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Die Affäre des Pinguin: Hollande kämpft um die Liebe der Franzosen

Von Hubertus Volmer

Nach Monaten der Tatenlosigkeit will Frankreichs Präsident Hollande den Aufbruch wagen. Doch die Präsentation seiner Reformpläne wird überschattet von Enthüllungen über das geheime Liebesleben des Staatschefs.

Der aktuelle "Closer". Damit fing alles an.
Der aktuelle "Closer". Damit fing alles an.(Foto: dpa)

Das hatte sich François Hollande vermutlich anders vorgestellt. Eigentlich wollte der französische Präsident den Jahreswechsel für einen Neuanfang nutzen. Bei der halbjährlichen Pressekonferenz am heutigen Dienstag im Élyséepalast sollten Hollandes Pläne für 2014 im Mittelpunkt stehen, vor allem der "Pakt für Arbeit", den er mit den Unternehmern schließen will.

Der innenpolitische Teil dieser Vorhaben klingt sehr nach dem, was in Deutschland vor elf Jahren unter dem Schlagwort "Agenda 2010" in Angriff genommen wurde. Für Hollande war allein schon die Ankündigung eine Abkehr von seiner bisherigen Linie. Die Wahl gewonnen hatte der Sozialist schließlich mit dem Versprechen traditioneller Umverteilung, in der Europapolitik mit einem Kurs, der einen Gegenentwurf zu Bundeskanzlerin Angela Merkel darstellen sollte.

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Doch Frankreich steckt so tief in der Krise, dass Reformen unausweichlich sind. Wie es weitergehen soll, hat Hollande in seiner Neujahrsansprache bereits vage umrissen. Den Arbeitgebern bietet er niedrigere Lohnkosten und weniger Auflagen im Gegenzug für mehr Arbeitsplätze und Dialog mit den Gewerkschaften. Entlastungen für Geringverdiener will er nicht mehr über Steuererhöhungen für Reiche finanzieren, sondern über Einsparungen. Er habe nur eine Priorität, sagte Hollande und klang schon fast wie der deutsche Agenda-Kanzler Gerhard Schröder: Arbeit. Seit 2011 steigt die Arbeitslosigkeit in Frankreich an, sie liegt mit rund 11 Prozent etwa doppelt so hoch wie in Deutschland. Im Sinkflug sind dagegen Hollandes Umfragewerte: Noch nie seit Gründung der Fünften Republik im Jahr 1958 war ein Staatsoberhaupt so unbeliebt.

Mit dem Roller zur Geliebten

Croissants mit dem Präsidenten: Julie Gayet.
Croissants mit dem Präsidenten: Julie Gayet.(Foto: imago stock&people)

Die Reformen, die Hollande im Sinn hat, sind in Frankreich jedoch mittlerweile kaum noch ein Thema. Verdrängt wurden sie von Schlagzeilen aus dem Liebesleben des Präsidenten. Am vergangenen Freitag erschien das Klatschblatt "Closer" mit einer Titelgeschichte, in der "die geheime Liebe des Präsidenten" enthüllt wurde. Demnach lässt sich Hollande regelmäßig mit einem Motorroller vom Élyséepalast zur Wohnung der Schauspielerin Julie Gayet fahren. Die liegt passender- und praktischerweise in der Rue du Cirque, keine 150 Meter vom Amtssitz des Präsidenten entfernt. Dort verbringt er die Nacht, am nächsten Morgen holt der Fahrer ihn wieder ab. Manchmal bringt er vorher noch Croissants vorbei, zum Frühstück.

Gerüchte über eine Affäre zwischen der 41-jährigen Schauspielerin und dem 59-jährigen Präsidenten kursieren in Frankreich seit Monaten. Im März 2013 reichte Gayet bei der Pariser Staatsanwaltschaft Klage gegen Unbekannt ein, um eine Verbreitung dieser Geschichte zu stoppen. "Closer" präsentierte jedoch so viele Details, dass Dementis zwecklos erscheinen. Hollande drohte denn auch nur mit einer Klage, weil er seine Privatsphäre verletzt sieht. Die offizielle Lebensgefährtin des Präsidenten ist immerhin nach wie vor die Journalistin Valérie Trierweiler. Ob diese Beziehung bereits beendet ist, ist nicht bekannt. Angeblich sind die beiden schon vor einiger Zeit aus der gemeinsamen Pariser Wohnung ausgezogen.

Das Privatleben des unverheirateten Paares ist ganz offenbar erschüttert: Am vergangenen Freitag, als der "Closer" erschien, wurde Trierweiler in ein Krankenhaus gebracht. Zunächst hieß es, sie werde am Montag entlassen, dann sagte ein Sprecher, die 47-Jährige werde noch sechs oder acht weitere Tage in der Klinik bleiben. Trierweiler habe einen "sehr ernsten emotionalen Schock erlitten", teilte ihr Sprecher mit. Auf Twitter herrscht sowohl auf ihrem privaten wie auch auf dem offiziellen Account der "Première dame de France" seit Donnerstag Funkstille. An diesem Tag, so die Zeitung "Le Parisien", habe der Präsident seiner Lebensgefährtin die ganze Geschichte gebeichtet. "Die Nachricht traf Valérie wie ein TGV", sagte ein Freund von Trierweiler dem Blatt zufolge.

Chirac war "Monsieur trois minutes"

"Es ist der Pinguin, den man am Morgen sehen kann", singt Carla Bruni über Hollande. "Die Arme schlenkern, aber das Auge ist hochmütig." Das Bild zeigt Hollande und Trierweiler.
"Es ist der Pinguin, den man am Morgen sehen kann", singt Carla Bruni über Hollande. "Die Arme schlenkern, aber das Auge ist hochmütig." Das Bild zeigt Hollande und Trierweiler.(Foto: dpa)

Ungewöhnlich an der ganzen Affäre ist vor allem, dass die französischen Medien keine Hemmungen haben, über das Privatleben des Staatschefs zu berichten. Das mag einerseits an einem Mangel an Respekt gegenüber dem unbeliebten Präsidenten liegen, andererseits daran, dass die Franzosen einiges gewohnt sind: Hollandes Vorgänger Nicolas Sarkozy versorgte die Boulevardzeitungen schon kurz nach seinem Amtsantritt mit Artikeln über die Scheidung von seiner Frau Cécilia Ciganer-Albéniz - um dann nur wenige Wochen später seine Liebe zu Sängerin und Ex-Model Carla Bruni öffentlich zu machen: "Mit Carla, das ist was Ernstes", sagte er in seiner ersten Neujahrspressekonferenz. Im Gegensatz zu Jacques Chirac muss Sarkozys Liebesleben jedoch als geradezu beständig gelten: Chirac, Präsident von 1995 bis 2007, trug den Spitznamen "Monsieur trois minutes, douche comprise", zu Deutsch etwa: "Herr drei Minuten, Duschen eingeschlossen". Auch Chirac führte lediglich eine Tradition fort. 1994 war bekannt geworden, dass François Mitterrand mit einer Geliebten eine zu diesem Zeitpunkt bereits erwachsene Tochter hatte.

Und so nimmt die französische Öffentlichkeit die Affäre des Präsidenten zwar interessiert, aber doch keineswegs schockiert zur Kenntnis. In einer Umfrage des "Journal du dimanche" gaben nur 13 Prozent der Befragten an, ihr Bild des Präsidenten habe sich durch die Enthüllungen verschlechtert, für 84 Prozent hat sich dagegen nichts verändert. Immerhin 3 Prozent sagten, Hollande habe bei ihnen an Sympathie gewonnen. 77 Prozent finden, die ganze Sache sei eine Privatangelegenheit des Präsidenten.

Zu viel Mafia, zu wenig Sicherheit

Keine Privatangelegenheit ist die Frage, wie er die Liebe der Franzosen zurückgewinnen will. Bei seiner Pressekonferenz am heutigen Dienstag wird es für Hollande vor allem darum gehen, den Eindruck eines tatkräftigen Präsidenten zu vermitteln. Das könnte schwierig genug werden: Die meisten der 600 angemeldeten Journalisten dürften sich nur am Rande für Hollandes Reformpläne interessieren. Zumal die Liebesaffäre längst mehr ist als nur eine schlüpfrige Geschichte. Am Montag verbreiteten französische Medien, dass die Wohnung von Hollandes Freundin Gayet einer Freundin der Schauspielerin gehöre, die Verbindungen zur korsischen Mafia habe. "Le Monde" warf ausführlich die Frage auf, ob der Präsident der Republik ausreichend geschützt wird. Sébastien Valiela, der Fotograf des "Closer", sagte dem französischen Sender RTL, er hätte "ohne jedes Problem" ein Attentat auf Hollande verüben können.

Doch bekanntlich steckt in jeder Krise eine Chance. Mit ein bisschen Glück bietet die Affäre Hollande die Möglichkeit, seinen Ruf als unbeholfener Langweiler abzustreifen. Dieses Image klebt an ihm wie Kaugummi. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Carla Bruni sogar ein Spottlied über den Nachfolger ihres Mannes. "Le Pingouin" heißt es, und es beschreibt eine Person, die linkisch, mit hängenden Armen in der Gegend herumsteht. "Er hat ein kaltes Herz, der Pinguin", singt Bruni darin. Zumindest mit diesem Urteil kann Hollande jetzt aufräumen.

Quelle: n-tv.de

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