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SPD-Landeschef Andreas Bausewein auf einer Fotomontage beim Bruderkuss mit Erich Honecker - so sehen einige Erfurter am Vorabend der Ministerpräsidentenwahl "den Verrat durch die Sozialdemokraten".
SPD-Landeschef Andreas Bausewein auf einer Fotomontage beim Bruderkuss mit Erich Honecker - so sehen einige Erfurter am Vorabend der Ministerpräsidentenwahl "den Verrat durch die Sozialdemokraten".(Foto: REUTERS)

Die Anti-Ramelow-Front: "Raus mit den Stasi-Schweinen"

Von Christian Rothenberg, Erfurt

SPD und Grüne wollen den Linken Bodo Ramelow an diesem Freitag zum Ministerpräsidenten wählen. Doch das Dreierbündnis ist heftig umstritten. Am Vorabend gehen die Gegner von Rot-Rot-Grün auf die Straße - und warnen vor einer neuen DDR.

Wer sich bei minus drei Grad freiwillig auf die Straße begibt, der muss ein echtes Anliegen haben. So wie Stefan Sandmann. Ob ihm kalt ist? Er schüttelt den Kopf. Er sei nur aufgeregt. Weil so viele Leute gekommen sind. Und das trotz großer Konkurrenz. Immerhin tritt Kabarettist Atze Schröder zeitgleich einige Hundert Meter entfernt in der Thüringenhalle auf. Sandmann ist heute nicht nach Lachen. Es sei ein todtrauriger Abend, weil an diesem Freitag die "Kommunisten-Schweine der SED" in Thüringen wieder die Macht übernehmen könnten.

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Sandmann war zwei Jahre lang Vorsitzender der SPD in Ilmenau. Bis vor einigen Tagen. Es gab Streit im Ortsverband, heftigen Streit sogar, wegen Rot-Rot-Grün. Den Vorstandskollegen missfiel Sandmanns heftiger Kampf gegen die geplante Koalition. Die Folge: Der 35-Jährige trat nicht wieder an. Zu tun hat er zurzeit trotzdem genug, als Mitorganisator des Protests gegen einen linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow. Aus keinem anderen Grund steht er jetzt vor dem Thüringer Landtag in Erfurt. Gemeinsam mit 2000 anderen Menschen, von denen viele Kerzen tragen und mitgebrachten Kaffee und Tee aus Thermosflaschen trinken.

Aus den Lautsprechern tönen die altbekannten Sprechchöre "Wir sind das Volk", anschließend singt man gemeinsam "Freude, schöner Götterfunken". Es ist ein bemerkenswertes Bündnis, dass sich in diesen Tagen formiert hat: SPD-Leute wie Sandmann, aber auch frühere DDR-Bürgerrechtler, Christdemokraten und AfD-Unterstützer. Am 9. November machten sie vor dem Erfurter Dom bereits Front gegen die Regierung, die inzwischen ihren Koalitionsvertrag unterzeichnet hat. Diese Demo am Vorabend der entscheidenden Landtagssitzung ist das letzte Aufbegehren. Doch die Mission ist aussichtslos. Sandmann & Co bekämpfen eine Koalition, die sie gar nicht verhindern können.

"Man darf dieser Partei nicht trauen"

Rot-Rot-Grün, wieso eigentlich nicht? Wer die Fragen an diesem Abend stellt, erhält viele klare Antworten. Zum Beispiel von Clarsen Ratz, dem Anmelder der Veranstaltung. Der Vize-Landeschef der CDU-Mittelstandsvereinigung, 1958 in Weimar geboren, sagt: "Langfristig gedacht lässt sich das Parteiprogramm der Linken nur in einer Diktatur umsetzen." Vergesellschaftung des Privateigentums und der Konzerne, zurück zur sozialistischen Planwirtschaft - die Linken könnten gar nicht anders. Dem Unternehmer schaudert es bei dem Gedanken, dass "ein Kommunist die Geschicke des Landes lenken könnte", einer, der sogar die KPD wieder erlauben wolle.

Diese Bilder erinnern nicht zufällig an die Montagsdemos von 1989.
Diese Bilder erinnern nicht zufällig an die Montagsdemos von 1989.(Foto: dpa)

Auch Matthias Büchner ist nach Erfurt gekommen. Für viele hier ist der Mann mit dem Rauschebart eine lebende Legende. 1989 war er Sprecher des Neuen Forums, anschließend saß er zwischen 1990 und 1994 im Thüringer Landtag. Dann wurde es ruhig um Büchner, bis vor einigen Wochen. Seitdem steht sein Telefon nicht mehr still, wie er erzählt. Sogar die BBC will seine Meinung hören zu den Ereignissen im Freistaat. "Wir wollen nicht, dass Thüringen rot beflaggt wird", sagt Büchner, der später eine Grußbotschaft des früheren DDR-Liedermachers Wolf Biermann vorträgt. "Ich verstehe nicht, dass so viele Leute sagen: ‚Gebt den Linken doch eine Chance!‘ Man darf dieser Partei nicht trauen. Sie hat niemals einen Schlussstrich gezogen."

Warten auf Gabriels Reaktion

Glaubt man Ratz, Büchner und vielen anderen hier, dann steht Erfurt an diesem Donnerstagabend kurz vor dem Ende der Demokratie. Die Anti-Ramelow-Front reibt sich daran, dass 25 Jahre nach dem Mauerfall ausgerechnet in der Stadt, wo 1989 die erste Stasi-Zentrale fiel, ein Linker in die Staatskanzlei einziehen soll. Und nicht nur das: Viele hadern damit, dass Ramelows Mehrheit nur dank Frank Kuschel und Ina Leukefeld steht. Die beiden früheren Stasi-Mitarbeiter sitzen für die Linken im Landtag. "Die hat Ramelow wieder aufstellen lassen. Leute, die früher andere ans Messer geliefert und Familien zerstört haben", sagt Sandmann. Die Zuhörer wissen nicht, ob sie jubeln oder buhen sollen. "Raus mit den Stasi-Schweinen", ruft einer.

Rot-Rot-Grün belebt nicht nur alte Ängste neu, sondern auch noch ältere Slogans. "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten" - das steht auf mehreren Bannern. Auch SPD-Leute sind an diesem Abend gekommen. Nicht wenige Genossen fremdeln mit dem Dreier-Bündnis. Für sie ist die Koalition zugleich Tabu und Himmelfahrtskommando. Bisher verschafften Linke SPD-Regierungschefs eine Mehrheit, aber nicht andersherum. Ein wichtiger Unterschied.

Sandmann ist entschlossen, aber auch tief enttäuscht. Zum Beispiel von Sigmar Gabriel. Er schrieb dem Parteichef einen Brief, rief ihn an. Keine Reaktion. "Schon traurig." Er hätte sich klare Worte gewünscht, klare Kante gegen Rot-Rot-Grün. Schmidt, Brandt und Schröder hätten klar Position bezogen, davon ist er überzeugt. "Das war Gabriels größter Fehler in seiner Zeit als SPD-Chef", sagt Sandmann. "Die SPD verrät ihre Wurzeln, wenn wir denen an die Macht helfen, die uns früher kaputt machen wollten. Viele unserer Vorfahren haben das mit dem Leben bezahlt."

Nach einer Stunde gehen viele Demonstranten nach Hause. Alles ist gesagt, wärmer wird es auch nicht mehr. Aber das Dilemma bleibt: Nur einen Steinwurf entfernt werden Grüne und SPD in ein paar Stunden aller Voraussicht nach Ramelow zum Regierungschef wählen. Sandmann hofft auf Abweichler, sie "könnten als aufrechte Sozialdemokraten in die Geschichte eingehen". Wenn es nach ihm ginge, sollten CDU, SPD und Grüne einfach eine Regierung bilden.

Eine Frau tippt Sandmann an und winkt. "Die kriegen keine Mehrheit, Sie brauchen keine Angst haben", gibt er ihr mit auf den Weg. Sandmann selbst hat am Freitag ein ganz anderes Problem. Er sei in London, müsse sich am Vormittag "irgendwie einen Fernseher mit deutschem Programm suchen". Was er macht, wenn Ramelow am Ende eine Mehrheit erhält? Dann war’s das. "Dann gebe ich mein Parteibuch zurück", sagt Sandmann und schaut plötzlich noch ein bisschen ernster, "denn dann ist es indirekt ein SED-Parteibuch".

Quelle: n-tv.de

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