"Runter von den Eiern ..."Italiens Rechnung geht nicht auf

Umberto Bossi ist bekannt für seine drastische Sprache. Nun erklärt er auf die ihm eigene Weise die Lösung des italienischen Flüchtlingsproblems. Wenn schon das Wetter gegen Italien ist, sollen die Flüchtlinge wenigstens nach Nordeuropa weiterziehen. Allerdings wollen diese da nicht mitspielen.
Umberto Bossi, hat es auf den Punkt gebracht. "Föra de Ball", "runter von den Eiern", das müssten die Flüchtlinge aus Nordafrika. Ich entschuldige mich für die Wortwahl, aber ich gebe nur exakt die Worte des "Minister für Staatsreform" wieder, es gilt das gesprochene Wort, längst ist es ein geflügeltes geworden. Bossis brillante Idee: Von den italienischen Attributen herunter, bei den anderen Europäern herauf. Der für seine von Sexualinjurien triefende Sprache seit Jahren bekannte Führer der Liga Nord - bekannt wurde er mit dem Slogan " Wir Leghisti haben ihn immer steif" - hatte die Lösung gefunden: Die Tunesier wollten doch sowieso nicht in Italien bleiben, sinnierte er, also geben wir denen eine europaweit gültige Aufenthaltsgenehmigung und dann sind wir sie schnell wieder los: "Nach Frankreich und Deutschland wollen sie und dahin lassen wir sie auch …" So seien sie eben "föra de ball"!
Sehen Sie, wie schnell das geht mit dem Sprachenlernen in Europa? Lombardisch ist doch gar nicht so schwer! Doch man sollte auch Verständnis haben für Premier , der wirklich in einer "lose-lose" Lage steckt. Was er auch macht: es kann nicht gut gehen. Mit Tunesiens früherem hatte man einen Abschiebungsdeal gezimmert, der auch die Rückführung von Illegalen vorsah: Demnach dürfen aber nicht mehr als vier (!) Tunesier pro Tag zurückgeführt werden. Ein Witz bei 500 Ankömmlingen auf Lampedusa, pro Tag.
Mit Libyens Immer-noch-Diktator, "Freund Muhammar" , hatte Berlusconi 2008 in Bengasi ausgehandelt, dass die Libyer die Flüchtlinge aus dem Rest Afrikas in Lagern fern der Küste einschließen. Was dort passiert, wollte Italien dann nicht mehr wissen. Hauptsache, die Südfront war ruhig. Bis Anfang Februar hielt der Damm, dann kamen sie. Die Wirtschaftsflüchtlinge und nun auch immer mehr Flüchtlinge aus dem Bürgerkriegsland Libyen. Doch wohin mit ihnen? Um die ausländerfeindliche Liga Nord zu besänftigen, um "ein Zeichen zu setzen", dass nun garantiert niemand aus dem armen Süden mehr kommen werde, hatte man viele der Hilfslager und Auffangstrukturen wie auch das Lager auf Lampedusa im letzten Jahr geschlossen. Als die Flüchtlingswelle dann einsetzte, war Italiens Regierung völlig unvorbereitet - die Diktatoren waren weg und die eigene Infrastruktur abgebaut worden.
Kein Verlass auf schlechtes Wetter
Zuerst appellierte Berlusconi noch an "Freund Muhammar" und mahnte die Italiener, man solle die Rebellen nicht ermutigen, sonst käme die Invasion der Armen aus dem Süden. Dann hoffte man auf schlechtes Wetter. Doch das Wetter war besser als erhofft und die Flüchtigen verzweifelt genug, die Überfahrt auch bei Windstärke 6 zu wagen. In den ersten Wochen ließ die Regierung in Rom die Dinge einfach treiben. Auf kamen täglich einige Hundert Flüchtlinge an, Hunderte von Polizisten schauten dem Treiben tatenlos zu. Die Insel füllte sich immer mehr, bis mehr als 5000 Tunesier die Insel de facto in Beschlag nahmen, überall schliefen, kaum noch zu essen und trinken hatten. Dass es nicht zu Unruhen, zu Plünderungen gekommen war: Ein Wunder! Da erst wachte die Regierung in Rom auf – Berlusconi orderte Kreuzfahrtschiffe, Militärtransporter, eine Luftbrücke, Lampedusa sollte wieder flüchtlingsfrei werden. Ganz nebenbei kaufte sich der Premier eine Villa mit Meeresblick nach Süden, business as usual.
Lampedusa ist freier, auch wenn täglich neue Boote kommen. Doch nun sind die Flüchtlinge auf ganz Italien verteilt, der Norden bekommt jetzt ebenfalls seinen Anteil. Das ist der Super-GAU für die Liga Nord. Sollten sie nicht "föra de ball"? Nach Paris und Berlin? Nun kommen sie sogar in den Norden, lungern vielleicht unter Madonnina, Mailands Wahrzeichen, herum: Undenkbar, ein Affront. Die Liga-Anhänger sehen im Innenminister schon einen Verräter an der ausländerfeindlichen Sache der Liga, einen Weichling, der es nicht schafft, sie abzuschieben. Bis zu 50.000 Flüchtlinge will man nun aufnehmen, das sehen die Pläne der Regierung Italiens vor.
Ganz entgegen der Hoffnung, die Tunesier und mit ihnen die Menschen aus Eritrea, Somalia und aus Ägypten, die jetzt immer häufiger aus libyschen Häfen kommen, würden sich schnell auf den Weg nach Norden machen, scheinen sich die Flüchtlinge mit ihrem Schicksal anzufreunden. Immer mehr, so hören wir von ihnen, finden es in Italien eigentlich ganz schön. Wenn Italien ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung gibt, dann gilt diese ja wenigstens in bella Italia. Dass Frankreich, Österreich und Deutschland sie nicht anerkennen wollen, mag nach Schengen-Abkommen sogar Unrecht sein, aber warum Probleme an der Grenze riskieren, wenn man hier bleiben darf?
Und so wird es wohl am Ende kommen. Die italienische Bevölkerung wird dieses Jahr nicht schrumpfen, sondern um geschätzte 50.000 Personen anwachsen. Wenn dann erst einmal Gras über die Sache gewachsen ist, dann kann man immer noch weiter wandern, in Europa. Wer wird sich dann noch an die Landung in Lampedusa erinnern? "Föra de ball"… un corno! - von wegen "föra de ball" ....