Politik
Minna (2.v.r.) und Gustav Wächter 1932.
Minna (2.v.r.) und Gustav Wächter 1932.(Foto: Torkel S Wächter privat)
Mittwoch, 30. Januar 2013

Geschichte in Echtzeit: Gustav Wächters großer Kampf

Von Solveig Bach

Für den deutsch-jüdischen Finanzbeamten Gustav Wächter ist der 30. Januar vor 80 Jahren der Beginn seiner persönlichen Katastrophe. Sein Enkel, der schwedische Autor Torkel S Wächter, macht diesen dramatischen Abschnitt seiner Familiengeschichte auf besondere Weise erlebbar.

Am 30. Januar ernennt Hindenburg Hitler zum Reichskanzler.
Am 30. Januar ernennt Hindenburg Hitler zum Reichskanzler.(Foto: picture alliance / dpa)

Als Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg in Berlin zum Reichskanzler ernannt wird, sitzt Gustav Wächter in seinem Büro. Seit über 30 Jahren ist er Beamter im Hamburger Finanzamt. Zuverlässig und akkurat rechnet er aus, was an Steuern zu entrichten ist, und treibt die Summe dann ein. Damit hat er es, wenn auch nicht zu Reichtum, so doch zum Obersteuerinspektor gebracht. Von Hitlers Ernennung erfährt Wächter durch seinen Kollegen Georg Herrel.

Herrel wird Wächter kurz darauf in einem anonymen Brief denunzieren. Der "reinrassige Jude" Wächter soll an seinem Arbeitsplatz politische Propaganda betrieben haben. Die erniedrigende "Ermittlung", die Wächter in den folgenden Wochen über sich ergehen lassen muss und die schließlich damit endet, dass er um die Versetzung in den Ruhestand bittet, zeichnet sein Enkel Torkel in Onthisday80yearsago.com nach.

Öffentliches Familienprojekt

80 Jahre nach Hitlers "Machtergreifung" sitzt Torkel S Wächter, der sein Mittel-Initial ohne Punkt schreibt, in einem gediegenen Kaffeehaus in der Berliner Reichsstraße. Er ist Schwede, ein hochgewachsener Mann, 51 Jahre alt, Vater von vier Kindern. Es ist ein eisiger Januartag, so wie vor 80 Jahren. Beim Vorgängerprojekt hatte er im Jahr 2010 32 Postkarten in simulierter Echtzeit veröffentlicht. Sie erschienen an den Tagen und in der Reihenfolge, wie sie in den Jahren 1940/41 von Hamburg nach Schweden geschickt wurden. Die Karten stammen von seinen Großeltern, Gustav und Minna Wächter, geschrieben an seinen Vater Walter, dem die Flucht nach Schweden gelungen war. Torkel Wächter hatte sie nach dem Tod seines Vaters in Kisten auf dem Dachboden entdeckt. Er konnte sie nicht lesen, weil er kein deutsch sprach und die Postkarten auch noch in Sütterlin geschrieben sind. Viel hat sich seitdem verändert. Sein Deutsch ist inzwischen fast akzentfrei.

Das Postkartenprojekt habe er damals für den inneren Kreis der Familie begonnen und für die Menschen, die seinen Vater gekannt haben, erzählt er. Sein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon fast 20 Jahre tot. "Er wollte, dass seine Kinder kein einziges Wort auf Deutsch hören. Aber das ist ziemlich schiefgegangen."

30.000 Menschen, einfache Leser und gestandene Historiker, haben die 32 Postkarten gelesen, Nachrichten von Gustav und Minna, John und Max, Grüße von und an Erna und Dora und all die anderen. Aber Torkel Wächter hatte noch immer mehr Fragen als Antworten. Er fühlte, dass jede Generation ihre eigene Aneignung leisten muss, um zu verstehen. "Ich habe mich immer darüber gewundert, wie es geschehen ist und wie es so schnell gehen konnte. Mein Großvater war ein geachteter Mann, dann laufen plötzlich diese Ermittlungen gegen ihn."

Verunsicherung vor der Katastrophe

Bilderserie

Torkel Wächter begibt sich zurück, er fühlt sich ein in den Geist jener Tage, als Hitler die Macht an sich reißt, in ein Deutschland, das eine tiefe Krise und immer neue Regierungen erlebt. "Es ist der Anfang des Dritten Reichs. Die Leute wissen nicht, was passieren wird. Man denkt noch, Hitler wird auch nicht so lange bleiben." Aber Hitler wird bleiben und diese Tatsache wird für Gustav Wächter und seine Familie schreckliche Konsequenzen haben. Die Familie wird nie erfahren, ob Gustav und Minna erschossen wurden oder an Hunger und Kälte gestorben sind. Doch noch ist es nicht so weit.

Zunächst einmal muss sich Gustav Wächter gegen die Verleumdungen wehren. Er schreibt einen Verteidigungsbrief, in dem er die antisemitischen Beweggründe für die Kampagne gegen ihn klar benennt. Einen Tag später tritt das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" in Kraft, gemacht in der Absicht, die Beamtenschaft von "Nichtariern" und Regimegegnern zu säubern. Gustav Wächter, der Beamte mit jüdischen Wurzeln und deutsche Staatsbürger, liest das Gesetz genau und versteht, dass es für ihn nicht gelten kann. Er ist seit 1906 Beamter und kann nicht einfach entlassen werden. Also bittet er, seine Beurlaubung aufzuheben. Er will seinen Dienst wieder aufnehmen. Sein Enkel ist von dieser Haltung tief berührt. "Er ist ein deutscher Beamter, er glaubt an seine Arbeit und dass sie wichtig ist. Diese Haltung meines Großvaters, dass das Gesetz gelten muss, ist tragikomisch und auch groß."

Doch Gustav Wächter kann diesen Kampf nicht gewinnen. Alle Dokumente der Aussichtslosigkeit trägt sein Enkel Torkel zusammen: Die Aussagen der national gesinnten Kollegen, die nun ihre geballte Missgunst formulieren, Gustav Wächters Rechtfertigungsversuche, schließlich das Urteil des Behördenleiters und Wächters Bitte, ihn zu pensionieren. Die Pensionsansprüche wird er bis zu dem Tag behalten, an dem er gemeinsam mit seiner Frau Minna ins Konzentrationslager Jungfernhof nahe Riga deportiert wird. Ein morbides Detail dabei: Nach seiner Deportation plündern seine früheren Kollegen vom Finanzamt Unterelbe Wächters Hab und Gut - "als ordentliche Finanzbeamte".

Es klingt nicht bitter, wenn Torkel Wächter solche Sätze sagt. "Die Dokumente im Archiv zu lesen war für mich so, als würde ich einen Roman von Franz Kafka lesen. Es war so merkwürdig und unheimlich." Bei seiner Suche ging es ihm nicht darum, die Täter festzuhalten, betont er, auch wenn er deren Namen klar benennt. "Ich war fokussiert auf den Prozess des Herausfindens." Carl Fraude, Georg Herrel und Werner Herbrechtsmeyer, die Männer, die Wächter denunzieren, sind Nationalsozialisten. Es gibt aber auch die, "die nur Angst haben und es gibt die, die versuchen, ihre Ehre zu bewahren. Aber das ist schwierig in dieser Zeit."

Keine Genugtuung

Viele von ihnen werden den Krieg überleben und danach entnazifiziert. Manchen ergeht es gut und anderen richtig schlecht. Für Torkel Wächter ergibt das keinen Unterschied. "Nichts wird ändern, was mit meinen Großeltern geschehen ist. Wenn andere Menschen auch leiden, das macht es nicht ungeschehen. Es bleibt für uns alle in Europa eine traurige Geschichte."

Torkel Wächter meint die Häuser, die nicht mehr da sind und die Menschen, die nie dagewesen sind. Aber er meint auch die Menschen, die ohne Eltern aufgewachsen sind oder "mit Vätern, die über ihre Geschichte geschwiegen haben" - Menschen wie Torkel und Walter Wächter. "Das wirkt lange nach."

Die jüdische Familie Wächter war seit 400 Jahren in Hamburg heimisch. Am Tag vor ihrer Deportation müssen Minna und Gustav auf die deutsche Staatsbürgerschaft verzichten. 2006 hat Torkel Wächter die deutsche Staatsbürgerschaft wieder angenommen, "weil sie mir als Enkel von Gustav und Minna Wächter zustand. Ich dachte, für meinen Vater wäre das vielleicht nicht in Ordnung. Aber Gustav und Minna hätten sich sehr darüber gefreut, da bin ich mir sicher."

"Die Ermittlung" bei Amazon bestellen

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen