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Eskalation zwischen Saudis und Iran: So wirkt die Feindschaft auf die Region

Von Nora Schareika

Saudi-Arabien und Iran beenden ihre Beziehungen und feinden sich offen an. Steht also ein weiterer Krieg kurz bevor? Schaut man genau hin, hat der Streit der Erzrivalen längst die gesamte Region wie ein Krebsgeschwür durchdrungen.

Die Welt blickt mit Sorge auf die Arabische Halbinsel: Eine Eskalation des lange schwelenden Konflikts zwischen den rivalisierenden Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran ist das letzte, was die Region brauchen kann. Reihenweise kappen sunnitische, mit Saudi-Arabien befreundete Staaten ihre diplomatischen Beziehungen zum Iran. Der Iran dagegen baut mit dem schrittweisen Wegfall der Sanktionen nach und nach wieder Beziehungen zu westlichen Staaten auf.

Die Ratlosigkeit in Europa und den USA ist groß, wie man die beiden Kontrahenten beschwichtigen könne. Daran hängen, so die einhellige Meinung, die Zukunft des Nahen und Mittleren Ostens und die ohnehin kaum vorhandenen Hoffnungen auf Frieden in Syrien, im Irak und im Jemen. Eine direkte militärische Konfrontation gilt indes als unwahrscheinlich.

Der Streit zwischen dem wahhabitischen Herrscherhaus in Riad und der schiitischen Regierung in Teheran hat allerdings längst die gesamte Region wie ein Krebsgeschwür durchdrungen. Ein Überblick:

Irak

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Neben Bahrain ist der Irak das einzige arabische Land mit schiitischer Bevölkerungsmehrheit. In der Nachkriegs(un)ordnung nach dem Sturz von Saddam Hussein war das die Ursache für konfessionelle Spannungen und Bürgerkrieg. Unter Hussein hatten die Sunniten als Minderheit über die Schiiten geherrscht und viel Hass gesät. Dann übernahm die schiitische Regierung von Nuri al-Maliki, die andersherum nicht viel gnädiger mit den entmachteten Sunniten umging. In diesem Klima entstand die Vorgängerorganisation des IS, der sich – das ist eine Ironie der Geschichte – ausgerechnet viele alte Kader des einst sozialistisch geprägten Baath-Regimes Husseins angeschlossen haben. Sie bilden neben IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi den militärisch-strategischen Führungszirkel des IS, der sich nebenbei bestens mit Geheimdienstmethoden auskennt.

Libanon

Der Libanon ist ein Sonderfall innerhalb der Arabischen Welt, da dort 18 Religionsgemeinschaften auf engstem Raum leben. Die Schiiten sind allerdings eine bedeutende Gruppe und haben mit ihrer paramilitärischen Organisation und Partei Hisbollah ("Partei Gottes") erhebliche Macht inne. Die Hisbollah ist eine Schöpfung des iranischen Regimes, welches sie finanziert und kommandiert. So kämpft inzwischen eine große Anzahl von Hisbollah-Milizionären in Syrien aufseiten des Regimes von Baschar al-Assad. Was die Loyalität der libanesischen Schiiten zum Iran angeht, ist das nicht ungefährlich, da Familien häufig auch gegen ihren Willen ihre jungen Söhne für den oft tödlichen Einsatz in Syrien hergeben müssen.

Syrien

In Syrien herrscht mit dem Assad-Clan ein alawitisches Regime. Die Alawiten sind eine Untergruppe der Schiiten, nicht zu verwechseln mit den türkischen Aleviten. Sie wurden allerdings erst vor rund 40 Jahren von den sogenannten Zwölferschiiten (die 85 Prozent der Schiiten stellen und deshalb oft als "die" Schiiten firmieren) überhaupt als Muslime anerkannt. Man kann also nicht von einer automatisch religiös basierten Freundschaft sprechen. In gemeinsamer politischer Opposition zu Sunniten und anderen Glaubensrichtungen sind die Alawiten und die Zwölferschiiten heute Verbündete. Darauf basiert die Achse aus Hisbollah, Assad-Regime und Iran. Das Assad-Regime wird vom Iran maßgeblich unterstützt. Der syrische Bürgerkrieg ist damit längst ein Stellvertreterkrieg, weil auf der anderen Seite von Saudi-Arabien finanzierte Milizen gegen das schiitische Bündnis kämpfen.

Jemen

Auch hier tobt seit einem Dreivierteljahr ein Stellvertreterkrieg von Saudi-Arabien und dem Iran um die Macht in der Islamischen Welt. Im Jemen leben etwa 15 Prozent Schiiten, namentlich die Untergruppen der Zaiditen und der Ismailiten. Die Huthi-Miliz, die vergangenes Jahr den Präsidenten ins Exil trieb und versuchte die Macht zu übernehmen, besteht aus Mitgliedern dieser Glaubensgruppe. Ob der Iran die Huthi unterstützt, ist nicht bewiesen, wird aber vermutet und von Saudi-Arabien als Tatsache dargestellt. Mit einer Allianz mit anderen sunnitischen Staaten begann Saudi-Arabien einen verheerenden Luftkrieg gegen den Jemen, dem bislang fast 2000 Zivilisten zum Opfer gefallen sind.

Bahrain

Eine schiitische Bevölkerungsmehrheit wird in Bahrain von einem sunnitischen Herrscherhaus regiert. Nach der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr gab es auch in Bahrain Demonstrationen gegen Saudi-Arabien und Unruhen. Die sunnitische Führung hingegen brach die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab. Je stärker der Saudi-Iran-Konflikt auf dieses kleine Golfland einwirkt, desto größer könnten auch dort die Spannungen werden. Beide Großmächte spielen sich hier als Schutzmächte der jeweiligen Religionsgruppe auf.

In Jordanien, Palästina, Ägypten und den restlichen nordafrikanisch-islamischen Staaten spielt der Konfessionsstreit keine direkte Rolle. Allerdings sind diese Staaten Verbündete des saudischen Regimes, das sie mit großzügigen Hilfen finanzieller und militärischer Natur abhängig gemacht hat. Mitte Dezember verkündete Saudi-Arabien, eine neue Anti-Terror-Allianz aus 34 Staaten gebildet zu haben. Wegen solcher Allianzen hängen selbst Staaten wie Pakistan (wo allerdings auch gegen die Hinrichtungen protestiert wurde), Tschad oder die Komoren unfreiwillig mit drin im Ringen der unversöhnlichen Großmächte Saudi-Arabien und Iran im Mittleren Osten.

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(Foto: n-tv.de / stepmap.de)

Quelle: n-tv.de

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