Politik
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Freitag, 09. Juni 2017

Das ignorierte Votum der Briten: May wankt zurück in die Downing Street

Von Roland Peters, London

Großbritanniens Premierministerin May regiert weiter - aber mit extrem knapper Mehrheit. Sähe sie nicht so müde aus, könnte man fast meinen, die desaströse Wahlnacht hätte es gar nicht gegeben.

Als Theresa May von ihrer knapp halbstündigen Unterredung mit der Queen kommt, ist ihr die Wahlnacht noch immer anzusehen. Im Palast musste sie erklären, wie sie sich das in Zukunft vorstellt, mit diesem Ergebnis. Und nun muss May das Gleiche auch den Briten und der Welt erklären. Sie trägt Blau, die Farbe der Konservativen.

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Sieben Wochen, nachdem May siegessicher die Neuwahl ausgerufen hatte, steht sie erneut an ihrem Pult vor der Downing Street 10. Diesmal sieht sie nicht optimistisch, sondern gezeichnet und verbissen in die Kameras. Sie liest vom Blatt ab. "Ich werde eine Regierung bilden, um Sicherheit zu gewährleisten." Ein paar lobende Worte verliert May über die zehn Abgeordneten aus Nordirland, auf deren Sitze sich nun ihre Macht stützt. Ihre Conservative Party und die DUP kommen gemeinsam auf 328 von insgesamt 650 Sitzen.

Die Unterhauswahl ist nicht so verlaufen, wie sich die britische Premierministerin das vorgestellt hatte. Schon die erste Nachwahlbefragung prognostizierte den Verlust der alleinigen Mehrheit im Parlament. Das Ergebnis bestätigte die Vorhersage. Nun greift May nach dem letzten Strohhalm für ihr Amt und arbeitet mit der nordirischen DUP zusammen. In der Nacht hatte der einflussreiche Boris Johnson vermieden, seiner Kabinettschefin den Rücken zu stärken. "Jeder sollte sich unter Kontrolle haben", nuschelte er ins Mikrofon und verschwand.

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May wollte eigentlich alleine weiterregieren, mit einem riesigen Vorsprung, der ihr praktisch einen Blankoscheck für die Gestaltung des EU-Austritts gegeben hätte. "Wir werden wie geplant mit den Brexit-Verhandlungen fortfahren", sagt sie, "um Großbritannien sicher zu machen". Die Gespräche mit Brüssel muss sie nun aus einer höchst wackeligen Koalition heraus führen - und sich zugleich der Angriffe aus den eigenen Reihen erwehren. Jeder Abgeordnete hat seinen Wahlkreis, dem er Rechenschaft schuldig ist.

May sagt kein Wort zu den Vorkommnissen der Nacht. Keines zum Wahldesaster, zur eigenen Verantwortung oder gar zu Schlüssen für das Programm der Tories.

Sie lächelt kein einziges Mal

Im Wahlkampf war es "strong and stable", nun also "certainty"; Sicherheit, Bestimmtheit, Gewissheit. Doch es waren die angekündigten Kürzungen im Sozialbereich und die aktivierten jungen Wähler, die sie die absolute Mehrheit kosteten. May lässt das Thema zwar nicht völlig aus: "Wir bauen eine Gemeinschaft, wo niemand zurückgelassen wird." Aber das hatte sie schon im Wahlkampf gesagt. Geglaubt hat es ihr kaum einer, wie die Zugewinne von Labour nahelegen.

Trotzdem steht da nun die ehemalige Innenministerin May und redet über die gleichen Themen, erneut über den Kampf gegen den Extremismus und den Brexit. Es ist, als sei sie noch nicht im Jetzt angekommen. Als ignoriere sie das Votum des Vortags, als wäre ihre Partei nicht abgestraft worden. Doch May lächelt während ihrer Ansprache nicht, kein einziges Mal. Und sie spricht angestrengt von "wir", nicht von "ich" wie im Wahlkampf, der auf sie fokussiert war. Ein kleines, wichtiges Detail.

May führt ihre Partei nun wohl nicht mehr, sondern steht ihr nur noch vor. In einer Expertenrunde der BBC war schon vor ihrem Termin bei der Queen gespottet worden: "Bei den konservativen Premierministern ist es wie bei den Londoner Bussen: Irgendwann kommt der nächste vorbei."

May selbst sagt zum Ende noch kurz "an die Arbeit". Dann tritt sie vom Pult weg und verschwindet in der Tür der Downing Street 10; so, als wäre nichts gewesen.

Quelle: n-tv.de

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