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Sonntag, 15. November 2015

Experte: Neue Qualität des Terrors: IS-Spitze könnte Anschläge gesteuert haben

Mit den Anschlägen in Paris erreicht der IS-Terror eine neue Qualität. Der Londoner Terrorexperte Peter Neumann vermutet hinter den Attacken eine Steuerung durch hohe Stellen der Terrormiliz. Zugleich warnt er vor neuer Kriegsrhetorik im Umgang mit den Islamisten.

Die Anschlagsserie in Paris ist nach Ansicht des Terrorismus-Experten Peter Neumann möglicherweise von hohen Stellen des Islamischen Staates (IS) in Syrien gesteuert worden. "Die Qualität dieses Anschlags war schon eine neue", sagte der Wissenschaftler vom Londoner King's College. Die vorherigen Terrorattacken in Europa seien meist relativ unkomplizierte und einfache Aktionen gewesen, bei denen IS-Anhänger auf eigene Faust gehandelt hätten. "Dieser Anschlag in Paris dagegen war organisiert und koordiniert", hob er hervor. "Hier haben unterschiedliche Teams zusammengearbeitet, die offensichtlich relativ gut ausgebildet, sehr routiniert und geschickt waren."

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Die Täter hätten Expertise und wohl auch militärisches Training gehabt. "Das deutet auf eine andere Qualität hin, möglicherweise sogar auf eine Koordination aus Syrien heraus", sagte er. "Es sah zumindest so aus wie eine klassische Auslandsoperation, die tatsächlich von relativ hohen Stellen im Islamischen Staat abgesegnet und wahrscheinlich auch koordiniert wurde." Die Extremisten-Miliz Islamischer Staat hat sich zu den Anschlägen bekannt.

Frankreich hat auf die Erklärung bereits reagiert und dem IS offiziell den Krieg erklärt. Neumann stellt die nun bemühte Kriegsrhetorik in Frage. "Der IS möchte diesen Krieg. Er möchte diese schwarz-weiße Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Westen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir dem IS diesen Gefallen tun sollten."

"Sie hassen ihr Land"

Er verweist darauf, dass sich Frankreich außenpolitisch immer sehr offensiv gegen den Dschihadismus positioniert hat. Zudem habe es innenpolitisch viele Themen gegeben, die einheimischen Dschihadisten sauer aufgestoßen seien. Insbesondere die zweite und dritte Migrantengeneration in Frankreich sei besonders schlecht integriert. "Sie hassen ihr Land", so Neumann.

Beim Blick nach Deutschland erkennt der 41-Jährige ebenfalls eine steigende Terrorgefahr. Hier habe es in den letzten drei Jahren eine erhebliche Mobilisierung für die dschihadistische Bewegung gegeben. Deutschland sei zwar "nicht das am stärksten betroffene Land. Aber es ist nach wie vor davon auszugehen, dass die Terrorgefahr auch in Deutschland sehr, sehr hoch ist."

Zu Warnungen, dass sich Terroristen als Flüchtlinge nach Deutschland einschleichen könnten, sagte der Politikwissenschaftler: "Eine massenhafte Einschleusung von Anhängern des Islamischen Staates durch die Flüchtlingsströme gibt es nachweisbar nicht." Es sei zwar grundsätzlich möglich und angesichts der hohen Flüchtlingszahlen rein statistisch auch denkbar. "Man darf jetzt allerdings nicht den Fehler machen, diese zwei Probleme miteinander zu vermengen." "Nicht alle Flüchtlinge sind Terroristen", so Neumann. "Und da müssen auch die Leute, die populistisch aktiv sind, sehr vorsichtig sein."

Quelle: n-tv.de

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