Politik
Das Mädchen soll einem Polizisten mit einem Messer in den Hals gestochen haben.
Das Mädchen soll einem Polizisten mit einem Messer in den Hals gestochen haben.(Foto: Presseportal.de / Polizeidirektion Hannover)
Mittwoch, 25. Januar 2017

Messerattacke auf Polizisten: Stach Safia im Auftrag des IS zu?

Von Christian Rothenberg

Im Februar 2016 greift eine Schülerin mit einem Gemüsemesser einen Polizisten an. Vorher hatte sie angeblich Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat. Nun fällt das Urteil im Prozess gegen die 16-Jährige.

Es passiert an einem Freitag, Ende Februar 2016: Am Hauptbahnhof in Hannover kontrollieren Polizisten ein Mädchen. Die 15-Jährige mit Kopftuch fällt ihnen auf, weil sie die Uniformierten ununterbrochen anstarrt. Sie fragen nach ihrem Ausweis. Plötzlich zieht das Mädchen ein Gemüsemesser. Sie sticht zu und trifft einen Polizisten oberhalb seiner Schutzweste am Hals, er erleidet eine mehrere Zentimeter tiefe Stichwunde. Der andere Beamte kann die Täterin überwältigen. Seit Oktober steht die Deutsch-Marokkanerin Safia S. vor Gericht. Nun soll im zuständigen Oberlandesgericht Celle das Urteil verkündet werden. Die spannendste Frage: Handelt es sich tatsächlich um eine von der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Auftrag gegebene Terrortat? Einiges spricht dafür.

In der Vernehmung nach der Tat erklärt Safia, sie habe sich provoziert gefühlt und über die Kontrolle der Polizisten geärgert. "Ich muss ehrlich sagen, dass ich überreagiert habe", soll die Gymnasiastin gesagt haben. Aus der Untersuchungshaft schreibt sie dem verletzten Polizisten einen Brief und entschuldigt sich. Die Ermittler gehen davon aus, dass mehr dahintersteckt als eine reine Affekthandlung. Warum sonst soll Safia in ihrer Handtasche sogar noch ein zweites Messer bei sich getragen haben? Warum stand sie offenbar in Kontakt zu anderen Terrorverdächtigen wie dem Afghanen Ahmed A. oder dem Deutsch-Syrer Hasan K.? Es gibt noch mehr Anzeichen für eine islamistisch motivierte Tat.

Safias Eltern leben getrennt, Mutter Hasna erzieht sie streng religiös. Das Mädchen besucht häufig den deutschsprachigen Islamkreis, eine Gemeinde in Hannover, die der Verfassungsschutz als extremistisch einstuft. Schon als Kind macht sich Safia einen Namen in der Szene. Mit sieben Jahren trifft sie den Salafisten-Prediger Pierre Vogel. Es gibt mehrere Youtube-Videos, die angeblich zwischen 2008 und 2010 aufgenommen wurden und beide zusammen in einer Moschee zeigen. Safia trägt ein Kopftuch und rezitiert Koran-Verse, Vogel kann seine Begeisterung kaum verbergen. "Das ist der Nachwuchs in Deutschland", schwärmt er, ein anderes Mal kommentiert er ihren Vortrag mit den Worten: "Ich hab voll die Gänsehaut bekommen."

"Allah segne unsere Löwen"

Safias Radikalisierung soll jedoch erst später erfolgt sein. Als die Ermittler nach der Tat ihr Handy untersuchen, stoßen sie auf auffällige Nachrichten. "Möge Allah die Ungläubigen vernichten", heißt es. Am Tag nach dem Anschlag von Paris im November 2015 schreibt Safia: "Gestern war mein Lieblingstag, Allah segne unsere Löwen, die gestern in Paris im Einsatz waren." In dieser Phase beginnen auch verschiedene Personen aus ihrem Umfeld, darunter ihre Großmutter, sich Sorgen um sie zu machen und wenden sich an die Polizei. Safia sucht Kontakt zu IS-Kämpfern, zunächst nur über soziale Medien. Wenig später bittet sie ihren Vater um eine Kopie seines Personalausweises - mit dem Vorwand, sie wolle mit einer Freundin ins Kino.

Aber das Mädchen hat etwas anderes vor, sie kauft ein Flugticket. Am 22. Januar fliegt sie nach Istanbul. Ihr Bruder Saleh sitzt dort schon einige Wochen in Haft, weil er versucht haben soll, nach Syrien zu reisen. Die Bundesanwaltschaft ist sich sicher, dass Safia in Istanbul Kontakt zu IS-Mitgliedern aufnimmt, um nach Syrien zu kommen. In den Gesprächen soll sie den Auftrag erhalten haben, eine Märtyrertat in Deutschland zu verüben. Ihre Mutter Hasna meldet sie derweil als vermisst, später reist sie nach Istanbul und kehrt mit Safia nach Hannover zurück. Weil den Staatsschützern auffällt, dass das Mädchen kurz zuvor noch als vermisst gemeldet worden war, bitten sie Safia zu einem Gespräch. Die erklärt, sie habe in der Türkei Urlaub gemacht. Die Ermittler kassieren ihr Handy. Einige Wochen später sticht Safia zu.

"An seinem Hals spielen"

Erst danach übersetzen die Ermittler die Nachrichten auf ihrem Handy, in denen die 15-Jährige ihre Tat ankündigte. "Ich werde die Ungläubigen überraschen, wenn du verstehst, was ich meine", schrieb sie in einem Chat. Auch von einem Angriff auf Polizisten ist die Rede, sie wolle "an seinem Hals spielen", heißt es. Am 25. Februar 2016, einen Tag vor der Tat, soll Safia ihrem IS-Kontakt ein Bekennervideo geschickt haben. Ein Untersuchungsausschuss im niedersächsischen Landtag untersucht die Ermittlungspannen in dem Fall.

Am 20. Oktober 2016 startete der Prozess gegen Safia unter massiven Sicherheitsvorkehrungen. Safia wird versuchter Mord und die Unterstützung einer ausländischen terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Die Bundesstaatsanwaltschaft geht davon aus, dass sie den Polizisten "als Repräsentanten der von ihr verhassten Bundesrepublik" töten wollte. Die Messerattacke in Hannover wäre die erste in Deutschland vom IS in Auftrag gegebene Terrorattacke. Ermittler sprechen in diesem Zusammenhang von Low-Profile-Anschlägen, die mit einfachsten Mitteln und ohne große Vorbereitung verübt werden.

Safia drohen maximal zehn Jahre Haft. Ihr Verteidiger bezeichnet die angeblichen IS-Kontakte als Unsinn. Er rechnet mit einem Freispruch. Zum Zeitpunkt der Tat, so erklärt er im Prozess, habe seine Mandantin die Reife einer 13-Jährigen gehabt und sei daher nicht strafmündig. Der psychiatrische Gutachter, den das Gericht bestellt, kommt zu einer anderen Einschätzung. Er hält Safia für voll schuldfähig.

Quelle: n-tv.de

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