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Neuanfang mit alten Gesichtern: Brüderle und Rösler.
Neuanfang mit alten Gesichtern: Brüderle und Rösler.(Foto: dpa)

Wie Rösler den Machtkampf gegen Brüderle gewann: Die sonderbare Doppelspitze

Von Christian Rothenberg

Es passiert hinter verschlossenen Türen. Die Liberalen ringen um ihre Zukunft. Parteichef Rösler bietet seinen Rücktritt an und schlägt Fraktionschef Brüderle als Nachfolger vor. Am Ende kommt es zu einem eigenartigen Deal.

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Wenn Politikern die Vokabeln ausgehen, greifen sie einfach zu sportlichen Vergleichen. Der Parteichef ist der Kapitän, der neue Spitzenkandidat sieht sich als Torjäger - so einfach klingt sie liberale Aufgabenaufteilung. "Wir werden einige erfolgreiche Doppelpässe spielen", sagt Philipp Rösler und blickt verwegen hinüber zu Rainer Brüderle.

Machtkämpfe schreiben doch die schönsten Geschichten. Da stehen sie nun plötzlich doch wieder zusammen auf einer Bühne. So als sei es das Normalste auf der Welt. Der alte und neue Parteichef der FDP und ihr neuer Spitzenkandidat: Sie wollen die Partei in den Bundestagswahlkampf führen. Dass sich die beiden charakterlich nicht gerade ähnlich sind, sieht Rösler nicht als Hindernis. Man habe eine gemeinsame Grundhaltung und gemeinsame Ziele. "Wir sprechen unterschiedliche Typen an und ergänzen uns." Davon versprechen sich beide auch einen Stimmenzuwachs für die im Bund so gebeutelte Partei.

Viele Beobachter reiben sich verwundert die Augen. Am Tag nach dem mit knapp zehn Prozent herausragenden FDP-Ergebnis in Niedersachsen sendet die Partei eine merkwürdige Botschaft aus. Bei der Sitzung der Parteispitze war es am Morgen zu einem wahren Showdown gekommen. Der größte Teil spielt sich hinter verschlossenen Türen ab. Doch auf wundersame Weise dringen die wichtigsten Details hinaus an die Öffentlichkeit. Rösler hatte dort zunächst seinen Rücktritt angeboten und Fraktionschef Brüderle als neuen Parteichef und gleichzeitig als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl vorgeschlagen.

Drama mit kurioser Wende

Röslers Angebot ist ein cleverer Schachzug. Er setzt Brüderle, der parteiintern als sein größter Rivale gilt, unter Druck. Entweder er übernehme die Partei und die gesamte Verantwortung – oder er müsse Rösler die Treue schwören. Es sieht so aus, als könnte es ein Abschied mit Würde werden. Das starke Abschneiden bei der Landtagswahl bietet Rösler eine gute Verhandlungsposition. Er kann hoch pokern, denn es ist das perfekte Zeitfenster für einen Rückzug, die Möglichkeit für einen sauberen Schnitt. Einen derart angenehmen Abschied hatten ihm in den vergangenen Wochen noch die wenigsten zugetraut. Der Wachwechsel zeichnet sich ab.

Der Vorstoß des Parteichefs macht schnell die Runde - und überrascht. Noch am Wahlabend hatte der schleswig-holsteinische Fraktionschef Wolfgang Kubicki Rösler demonstrativ den Rücken gestärkt. "Ich hoffe und wünsche mir, dass die Debatte um meinen Parteivorsitzenden etwas mehr an Ruhe gewinnt", sagt er. Es sei nicht mehr nötig, den im Mai geplanten Parteitag vorzuziehen. Aber genau das passiert. Der Parteitag soll nun schon im März stattfinden.

Doch viel kurioser ist eine andere Wende, die sich an diesem Morgen spielt. Denn es kommt letztlich doch ganz anders. Brüderle lehnt das Angebot ab. Die genauen Gründe sind unklar. Er strebe nicht nach dem Amt, heißt es. Der Machtkampf der Liberalen spitzt sich zu. Rösler und Brüderle ziehen sich zu einem Vier-Augen-Gespräch zurück. Hier einigen sie sich auf eine Arbeitsteilung: Der 39-jährige Rösler soll auf dem vorgezogenen Parteitag als Parteivorsitzender wiedergewählt werden, Brüderle Spitzenkandidat der Partei für die Bundestagswahl werden. "Es war nie meine Absicht, Parteivorsitzender zu werden", sagt Brüderle später. Ein Mitglied der FDP-Parteiführung spottet: "Brüderle hat gekniffen."

Die Sache mit der Eiche

Es ist ein wahrlich ungewöhnliches Tandem, das später mit zwei Stunden Verspätung vor die Presse tritt. Ausgerechnet die beiden. Brüderle beobachtet den Rivalen mit Skepsis. Ihr Verhältnis gilt seit jeher als distanziert. Kaum wird Rösler 2011 Parteichef, nimmt er ihm das geliebte Wirtschaftsministerium weg. Es ist nicht die letzte Konfrontation der beiden. Als die Partei 2012 von einer Krise in die nächste schlittert, gilt Brüderle schnell als starker Mann in der Partei. "Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin- und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche", sagt er einmal. "Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr." Wer gemeint ist, ist klar.

In den vergangenen Tagen ist es Brüderle, der vehement ein Vorziehen des Parteitags gefordert hat. Viele werteten dies als klares Indiz, dass er die Neuaufstellung seiner Partei vor der Bundestagswahl forcieren will. Mit ihm selbst an der Spitze, wird vermutet. Am Abend der Niedersachsen-Wahl betritt Rösler unter Anfeuerungsrufen die Bühne. Die Freidemokraten feiern ihn für das tolle Ergebnis. Brüderle steht etwas abseits. Er lehnt es ab, mit Rösler gemeinsam auf die Bühne zu treten.

Aber nach der Wahl ist nicht vor der Wahl. Acht Monate vor dem bundesdeutschen Urnengang hat die FDP zwar keinen neuen Parteichef, aber die Führungsfrage scheint geklärt. Seit dem 21. Januar demonstriert die neue Doppelspitze Geschlossenheit. "Sie kriegen keinen Keil zwischen uns beiden", sagt Brüderle kämpferisch. Rösler gelingt es später sogar noch, andere Rivalen zum Teil des Neuanfangs zu machen. Im Wahlkampf seien auch "die hervorragenden Wahlkämpfer Wolfgang Kubicki und Christian Lindner" wichtig.

Die Konkurrenz hat für Kapitän Rösler und Superstürmer Brüderle schon ihre eigenen Spitznamen gefunden. Andreas Nahles konnte sich einen Seitenhieb auf den turbulenten Tag der Liberalen nicht verkneifen. "Cäsar und Brutus regieren jetzt gemeinsam."

Quelle: n-tv.de

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