Politik
Gefangen, gefoltert und getötet: Der IS zeigt in seinen Filmen bis ins Detail inszenierte Massenhinrichtungen.
Gefangen, gefoltert und getötet: Der IS zeigt in seinen Filmen bis ins Detail inszenierte Massenhinrichtungen.
Dienstag, 27. September 2016

Bedrohliche Propaganda-Maschine: IS inszeniert Morde wie Blockbuster

Von Vivian Kübler

Über das Internet erreichen sie Millionen Menschen, Tendenz steigend. Hochwertig produzierte Videos, die aussehen wie ein Kinofilm, aber echte Morde zeigen: Propaganda-Filme des IS.

Ein Mann sitzt am Tisch und schaut ernst in die Kamera. Er trägt ein orangefarbenes Sweatshirt. Seine Haare sind kurz, die Hände gefaltet. Der Hintergrund ist schwarz, das Bild sonst leer. "Mein Name ist John Cantlie und ich bin britischer Journalist. Im November 2012 bin ich nach Syrien gekommen und wurde vom IS gefangen genommen", sagt er. Seine Worte werden arabisch untertitelt. Links oben im Bild ist die schwarz-weiße Flagge des IS zu sehen. Im Video erklärt Cantlie, dass er zwar gefangen sei, aber die Wahrheit ans Licht bringen wolle. Er sagt: "Die westlichen Medien wollen einen Krieg mit dem IS anzetteln."

n-tv-Sendehinweis

Die Dokumentation "Propaganda-Maschine ISIS" wird am Dienstagabend um 23.10 Uhr auf n-tv gezeigt. Ab Mittwoch kann man sie auch auf www.tvnow.de sehen.

Es ist ein Video einer Geisel, wie unzählige andere, die wir vom Islamischen Staat kennen. Es ist nur eines von vielen Propaganda-Videos, die im Netz gezielt platziert werden. Doch sie alle haben eines gemein: Sie zeigen Gewalt und Zerstörung. Obwohl der IS momentan an Militärmacht verliert, dreht sich ihre Propagandaschleuder weiter. Es ist eine ausgefeilte Form der Kommunikation von Politik und Religion, die größer ist und weiter reicht, als die meisten von uns wissen. Sie erreicht täglich bis zu 100 Millionen Menschen – und scheint sich unkontrolliert auszubreiten.

Kinofilme, die die Realität zeigen

Vor über einem Jahr stellte der IS das Video von Cantlie ins Internet. Es ist eine Propagandastrategie, die sorgfältig geplant und durchdacht ist. Professionell und qualitativ hochwertiges Filmmaterial zeigen Journalisten, Kinder und junge Männer, die den IS verherrlichen. Sie sind das Sprachrohr der Terrorgruppe und sollen Muslime auf der ganzen Welt dazu bewegen, an ihrer Seite für die Scharia – Allahs Gesetze – zu kämpfen.

Die Videos werden von Produktionsfirmen aufgenommen und technisch zu etwas verarbeitet, das Kinofilmen gleicht, die man sonst nur aus Hollywood kennt. Schnitt, Ton und Bild werden perfekt inszeniert und von verschiedenen Blickwinkeln mit mehreren Kameras aufgenommen. Die n-tv Dokumentation "Decoding ISIS: Propagandafilme des IS" hat viele dieser Videos gesammelt und analysiert.

Der IS beauftragt Produktionsfirmen, die ihre Gräueltaten filmen.
Der IS beauftragt Produktionsfirmen, die ihre Gräueltaten filmen.

Herausgekommen ist dabei eine Sammlung von professionell produzierten Filmen. Doch was in diesen zu sehen ist, ist brutale Realität. Sogenannte "Ungläubige", Christen und Spione werden gefoltert, angezündet und auf offener Straße hingerichtet. Die Opfer spielen sich dabei selbst wie in einem Kinofilm: Sie müssen sich mit Name und Herkunft vorstellen, den Grund der Hinrichtung nennen und oft eine "letzte Botschaft" an ihr Heimatland senden. Diese Szenen werden erst geprobt und dann gefilmt. Der Mord am Ende des Videos ist echt. Er soll zeigen, was diejenigen erwartet, die sich dem Islamischen Staat widersetzen.

Ein hoffnungsloser Kampf

Täglich werden Videos wie diese hochgeladen und verbreiten sich sekundenschnell auf der ganzen Welt. Das Internet bietet die perfekte Plattform, auf der dieser Informationsfluss kaum gestoppt werden kann. Während traditionelle Medien sich dafür entschieden haben, diese Filme nicht zu zeigen, versuchen andere, sie zu löschen. Trotzdem sind sie da. Hunderttausend Twitter-Accounts mit jeweils über tausend Followern sind dem IS zuzuordnen. Das ergibt eine Reichweite von 100 Millionen Menschen.

Entstanden ist daraus ein gigantischer Online-Propaganda-Krieg, der sich nicht aufhalten lässt, bewerten die Macher der Dokumentation. Die Bilder, die dort zu sehen sind, gewähren einen seltenen Einblick in die Arbeitsweise des IS. Für die Dokumentation wurden ausschließlich originale Propaganda-Videos zusammengetragen, die über mehrere Jahre gesammelt wurden.

John Cantlie wird noch immer vom IS gefangen gehalten. Alle paar Monate ist er in einem neuen Propaganda-Video der Terrormiliz zu sehen. Der US-amerikanische Journalist James Foley, der zusammen mit Cantlie entführt wurde, wurde im August 2014 ermordet. Das IS-Propaganda-Video davon ging um die Welt.

Quelle: n-tv.de

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