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Eine Serie von Gebietsverlusten des IS begann etwa ein Jahr nach Ausrufung des Kalifats.
Eine Serie von Gebietsverlusten des IS begann etwa ein Jahr nach Ausrufung des Kalifats.(Foto: REUTERS)

Dschihadisten in Bedrängnis: IS gleicht Schwäche mit Terror in Europa aus

Von Nora Schareika

Der Islamische Staat verliert in Syrien und im Irak immer mehr Gebiete. Der Traum vom Großkalifat scheint nicht in Erfüllung zu gehen. Verlagert die Terrormiliz ihre Aktivitäten deshalb nach Europa?

Schnell war nach den Anschlägen von Brüssel die Theorie in der Welt: Weil der "Islamische Staat" (IS) in Syrien und im Irak massiv geschwächt worden sei, suchten Mitglieder nun Aufmerksamkeit für die Terrormiliz durch spektakuläre Anschläge in Europa. Tatsächlich liegt dieser Zusammenhang nahe. Mit Paris und Brüssel sind dem IS innerhalb von gut vier Monaten spektakuläre Anschläge außerhalb des sogenannten Kalifats in Syrien und im Irak gelungen. Trotzdem dokumentieren die Brüsseler Anschläge keine ganz neue Veränderung in der Strategie des IS.

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Von vorneherein war es das erklärte Ziel des IS, zunächst ein Kalifat im Nahen Osten zu etablieren und dann weiterzuziehen. Vorgeschwebt hatte den Dschihadisten allerdings eher ein noch größeres Kalifat. Sind die Terroranschläge auf Ziele in Europa eine Ausweichstrategie, eine Art Plan B? Richtig ist: Der Traum von einem groß und größer werdenden Kalifat ging wegen des erbittert geführten Anti-IS-Krieges nicht in Erfüllung.

Serie von Gebietsverlusten

Der IS hat in den vergangenen Wochen schwere Verluste erlitten, eine Serie von Gebietsverlusten begann bereits im vergangenen Jahr. Anfang März kam vermutlich einer der markantesten Anführer in Syrien, Omar der Tschetschene, bei einem Luftangriff der USA ums Leben. Die irakische Armee entriss unterdessen dem IS die erst im vergangenen Frühjahr eroberte irakische Stadt Ramadi wieder. Gleichzeitig ringen die Kurden in Syrien und im Irak den Dschihadisten immer mehr Territorium ab, zum Teil mit US-Unterstützung. Die Grenzen zur Türkei sind nun zum Großteil kurdisch kontrolliert.

Inzwischen muss der IS auch um eine seiner Hochburgen fürchten: Die irakische Großstadt Mossul könnte das nächste Ziel einer Offensive der irakischen Armee werden. Sollten die Extremisten Mossul verlieren, könnten sie ihre quasistaatlichen Strukturen kaum noch aufrechterhalten. Wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet, bezahlt der IS seine Kämpfer und "Beamten" auch nicht mehr so wie zur kurzen Blütezeit des Kalifats ab Mitte 2014. Demnach gibt es nicht einmal mehr "Apanagen wie Gratisgetränke oder Schokoladenriegel" in so großer Menge wie einst.

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Das alles sind existentielle Probleme für die Terrormiliz, auf die deren Mitglieder schon seit einiger Zeit unterschiedliche Antworten finden. So ziehen immer mehr Kämpfer ins chaotische Libyen, um dort eine neue IS-Filiale aufzubauen - was bereits ansatzweise gelungen ist. Und zunehmend kehren Dschihad-Touristen in ihre europäischen Heimatländer zurück. Manche desillusioniert, andere mit Anschlagsplänen. Einige der Attentäter von Paris waren zumindest kurzzeitig in Syrien und hatten sich dort dem IS angeschlossen.

Terrordramaturgie oder spontane Taten?

Europäische Länder wie jetzt Belgien und im November Frankreich mit Terror zu treffen, ist unabhängig davon aber längst Teil der internationalisierten Strategie des IS, der in Konkurrenz zu anderen islamistischen Netzwerken wie Al-Kaida steht. Wie schnell eine Dschihad-Organisation Anhänger verlieren kann, zeigte nicht zuletzt Al-Kaida, die der IS mit seinem Siegeszug im Nahen Osten an "Attraktivität" übertrumpfte. Ganz oben auf der Liste stehen dabei jene Staaten, die sich am Krieg gegen den IS beteiligen. Betroffen sind außerhalb Europas Ägypten und Tunesien, der Jemen und Saudi-Arabien.

Vor den Anschlägen in Brüssel verübten IS-Anhänger mutmaßlich auch mindestens zwei Anschläge in der Türkei, einer davon traf im Januar deutsche Touristen. In dem Bekennerschreiben zu den Brüsseler Anschlägen beschimpft der IS Belgien als einen "Kreuzfahrerstaat, der nicht aufhört, den Islam zu bekämpfen". Zugleich drohen die Extremisten mehr oder weniger deutlich mit weiteren Anschlägen in Europa - die im Einklang mit ihrer veränderten Strategie stünden: "Wir versprechen den Staaten, die sich gegen den Islamischen Staat verbündet haben, schwarze Tage, als Antwort auf ihre Aggression".

Nachvollziehbar ist, dass spektakuläre Anschläge umso wichtiger für den IS werden, je schwächer er in Syrien und dem Irak wird. Inwieweit Anschläge wie die von Paris und Brüssel aber Teil einer von oben gesteuerten Terrordramaturgie sind, ist unklar. Nach der Festnahme des Paris-Drahtziehers Salah Abdeslam am Freitag vergangener Woche könnten die Attentäter von Brüssel auch ad hoc gehandelt haben, um nicht vorher aufzufliegen. Darauf deutet auch das Testament eines der Brüsseler Selbstmordattentäter hin, der mit seiner Tat den Fahndern zuvorkommen wollte.

Quelle: n-tv.de

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