Risiken und NebenwirkungenImpfchaos in Deutschland
Die Aufregung über unterschiedliche Schweinegrippe-Impfstoffe für Soldaten, Bundespolizisten und Krisenstabs-Mitarbeiter hält an. Experten befürchten, dass die Impfbereitschaft in der Bevölkerung sinkt.
"Ich rechne damit, dass sich dadurch noch mal fünf Prozent weniger impfen lassen", sagte der Chef der Barmer Ersatzkasse, Johannes Vöcking, dem "Tagesspiegel".
Die Bundesregierung rief nachdrücklich zum Impfen auf. "Wir müssen uns leider darauf einstellen, dass sich im Winterhalbjahr auf der Nordhalbkugel in einer zweiten Welle eine größere Gefährdung aufbauen kann", sagte Regierungssprecher Ulrich Wilhelm. Der Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Wolfram Hartmann, sprach sich dafür aus, Kindern ab drei Jahren gegen die Schweinegrippe zu impfen. Dies sei besonders bei Kindern mit entsprechenden Risikofaktoren nötig, sagte der Mediziner der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Er kritisierte, dass Eltern von den Diskussionen verunsichert seien. Die Aufregung über verschiedene Seren sei nicht nötig.
Montgomery schlägt Tausch vor
Dagegen sagte der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, er halte das Vorgehen in Sachen Schweinegrippe für übertrieben und die Impfung "nicht für absolut notwendig". Die Schweinegrippe habe sich "als weniger gefährlich herausgestellt als die normale saisonale Grippe oder die Vogelgrippe". Er wies außerdem darauf hin, dass die Impfung wie alle anderen Impfungen auch keinen hundertprozentigen Schutz biete.
Zugleich forderte Montgomery die Bundesärztekammer Bundesregierung auf, den für sie bestellten Impfstoff Schwangeren und Kindern zur Verfügung zu stellen. Die Bundesregierung könne ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, indem sie auf den Extra-Impfstoff für Minister und Beamte verzichte und stattdessen den allgemeinen Impfstoff benutze, sagte er der "Berliner Zeitung". Er sei entsetzt über das Kommunikationsverhalten der Politik. Es erhöhe nicht gerade die Akzeptanz der Impfung, wenn die Regierung für sich andere Impfstoffe bestelle als für die Bürger.
Es gibt keinen "Regierungsimpfstoff"
Die Bundesregierung hatte bereits am Montag dementiert, dass es einen "Regierungsimpfstoff" gebe. Den Impfstoff Cevalpan bekommen lediglich Soldaten, Bundespolizisten und Mitarbeiter des Krisenstabs. Schon vor rund einem Jahr habe die Bundesregierung mit dem Hersteller Baxter einen Vertrag für den Fall einer Pandemie abgeschlossen. Als dann später die Schweinegrippe kam, entwickelte Baxter Celvapan.
Für den Rest der Bevölkerung sind dagegen die Länder zuständig, und diese haben das Mittel Pandemrix bestellt. Dieser Stoff enthält anders als Celvapan Wirkstoffverstärker. Kritiker sagen, diese "Adjuvanzien" sorgten für Nebenwirkungen. Studien gibt es dazu allerdings noch nicht. Für beide Impfstoffe gilt, dass sie unter "außergewöhnlichen Umständen" zugelassen wurden, so die Europäischen Arzneimittelagentur.
Die Rolle der Bundeswehr
Die Bundeswehr erklärte am Montag, zum Zeitpunkt der Bestellung hätten bei keinen Hersteller Informationen über die Zusammensetzung eines Impfstoffes gegen die Neue Grippe vorgelegen. "Deshalb konnte auch die Zusammensetzung des Impfstoffes keinen Einfluss auf die Wahl des Herstellers haben."
Allerdings hatte der Sanitätsdienst der Bundeswehr am 12. Oktober eine andere Begründung geliefert. Damals erläuterte ein Sprecher, vor einem Einsatz im Ausland bekämen die Soldaten je nach den dortigen Ansteckungsmöglichkeiten oftmals gleich eine ganze Reihe von Impfungen. Um ihre Gesundheit zu schützen und "die Durchhaltefähigkeit sicherzustellen", erhielten sie einen "sehr umfassenden Impfschutz, der weit über die Erfordernisse im Inland hinausgeht". Dabei sei es erforderlich, auf die wechselseitige Verträglichkeit mit anderen Impfstoffen zu achten. Wären zum Beispiel überall Zusatzstoffe enthalten, "und die kumulieren sich und vertragen sich nicht miteinander", werde es problematisch, so der Sprecher. Daher habe die Bundeswehr einen Impfstoff ohne Konservierungsstoff und ohne Adjuvanzien bestellt.
"Risiken und Nebenwirkungen"
Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach warf dem Bundesinnenminister und der Bundeskanzlerin eine "katastrophale Informationspolitik" vor. Dieses "Versagen" berge "medizinisch erhebliche Risiken und Nebenwirkungen", sagte Lauterbach dem "Kölner Stadtanzeiger". Zwar gebe es faktisch keine Qualitätsunterschiede zwischen den bestellten Impfstoffen. Es sei "aber der verheerende Eindruck" entstanden, solche Unterschiede existierten. Folglich könnten viele Menschen sich nicht impfen lassen. Dabei gebe es hinsichtlich der Schweinegrippe "keinerlei Grund zur Entwarnung".