Politik
Video
Freitag, 21. Juli 2017

Verlacht, verachtet, verlassen: Spicer hatte keine Chance

Ein Kommentar von Volker Petersen

Genau sechs Monate und einen Tag hält Sean Spicer auf seinem Posten als Pressesprecher von US-Präsident Trump durch. Nun gibt der Mann auf, der zwischenzeitlich zum Gespött Washingtons geworden war.

Der einstige "Chefstratege" der Republikaner mag sich in den vergangenen Monaten vielleicht schon einmal selbst gefragt haben, warum er diesen Job überhaupt übernommen hatte. Zwar verfügte Sean Spicer über einige Erfahrung in der Kommunikation politischer Inhalte – die Aufgabe, für Donald Trump zu sprechen, erwies sich aber als eine Nummer zu groß. Das kann man dem Republikaner allerdings kaum vorwerfen. Denn wer hätte schon ahnen können, dass dieser Präsident so volatil in seinen Ansichten sein würde? Dass er heute das eine, morgen das andere und übermorgen wieder das eine sagt? Und das regelmäßig?

Schon der Anfang war nicht besonders glücklich: Als Spicer gerade seinen Posten als Sprecher von US-Präsident Donald Trump angetreten hatte, dominierte er bereits die Schlagzeilen – im negativen Sinne. Es ging um die Menschenmenge, die zur Amtseinführung des neuen Mannes im Weißen Haus gekommen war. Fotos zeigten, dass diese deutlich kleiner war als zuvor bei Barack Obama.

Die Sache mit der Einweihungsfeier erwies sich für Spicer als Eigentor.
Die Sache mit der Einweihungsfeier erwies sich für Spicer als Eigentor.(Foto: REUTERS)

Spicer sah das anders und wurde vor Journalisten ausfällig. Er schrie geradezu, dass es sich um die größte Menschenmenge gehandelt habe, die jemals bei einer Amtseinführung gekommen sei. Mit einem trotzig-aggressiven "Punkt!" versuchte er, die Debatte zu beenden und erntete hauptsächlich Kopfschütteln. Damit kannte zwar jeder den Sprecher des Präsidenten, seiner Seriosität hatte er aber gleich zu Beginn selbst einen Knacks verpasst.

Gnadenlose Parodie

Dabei hätte er einfach darauf hinweisen können, dass der Großteil von Trumps Wählern nunmal nicht im liberalen Washington und Umgebung lebte, sondern eine weite Anreise aus dem Mittleren Westen und anderen Bundesstaaten gehabt hätte. Dass ihm stattdessen Trumps Beraterin Kellyanne Conway beisprang und Spicers Äußerungen einfach zu "alternativen Fakten" erklärte, stellte das Vertrauen nicht wieder her.

Peinlich wurde es für ihn, als die Schauspielerin Melissa McCarthy Spicer in der Comedy-Show "Saturday Night Live" gnadenlos parodierte. Sie stellte den Mann mit dem akkuraten Seitenscheitel als psychopathisches Rumpelstilzchen dar, das nicht mit kritischen Fragen umgehen konnte. Spicer hatte selbst großen Anteil daran, dass er wie der laut kläffende Wachhund seines Herrn wirkte, denn als dessen oberster Erklärer und Kommunikator.

Trump sei selbst sein liebster Sprecher, schreiben US-Medien immer wieder – für den Amtsinhaber wurden die Auftritte daher immer mehr zu Drahtseilakten. Die Twitter-Tiraden des Präsidenten brachten Spicer immer wieder ins Schwanken. Er verlegte sich schließlich darauf, Dinge zu sagen wie: "Darüber habe ich mit dem Präsidenten noch nicht gesprochen" oder "Der Präsident weiß, was er damit meint."

Ein Tiefpunkt war erreicht, als Trump im Mai FBI-Direktor James Comey feuerte, ganz offenbar ohne seinen Pressesprecher darüber ins Bild zu setzen. Spicer hatte nicht viel mehr als Worthülsen für die vorm Weißen Haus wartenden Reporter übrig und fiel schließlich dadurch auf, dass er sich mit seinen Mitarbeitern hinter die Büsche schlug, um sich zu beraten. Schon damals wirkte er nervös, gestresst und angeschlagen.

Der Terrier zog sich zurück

Video

Überdies musste Spicer aushalten, dass Trump öffentlich über seine Entlassung räsonierte. Dass er sich dagegen entschied, begründete sein Chef mehr mit den guten Einschaltquoten der Pressekonferenzen, als dass er seine Performance lobte. Doch die Zuschauer schalteten nicht unbedingt ein, weil sie den Informationen trauten. Ein Teil wollte vermutlich lediglich sehen, worüber sich Melissa McCarthy später bei "Saturday Night Live" lustig machen würde.

Wie das Verhältnis des Präsidenten zu seinem Sprecher hinter den Kulissen war, lässt sich nur erahnen. Dass Spicer sich aber in den vergangenen Monaten eher im Hintergrund hielt und seiner Vertreterin Sarah Huckabee Sanders das Feld überließ, war vielsagend. Ob Trump seinen Terrier zurückzog oder dieser die große Bühne scheute, wissen nur die Insider.

Dass Trump Mike Dubke schließlich zum Kommunikationsdirektor machte, hatte zumindest viele Republikaner gefreut. Denn wie CNN berichtete, galt dieser als Mann der Partei, als eben keiner dieser Ja-Sager und treuen Freunde, mit denen sich Trump so gern zu umgeben scheint. Gleiches gilt für Spicer, der jahrelang in verschiedenen Funktionen für die Republikaner tätig gewesen und mit glühender Gegnerschaft zu Barack Obama aufgefallen war. Nachdem Dubke nach nur drei Monaten aufgegeben hatte, dürften diese Hoffnungen auf eine "Normalisierung" Trumps wieder verdampft sein.

Mag sein, dass Spicer noch abwarten wollte, wer sein neuer Kollege werden würde. Dass es nun ein New Yorker wird, einer den Trump schon lange kennt, einer der ihn stets verteidigt und außerdem leidenschaftlich twittert, war für den Parteisoldaten Spicer wohl nun eine Demütigung zu viel. Denn die Wahl Anthony Scaramuccis ist ein Signal an die Partei – Trump entscheidet sich einmal mehr für einen oberloyalen Freund als für einen möglicherweise kritischeren Mann aus den Reihen der Republikaner. So ist Spicers Rücktritt auch Ausdruck der Entfremdung zwischen Partei und Präsident.

Hätte Spicer nicht selbst immer wieder die Journalisten beleidigt und angeschnauzt, er könnte einem fast Leid tun. So geht nach sechs Monaten und einem Tag ein zwischen Trump und Presse zermürbter Mann, der zu allem bereit war, um seinem Boss zu gefallen. Bis es selbst ihm zu viel wurde.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen