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Zuletzt konnten die Kurden den Islamischen Staat leicht zurückdrängen.
Zuletzt konnten die Kurden den Islamischen Staat leicht zurückdrängen.(Foto: REUTERS)

IS hat Sykes-Picot zerstört: "Es wird einen Kurdenstaat geben"

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS oder Isis) hat die alte Staatenordnung zerstört. In der Folge dürfte im Nordirak auf absehbare Zeit ein kurdischer Staat entstehen, sagt Wissenschaftler Ferhad Seyder im Interview mit n-tv.de. In Syrien könnten die Alawiten eine eigene Nation anstreben, sollte das Assad-Regime die Macht verlieren.

n-tv.de: Warum hat sich die syrisch-kurdische PYD eigentlich nicht dem Widerstand gegen das Regime von Baschar al-Assad angeschlossen?

Prof. Dr. Ferhad Seyder leitet die Mustafa-Barzani-Arbeitsstelle für kurdische Studien der Universität Erfurt.
Prof. Dr. Ferhad Seyder leitet die Mustafa-Barzani-Arbeitsstelle für kurdische Studien der Universität Erfurt.(Foto: Uni Erfurt)

Ferhad Seyder: Beide Seiten haben sich gegenseitig toleriert. Die syrische Regierung hat die PYD ihre Vorstellungen von einer sozialen und ökologischen Ordnung verwirklichen lassen. Im Gegenzug griff die PYD die Stellungen der syrischen Armee nicht an. Syrische Minister haben sogar die Stadt Qamischli besucht, in der das Hauptquartier der PYD liegt. Trotzdem würde ich nicht sagen, dass die PYD mit der syrischen Regierung kooperiert oder gar eine Allianz gebildet hat. Es war eher eine stillschweigende Koexistenz.

Die PYD ist verbündet mit der türkisch-kurdischen PKK...

Sie ist mehr als ein Verbündeter, sie ist ein Ableger der PKK. Nach Beginn des Arabischen Frühlings in Syrien Anfang 2011 haben 1500 Bewaffnete die syrische Grenze überquert - syrische Kurden, die PKK-Mitglieder waren. Bis dahin gab es in Syrien keine bewaffnete kurdische Gruppe. Über drei Jahrzehnte hatte die PKK vergeblich versucht, eine eigene Ordnung in der Türkei zu realisieren. 2011 haben sie die Chance gesehen, ihre Vorstellungen in Syrien umzusetzen.

Wenn PYD und PKK so eng verflochten sind - ist der Türkei dann zuzumuten, die Kämpfer der PYD zu unterstützen?

Es gibt mehrere Gründe, warum die Türkei nicht in Syrien interveniert. Die Türkei fürchtet die Konfrontation mit den Kämpfern des "Islamischen Staats" - es wäre eine Blamage, wenn die Türkei eine Schlacht gegen Isis verlieren würde. Außerdem gibt es einige Signale, dass es in der Türkei türkische Isis-Gruppen gibt. Ein weiterer Grund ist natürlich die PYD. Die türkische Regierung fordert, dass die PYD die politische Ordnung in ihren drei "Kantonen" auflöst und ihre Kämpfer aus der Grenzregion abzieht. Von der internationalen Anti-Isis-Koalition fordert die Türkei, den Sturz von Baschar al-Assad anzustreben. Nur wenn diese Bedingungen erfüllt sind, würde die Türkei intervenieren.

Warum will die Türkei die USA dazu bewegen, Assad zu stürzen?

Syrien wird instabil bleiben, solange das Regime von Damaskus existiert, und die Türkei will kein instabiles Land an ihrer Grenze. Die Türkei versucht, die syrischen Muslimbrüder, die der AKP des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan nahestehen, aufzubauen, damit diese in der Zukunft die Macht übernehmen können.

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Was halten Sie von dem Vorschlag, Bodentruppen mit UN-Mandat nach Syrien zu schicken?

Die Idee ist im Prinzip nicht schlecht, aber aussichtslos. Denn ihre Realisierung setzt ein UN-Mandat voraus, das es nicht geben wird. Und selbst wenn es ein solches Mandat gäbe, bräuchte man noch die Unterstützung der regionalen Mächte. Der Irak würde da nicht mitmachen, denn die schiitisch dominierte Regierung des Irak steht unter dem Befehl des Iran. Auch Jordanien würde vermutlich zögern. Es würde auch nicht reichen, eine Division in die Region zu schicken. Isis ist eine enorme militärische Kraft. Im Irak steht bereits die Provinz al-Anbar vor dem Fall.

Werden sich Syrien und der Irak in ihren heutigen Grenzen halten können?

Wenn al-Anbar unter den Einfluss von Isis gerät, ist Bagdad akut gefährdet. Der gesamte Irak kann dann zusammenbrechen. Der Präsident der Autonomen Region Kurdistan, Masud Barzani, wird dann die Unabhängigkeit Kurdistans erklären. Das wäre das Ende der Grenzen nach dem Sykes-Picot-Abkommen von 1916, in dem Briten und Franzosen die Region aufgeteilt haben. Faktisch hat Isis schon jetzt Sykes-Picot zerstört, aber eine neue Ordnung ist noch nicht da.

Die Türkei hält an den alten Grenzen fest.

Ich halte das für eine naive Vorstellung. Sollen die (schiitischen) Alawiten, die unter Assad die Macht in Syrien hatten, sich künftig von den Sunniten beherrschen lassen? Wahrscheinlicher ist doch, dass sie versuchen werden, mit Unterstützung des Iran und der libanesischen Hisbollah an der Mittelmeerküste einen Alawitenstaat zu errichten. Die Grenzen, die vor Isis existiert haben, sind instabil. Sie haben keine Zukunft.

Kann dann auch ein kurdischer Staat entstehen, der mehr umfasst als nur die kurdischen Gebiete im Nordirak?

PKK-Chef Abdullah Öcalan hat das Konzept einer Staatlichkeit aufgegeben; er strebt eine demokratische Ordnung an, wie die PYD sie in Syrien derzeit aufzubauen versucht. Es gibt nur einen Kandidaten für eine kurdische Staatlichkeit: das irakische Kurdistan. Wenn Sie sich die ganze Region anschauen, dann glaube ich, dass in absehbarer Zeit dort zwei neue Staaten entstehen werden: Kurdistan und Palästina.

Auch der kurdische Nordirak ist zersplittert.

Ja, nur der Norden der Autonomieregion, die Gegend um Erbil bis zur syrischen Grenze, steht unter dem Einfluss von Barzanis Demokratischer Partei. Die Patriotische Union Kurdistans (PUK) von Dschalal Talabani kontrolliert den Süden, die Gegend um Sulaimaniyya und Kirkuk. Derzeit arbeitet die PUK eng mit der PKK zusammen. Beide Parteien, PUK und PKK, erhalten politische und militärische Unterstützung vom Iran; sie sind ein Teil der iranischen Allianz im Nahen Osten. Die Demokratische Partei Kurdistans dagegen hat intensive Kontakte zur Türkei. Wenn Barzani die Unabhängigkeit des kurdischen Nordirak erklärt, wird die PUK in Bedrängnis geraten, denn die Kurden wollen die Unabhängigkeit. Ich würde sagen, mehr als 90 Prozent der irakischen Kurden wollen einen eigenen Staat.

Mit Ferhad Seyder sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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