Politik
Trauernde haben für den vermeintlichen Toten Kerzen vor dem Lageso aufgestellt.
Trauernde haben für den vermeintlichen Toten Kerzen vor dem Lageso aufgestellt.(Foto: dpa)

Kein toter Flüchtling in Berlin: Es war eine Lüge

Von Sebastian Huld

Medien und Behörden schlagen Alarm: In Berlin soll ein Flüchtling infolge der Verhältnisse beim Lageso gestorben sein. Doch es gibt keine Spuren von dem Toten. Das Ehrenamtlichen-Netzwerk "Moabit hilft", von dem die Information stammt, hat nun ein Problem.

Die gute Nachricht vorweg: Es ist kein Flüchtling an den Folgen des chaotischen Flüchtlingsmanagements in Berlin gestorben. Am Ende eines für Behörden, Flüchtlingshelfer und Medienvertreter intensiven Tages gab die Polizei Entwarnung: Die Meldung vom Asylbewerber in der Hauptstadt ist frei erfunden.

Doch erledigt ist der Fall damit noch nicht, im Gegenteil. Dass das Netzwerk "Moabit hilft" eine Lügengeschichte verbreitet hat, dürfte auch auf das Netzwerk selbst zurückfallen. Denn in einem Atemzug mit der Bekanntgabe der Todesnachricht benannte die Sprecherin Diana Henniges auch die Schuldigen: Das Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) und den zuständigen Senator Mario Czaja (CDU).

Diana Henniges gibt vor dem Lageso eine improvisierte Pressekonferenz.
Diana Henniges gibt vor dem Lageso eine improvisierte Pressekonferenz.(Foto: dpa)

Der Reihe nach: In der Nacht macht ein Facebook-Post die Runde, der von der ehrenamtlichen Helferin Reyna B.  stammt. Der Berliner "Tagesspiegel" zitiert: "Jetzt ist es geschehen. Soeben ist ein 24-jähriger Syrer, der tagelang am Lageso bei Minusgraden im Schneematsch angestanden hat, nach Fieber, Schüttelfrost, dann Herzstillstand im Krankenwagen, dann in der Notaufnahme - VERSTORBEN".

Es dauert nur wenige Stunden, bis die großen Nachrichtenagenturen und mit ihnen auch die überregionalen Medien über den Fall berichten. Allen ist klar: Ein Toter wegen der Missstände am Lageso hätte ein politisches Erdbeben zur Folge. Der seit Monaten in der Kritik stehende Czaja wäre kaum noch zu halten.

Ein berühmter Helfer

Das weiß auch Henniges. Die Sprecherin von "Moabit hilft" gibt den Medien Auskunft: Der von Reyna B. geteilte Facebook-Post beruhe auf Informationen von Dirk V. Dieser habe den Syrer bei sich aufgenommen, nachdem der junge Mann tagelang im Schneematsch vor dem Lageso angestanden habe, ohne Geld, Obdach oder einen Krankenschein zu bekommen. V. habe den erschöpften Mann bei sich aufgenommen und schließlich einen Krankenwagen alarmiert. Noch im Rettungswagen sei der Asylbewerber einem Herzstillstand erlegen.

V. ist kein Unbekannter, sondern einer der engagiertesten und bekanntesten Ehrenamtlichen bei "Moabit hilft". Wiederholt hat er Flüchtlinge bei sich schlafen lassen, weil das Lageso es nicht schaffte, ihnen eine Unterkunft zu besorgen. Sogar ausländische Medien berichteten über V. und seinen Lebenspartner, die zahlreiche muslimische Männer bei sich schlafen ließen. Wohl auch deshalb verteidigt "Moabit hilft" bis zuletzt die Glaubwürdigkeit von V.

Doch V. taucht noch am Vormittag ab. Er öffnet weder Bekannten noch Polizisten seine Wohnungstür, das Handy ist aus. Vor dem Abschalten schreibt er noch Henniges, er wolle sich zunächst nicht äußern und werde sich noch früh genug an die zuständigen Behörden wenden.

Nervosität in Czajas Behörde

Weil dies aber nicht passiert, müssen die Behörden selbst Licht ins Dunkel bringen. "Seit 7.00 Uhr morgens telefonieren wir mit 30, 40 Mann alle Rettungsstellen und Krankenhäuser ab", sagt Czajas Sprecher Sascha Langenbach zur Mittagszeit. Er ist hörbar angespannt. Seit einigen Tagen steht sein Chef wieder einmal in der Schusslinie. Erst am Vortag hat er Medienberichte bestätigen müssen, wonach wegen eines Bearbeitungsstaus beim Lageso Flüchtlinge über viele Tage kein Geld ausbezahlt bekamen. Den Berichten zufolge konnten sich die Betroffenen zeitweise keine Lebensmittel kaufen und waren auf Spenden angewiesen.

Es sind genau diese Verhältnisse, die erst zur Gründung von "Moabit hilft"  und dann zur Rivalität zwischen dem Netzwerk und dem Lageso geführt hatten. Immer wieder kritisierten die freiwilligen Helfer medienwirksam Berlins Chaos bei der Registrierung und Versorgung der Flüchtlinge an. Vom Lageso fühlten sich die Helfer in ihrer Arbeit behindert.

Manche Lageso-Mitarbeiter wiederum fühlten sich von den Ehrenamtlichen zu Unrecht an den Pranger gestellt. So geschehen am 6. Januar, als das Netzwerk berichtete, einige Flüchtlinge hätten sich beim Warten vor dem Amt Erfrierungen zugezogen. Die Meldung stellt sich als Übertreibung heraus. Die Verhältnisse vor dem Amt sind in diesen eisigen Januartagen zwar tatsächlich eine Katastrophe, doch kein Arzt weiß von Erfrierungen.

Ein Tweet macht die Runde

Am Morgen der Todesmeldung fordert Henniges beharrlich Czajas Rücktritt. Die Verhältnisse vor dem Lageso seien "untragbar". Das @moabithilft twittert: "Du kamst aus Syrien. Du hast so viel überlebt. Du hast das Lageso nicht überlebt." Der Post verbreitet sich in Windeseile.

Am frühen Abend schließlich kann die Polizei endlich mit Dirk V. sprechen. Nachdem die Beamten bei keinem Krankenhaus und bei keiner Rettungsstelle irgendetwas über einen toten Flüchtling in Erfahrung bringen konnten, kann auch V. nicht weiterhelfen, im Gegenteil: Er räumt ein, sich die Geschichte ausgedacht zu haben. Zu etwa jenem Zeitpunkt hat Czaja seinen Auftritt in der "Abendschau" des RBB schon hinter sich. Es gebe keinen Hinweis auf einen Toten, sagt er. "Und darüber sind wir auch froh."

Quelle: n-tv.de

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