Politik
Mal hell mal dunkel - Bilder vom mutmaßlichen Fluchtwagen der Paris-Attentäter sorgen für hitzige Debatten in sozialen Netzwerken und auf Blogs.
Mal hell mal dunkel - Bilder vom mutmaßlichen Fluchtwagen der Paris-Attentäter sorgen für hitzige Debatten in sozialen Netzwerken und auf Blogs.

Terrorakt in Frankreich: Fetter Stoff für Verschwörungstheoretiker

Von Issio Ehrich

Fehlende Blutspritzer, falscher Lack und viel zu ungeschickte Attentäter. In Wirklichkeit ist nichts wie es scheint beim Anschlag auf die Redaktion von "Charlie Hebdo". Davon ist zumindest eine Schar umstrittener Aktivisten und Publizisten überzeugt.

Seit dem Anschlag in Paris haben diese Begriffe wieder Konjunktur: "False Flag", "Cui Bono?" Verschwörungstheoretiker stürzen sich auf das Drama in Frankreich und fragen sich: War es ein Angriff unter "falscher Flagge", und wenn ja: "Wem nützt er?"

Auf der Facebook-Seite der Bewegung "Friedenswinter Berlin" hieß es nur Stunden, nachdem die Kouachi-Brüder die Redaktion von "Charlie Hebdo" stürmten, ironisch: "Das ist natürlich purer Zufall, dass gerade jetzt in Frankreich ein Terroranschlag auf ein islamkritisches Satiremagazin verübt wird. Gleichzeitig veröffentlicht Houellebecq seinen neuen Roman 'Unterwerfung', eine fiktive Zukunftsvision, in der der französische Staat von Islamisten übernommen wird." Die "Friedenswinter"-Aktivisten glauben: "Für den rechtskonservativen Front National von Marine Le Pen (…) ist das der ideale Nährboden. Steigende Umfragewerte und Wahlerfolge sind das Ergebnis." Es gäbe "ausreichend viele Hinweise" für eine "gesteuerte Agenda".

Der Anschlag als Inszenierung des Front National ist eine der beliebtesten Verschwörungstheorien, die durch das Internet wabern, aber sie ist nur eine von vielen. Und diese Theorien kursieren nicht nur bei Facebook, sondern auch bei Youtube, Twitter, Reddit und auf diversen Blogs. Laut der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die (nicht ganz fair) Verschwörungstheorien nur bei Muslimen gesucht hat und deshalb unter anderem muslimische Taxifahrer, Spielcasino-Besucher, Studenten und Sozialarbeiter in Berlin befragte, gibt es sie auch zuhauf auf den Straßen Deutschlands.

Racheakt des Mossad? Oder Coup der CIA?

Ähnlich prominent wie die Front-National-These ist die Behauptung, der israelische Geheimdienst Mossad habe den Anschlag inszeniert. Wer dieser Lesart folgt, glaubt: Bei dem Attentat handele es sich um einen Racheakt, schließlich hat das französische Parlament den Status Palästinas als Staat anerkannt.

"Inszinierter Terror" - ein Screenshot von der KenFM-Facebook-Seite.
"Inszinierter Terror" - ein Screenshot von der KenFM-Facebook-Seite.

Zu den Top-Verschwörungstheorien zählt auch eine Beteiligung des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA. Die Frage "Cui Bono?" beantworten Anhänger dieser Interpretation oft so: Es sei eine "Bestrafungsaktion" gewesen, weil Frankreichs Präsident François Hollande die Russlandsanktionen ablehne. Oder auch so: US-Präsident Barack Obama wolle die Redaktion von "Charlie Hebdo" bestrafen, weil sie den Hass fanatischer Muslime durch ihre Mohammed-Karikaturen weiter befeuert habe. Wahlweise aber auch so: Obama wolle neuen Hass gegen Muslime schüren, um einen imperialistischen Kreuzzug gegen den Islam zu rechtfertigen. Bei aller Uneinigkeit über die Frage des Warum, einig sind sich die Verschwörungstheoretiker in einem Punkt: Nichts ist, wie es scheint. Und dafür liefern sie eine Reihe angeblicher Indizien.

Der frühere RBB-Moderator Ken Jebsen etwa schreibt auf seiner Facebook-Seite ironisch: "Ähnlich wie bei 9/11 hatte die Polizei wieder echtes Glück. Einer der Attentäter verlor seinen Ausweis! Diesmal im Fluchtwagen!" Jebsen hält das selbstredend für vollkommen unglaubwürdig. "Wer nimmt seinen Personalausweis mit, wenn er plant, Menschen im großen Stil zu erschießen?"

Bloggern fehlen die Blutspritzer

Das Blog "Alles Schall und Rauch" schreibt: "Die Offizielle Charlie Hebdo Story stinkt." Der Autor des Beitrags - er nennt sich "Freeman" - beklagt dann fehlende Blutspritzer auf einem Video der Exekution des Polizisten Ahmed Merabet.

Andere wiederum sehen das Komplott - von wem auch immer er sein mag - aufgedeckt, weil die Rückspiegel des mutmaßlichen Fluchtautos der Kouachi-Brüder auf einigen Bildern weiß, auf anderen dunkel aussähen. Straßenverkehr, wo es keinen geben sollte, kugelsichere Westen, wo sie nicht hingehörten, geschnittene oder gelöschte Videobeiträge zur Tat - die Liste der angeblichen Ungereimtheiten ist lang.

Auch Jürgen Elsässer, mit seinem Magazin "Compact" so etwas wie die publizistische Speerspitze deutscher Verschwörungstheoretiker, leistet seinen Beitrag zur Debatte. Er tut zwar so, als würde er nicht "sofort in das Horn 'false flag' tröten". Wirklich konsequent ist er aber nicht. In seinem Blog heißt es: "Es gibt zwar ernstzunehmende Fragen zum Tatablauf von Paris – etwa der liegengebliebene Pass (erinnert an 9/11) oder die unterschiedliche Farbe der Rückspiegel des Fluchtautos." Er sehe aber keine plausible Argumentationslinie für die Frage, wer davon profitieren könnte. "Verschwörungstheorien beflügeln das Denken, aber Verschwörungswahn macht dumm", schreibt Elsässer.

Nur ein paar Zeilen später wirft er dann ein, wie nahe es doch läge, dass es sich um den Versuch handele, alle, die Kritik am Islam üben, einzuschüchtern. Namentlich den Widerstand gegen die "Islamisierung" Europas, sprich Pegida und den Front National. Stimme das, so Elsässer, wäre "dasselbe Joint Venture aus westlichen Geheimdienstfraktionen plus Dschihadisten am Werk, das schon Libyen und Syrien massakriert hat".

Seinen Blog-Eintrag beendet der "Compact"-Chefredakteur mit einem Appell: "Dies ist eine Spekulation und keine Gewissheit von mir. Die Diskussion ist eröffnet. Aber ich bitte um Sachlichkeit und ein gewisses Niveau!"

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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