wochen geboren worden sein. Während Kim Jong Il sich lediglich beim Inspizieren der Staatsbetriebe fotografieren ließ, zeigte sich das Paar bei Konzerten – vornehmlich mit tanzenden Disney-Figuren – und in einem Freizeitpark. Auf Fotos lächelt Kim ab und an, mal raucht er lässig eine Zigarette.

Führerkult und Atomprogramm

Bedeutete der andere Stil auch eine Veränderung in der Abschottungspolitik des Landes? In der Neujahrsansprache 2013 sprach der junge Herrscher von einer "radikalen Wende", vom Ziel, das Land zu einem "wirtschaftlichen Riesen" zu machen und sogar von der Möglichkeit zur Wiedervereinigung mit dem Süden. Schon der Umstand, dass er sich zu Neujahr überhaupt direkt an das Volk wandte, wurde als gutes Zeichen gewertet, sein Vater hatte das nie getan.

Der Test einer Atombombe im Februar machte die Hoffnungen zunichte. Nun ist klar, dass Kim Jong Un das Land so eisern führen will, wie dies schon sein Vater Kim Jong Il und sein Großvater Kim Il Sung taten. Diese bauten einen Führerkult auf, wie es ihn sonst nur in Sekten gibt. Den Machthabern werden übernatürliche Kräfte zugeschrieben. Die staatliche Nachrichtenagentur KCNA meldet, Kim Jong Il sei kommunistischen Kämpfern schon in den 40er Jahren erschienen. Sein angeblicher Geburtsort ist eine Pilgerstätte. Zehntausende Statuen der Kims dienen der Heldenverehrung. Die Geburtstage der Führer werden mit bombastischen Zeremonien gefeiert.

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Zum Führerkult kommt das Atomprogramm hinzu, mit dem sich Kim Il Sung auch gegen Bedrohungen von außen wirksam absicherte. Über acht bis zwölf nukleare Sprengköpfe soll die überdimensionierte Armee verfügen, drei Atombombentests gab es mittlerweile. Kim Jong Un treibt das Spiel seines Vaters weiter. Mal nimmt er einen Atomreaktor in Betrieb, mal verlegt er eine Trägerrakete – Zeichen, die im Ausland niemand mit Sicherheit deuten kann. Die Botschaft an die äußeren Feinde ist unklar, innerhalb Nordkoreas wird damit ein Klima der Bedrohung geschaffen, das die Loyalität von Arbeitern und Streitkräften sichern soll – die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wird diesem Ziel untergeordnet.

Glaubt er an die Bedrohung?

Kim Jong Un, so scheint es, will den Schrecken, den sein Vater verbreitete, noch übertreffen, um seine Unerfahrenheit wettzumachen. Es ist gut vorstellbar, dass er angesichts seiner Jugend auch in den engeren Führungszirkeln des Landes einen schweren Stand hat. Diese bestehen aus der Kim-Familie sowie einigen weiteren Familien. Insgesamt sollen es rund 200 Personen sein. Kims Tante Kyong Hui soll eine wichtige Rolle spielen, auch ihr Mann wird immer wieder genannt. Die Experten sind sich nicht darüber einig, ob Kim diese Kreise beherrscht oder von ihnen gesteuert wird.

Ebenso unklar ist, ob Kim selbst an die vermeintliche Bedrohung durch die USA glaubt, gegen die er sich angeblich wehrt. Denkbar ist durchaus, dass ihm die Informationen, die er bekommt, Angst machen. Dazu müsste er nicht verrückt sein, wie immer wieder spekuliert wird. Es würde ausreichen, wenn er von seinen Leuten mit zweifelhaften Nachrichten versorgt würde. Das derzeit stattfindende Manöver, das die USA gemeinsam mit Südkorea derzeit im Japanischen Meer abhalten, kann dann leicht als Invasionsversuch gewertet werden.

Aber wird Kim Jong Un den ersten nuklearen Schuss abgeben? Das erscheint eher unwahrscheinlich. Denn seine Provokationen sind auf den unbedingten Erhalt der Macht angelegt. Einen Krieg mit den USA würden aber weder er selbst noch sein Regime überleben. Gefährlich ist sein Gebaren dennoch. Schließlich kann auch aus Missverständnissen heraus ein Krieg entstehen.

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Quelle: n-tv.de

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