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Kämpfer des Islamischen Staats verschießen massenhaft US-Munition.
Kämpfer des Islamischen Staats verschießen massenhaft US-Munition.(Foto: REUTERS)

Westliche Waffen in falschen Händen: IS kämpft mit US-Munition

Von Hannes Vogel

Die USA werfen über Kobane Waffen ab, doch auch den Islamischen Staat beliefern sie unfreiwillig: Die Terrormiliz verschießt massenhaft US-Munition. Der Westen kann kaum kontrollieren, wem sein Kriegsgerät am Ende in die Hände fällt.

Stolz schreitet Abu Saffiya die aufgereihten Patrouillenfahrzeuge ab. "All diese Autos gehörten der irakischen Grenzpolizei. Gepriesen sei Allah, jetzt gehören sie den Mudschaheddin", sagt der bärtige Mann mit dem schwarzen Basecap, der in dem Propagandavideo des Islamischen Staats die Kriegsbeute der Terrormiliz vorführt. Vor einem Ford bleibt er stehen. "Seht nur wieviel Geld Amerika ausgibt, um den Islam zu bekämpfen. Und es landet am Ende nur in unseren Taschen."

Nicht nur Geländewagen, auch Waffen des Westens finden ihren Weg zu Abu Saffiya und den anderen Kämpfern des Terror-Staats. Eine Studie belegt nun systematisch, was Experten lange vermuteten: Die Islamisten kämpfen im Irak und Syrien mit Kriegsgerät aus Beständen ihrer Gegner. Unter anderem verschießen sie massenhaft US-Munition. Das geht aus einer Untersuchung von Conflict Armament Research (CAR) hervor, einer Londoner Nichtregierungsorganisation, die seit 2011 Waffenfunde in Bürgerkriegsgebieten dokumentiert.

Jede fünfte IS-Patrone ist amerikanisch

Für ihre Studie haben die Waffenexperten im Juli und August die Herkunft von mehr als 1700 Patronen aus Stellungen von IS-Einheiten im Nordirak und Nordsyrien bestimmt. Etwa die Hälfte stammte aus China und der Sowjetunion. Doch fast ein Fünftel der IS-Munition kam aus den USA. Insgesamt schossen die Kämpfer des Kalifats mit Patronen aus 21 Ländern, darunter der Türkei, Nordkorea - und auch Deutschland. CAR untersuchte die Munition nur wenige Tage, nachdem die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in Syrien und die Peschmerga-Miliz im Irak sie nach Offensiven gegen die IS-Truppen sichergestellt hatte.

Der Report zeigt nicht nur, dass der Terror-Staat sich offenbar mühelos aus dem riesigen Strom an Waffen versorgen kann, der den Krieg in Syrien und im Irak antreibt. Er beweist auch, dass die USA und ihre Verbündeten kaum kontrollieren können, in wessen Hände ihre Waffenlieferungen am Ende fallen. Die Terror-Kämpfer erobern sie entweder auf dem Schlachtfeld. Oder sie besorgen sie sich von Schwarzmarkthändlern, die die Bestände der IS-Gegner mit Bestechung oder Erpressung anzapfen können.

Fast ein Drittel der IS-Munition in der Stichprobe stammte aus Russland oder wurde in der ehemaligen Sowjetunion hergestellt: Eine Patrone datierte gar aus dem Jahr 1945. Das verwundert kaum: Russland ist der wichtigste Lieferant für das Assad-Regime, gegen das der IS in Syrien kämpft.

Doch die Islamisten müssen auch beträchtliche Bestände der irakischen Armee erobert haben, die aus US-Arsenalen stammen. Bei seinen Untersuchungen fand CAR auch Patronen aus der größten Munitionsfabrik der US-Armee in Missouri. Es ist eine bittere Ironie des Krieges: Während amerikanische Kampfjets die Kurden in Kobane aus der Luft mit US-Waffen versorgen, greift die Terrormiliz die Stadt am Boden wohl ebenfalls mit US-Gewehren an.

Kämpft IS in Kobane mit US-Waffen?

Schon im Juli hatten kurdische Milizen laut CAR ein US-Sturmgewehr vom Typ M16 bei IS-Kämpfern gefunden, nur 50 Kilometer östlich von Kobane, mit der Aufschrift "Eigentum der US-Regierung". Der Fund unterstreicht die logistischen Fähigkeiten des Terrorstaats: Das Gewehr tauchte in Nordsyrien auf. Gerade einmal zwei Wochen nachdem die Islamisten die Waffenlager der irakischen Armee in Mossul überrannt hatten - rund 500 Kilometer entfernt.

Unter den Waffen, die CAR in Syrien dokumentiert hat, finden sich auch zwei jugoslawische Anti-Panzer-Raketen vom Typ HEAT. Solche Waffen soll Saudi-Arabien laut CAR 2013 an Kämpfer der Freien Syrischen Armee geliefert haben, moderate Rebellen, die nicht nur gegen Assad, sondern auch gegen den IS kämpfen. Laut CAR wurden an einigen IS-Maschinengewehren die Seriennummern entfernt, "höchstwahrscheinlich um den Punkt zu verbergen, an dem die Waffen aus legalem, staatlichen Besitz abgezweigt wurden", schreibt CAR.

Abu Saffiya macht keinen Hehl daraus, wie hilfreich die Waffen des Westens für den Krieg der Terror-Armee sind. Vor einem Humvee, ein Panzerfahrzeug, dass die USA hundertfach an die irakische Armee geliefert haben, formuliert er seine "Botschaft an die Menschen im Westen: Liefert nur weiter, und wir werden weiter nehmen, Inschallah".

Quelle: n-tv.de

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