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Polarisiert: Donald Trump, zurzeit aussichtsreicher Präsidentschaftsbewerber der Republikaner.
Polarisiert: Donald Trump, zurzeit aussichtsreicher Präsidentschaftsbewerber der Republikaner.(Foto: REUTERS)

Was, wenn er US-Präsident wird?: "Trump ist nicht so schlimm, wie es scheint"

Der Republikaner Donald Trump ätzt und giftet im Wahlkampf ohne Hemmungen. Kann er überhaupt ein seriöses Staatsoberhaupt sein? Ja, sagt der Politikwissenschaftler Christian Hacke. Trump habe nicht nur Kompetenzen, er sei auch lässig und uramerikanisch.

n-tv.de: Die Republikaner Donald Trump und Ted Cruz haben die besten Aussichten, Präsidentschaftskandidat ihrer Partei zu werden. Was haben wir von ihnen zu erwarten?

Christian Hacke ist Professor für Politikwissenschaften und lehrte unter anderen an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Christian Hacke ist Professor für Politikwissenschaften und lehrte unter anderen an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.(Foto: Uni Bonn)

Christian Hacke: Bei Cruz hätte ich ein sehr ungutes Gefühl. Seine gesamten Vorstellungen sind enorm neokonservativ, ideologisch und religiös aufgeladen. Das Sendungsbewusstsein der USA würde dadurch nochmal übersteigert. Cruz nimmt sehr militante Positionen ein. Bei Trump haben wir auch kein gutes Gefühl, wegen seines Stils und seiner rassistischen Bemerkungen. Aber er ist meiner Meinung nach nicht so schlimm, wie es scheint.

Das heißt, Trump wäre das geringere Übel?

Ja, ganz eindeutig wäre er das. Er ist auch viel kompromissfähiger als Cruz.

Was für eine Politik wäre von einem Präsidenten Trump zu erwarten

Trump ist ein Mann, der keine klassischen republikanischen Positionen bezieht. Er bezieht eine Position, die typisch ist für Amerika in früheren Zeiten. Die Wiederherstellung der ökonomischen Macht der USA in der Welt ist ihm vorrangig. Als nicht ganz erfolgsloser Wirtschaftsmann hat er darin seine Kernkompetenz. Trumps ist außerdem Unilateralist, also gegen Gemeinschaftsinstitutionen wie Uno und der Nato. Seine Kritik an den Verbündeten ist uramerikanisch.

Was bedeutet das konkret?

Trump will, dass die Verbündeten mehr Eigenverantwortung übernehmen. Er sagt deutlich, dass Deutschland mehr tun müsse, stellt sich aber auch gegen die Trittbrettfahrermentalität von Verbündeten wie Japan und Südkorea. Trump ist aber nicht militant. Auf lange Sicht ist es denkbar, dass es das militärische Engagement weltweit abbauen wird. Er ist gegen die Weltpolizistenrolle der USA.

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Es gibt Zweifel daran, dass die Amerikaner weiterhin zu ihren bisherigen Sicherheitsgarantien stehen, etwa gegenüber Japan oder Israel. Wird das Machtvakuum in der Welt noch zunehmen?

Unter Cruz als US-Präsident sicherlich nicht, unter Trump womöglich schon. Das ist ambivalent zu beurteilen. Einerseits ist außenpolitische Zurückhaltung gut. Andererseits ist eine Welt ohne einen liberalen Hegemon natürlich eine unsichere Welt. Das hat sich unter Obama fortgesetzt. Er hat die dominante Rolle der USA in der Welt nicht mehr so eindeutig vertreten wie seine Vorgänger.

Nach den Anschlägen in Brüssel sieht sich Trump in seinem strikten Einwanderungskurs bestätigt. Auf wie viel Unterstützung kann Europa unter einem Präsident Trump in einer solchen Ausnahmesituation noch vertrauen?

Das eine ist der Wahlkämpfer Trump, das andere der potenzielle Präsident Trump. Es ist zurzeit schwer zu sagen, was bei ihm taktisch und was grundsätzlich ist. Trump beherrscht die Klaviatur des Populismus, wahrscheinlich ist er einer der brillantesten Wahlkämpfer der USA in den vergangenen Jahrzehnten. Die Situation des Vorwahlkampfes zwingt ihn dazu, im republikanischen Lager alles zu sammeln. Die erste Frage ist, wie er sich gerieren wird, wenn er gegen Hillary Clinton antritt. Die zweite Frage ist, was er machen würde, wenn er Präsident wäre. Dann hört sich das bei allen Wahlkämpfern – und da würde Trump wohl keine Ausnahme sein – sehr viel vernünftiger an.

Das heißt, am Ende könnte Trump ein ganz seriöser Präsident werden?

Das ist nicht auszuschließen. Seine einfache Sprache ist kein Indiz dafür, dass er nicht denken kann. Der Mann ist intelligent, er versteht sein Geschäft. Ich habe auch etwas Bauchschmerzen bei ihm, es macht aber keinen Sinn, ihn zu dämonisieren. Das wird seit Monaten gemacht, jetzt haben wir die Quittung.

Über die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung hat Trump kürzlich gesagt: "Ich habe mal gedacht, Merkel sei eine große Führungspersönlichkeit. Bis sie Deutschland das angetan hat. Deutschland ist heute ein Desaster." Kann es zwischen ihm und der Kanzlerin trotzdem noch eine gute Zusammenarbeit geben?

Klar, alles ist möglich in der Politik. Wenn Trump Präsident wäre, würde er das schon irgendwie rechtfertigen und Merkel würde darüber hinwegsehen. Man nimmt ja auch nicht alles wörtlich, was Politiker in Deutschland untereinander sagen. Amerikanischer Wahlkampf ist nichts für ein Mädchenpensionat. Die Amerikaner sind seit Jahrhunderten gewohnt, dass sich Politiker untereinander als korrupte Hurenböcke bezeichnen. Im Vergleich zum 19. Jahrhundert ist das noch ein sanfter Wahlkampf.

Das heißt, das transatlantische Verhältnis wird sich mit Trump als Präsident nicht unbedingt verschlechtern?

Nein, nicht unbedingt. Aber vor allem in den Wirtschaftsbeziehungen wird sich viel ändern. Da werden die Amerikaner noch mit anderen Bandagen kämpfen, der ökonomische Wettbewerb zwischen den USA und Europa wird größer. Von Trump sind stärker protektionistische und merkantilistische Maßnahmen zu erwarten. Er wird versuchen, die eigene Wirtschaft stärker zu schützen und den Abfluss der Industrie zu stoppen.

Sie raten, nicht zu viel in Trumps Rhetorik hinein zu interpretieren. Aber ist es für ihn selbst nicht riskant, wenn seine Anhänger merken, dass er ein ganz anderer Präsident ist, als sie sich das im Wahlkampf vielleicht erhofft haben?

So etwas verläuft immer allmählich. Trump wird ja nicht alles auf einmal über Bord werfen. Das ist ein völlig normaler Prozess. Die Amerikaner wissen, dass im Wahlkampf nicht alles auf die Goldwaage zu legen ist. Trump hat die political correctness über Bord geworfen. Da macht seine Faszination aus. Für viele ist es eine Befreiung, nicht immer nur diese vorgestanzten Sätze aus Washington zu hören. Trump erfährt in außergewöhnlichen Zeiten ungewöhnliche Zustimmung. Er hat die USA aufgemischt, er ist lässig und im Kern uramerikanisch - seine Nagelprobe hat er aber noch lange nicht bestanden.

Mit Christian Hacke sprach Christian Rothenberg

Quelle: n-tv.de

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