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"Wir haben erbittert gekämpft, aber nur weil wir dieses Land so sehr lieben und weil wir so sehr um seine Zukunft besorgt sind", sagt Obama.
"Wir haben erbittert gekämpft, aber nur weil wir dieses Land so sehr lieben und weil wir so sehr um seine Zukunft besorgt sind", sagt Obama.(Foto: REUTERS)

"Vier weitere Jahre" wird Rekord: Obama beschwört Einheit

US-Präsident Barack Obama bleibt vier weitere Jahre im Amt. In seiner Siegesrede spricht er über die Gemeinsamkeiten der US-Amerikaner und kündigt "schwierige Kompromisse" mit den Republikanern an. Zugleich hält er an seiner Vision fest: "Wir sind eine amerikanische Familie, und wir steigen auf oder fallen gemeinsam." Nebenbei stellt Obama einen Twitter-Rekord auf.

US-Präsident Barack Obama kann weitere vier Jahre im Weißen Haus regieren. Nach Berechnungen des Fernsehsenders CNN hat Obama 303 der 538 Wahlmännerstimmen sicher. Der Republikaner Mitt Romney kommt nach aktuellem Stand nur auf 206 Wahlmänner.

Die entscheidenden Siege holte Obama in den Swing States. Er setzte sich in allen besonders umkämpften Bundesstaaten durch - mit Ausnahme von Florida, dem einzigen Bundesstaat, von dem noch kein Ergebnis vorliegt. Sicher ist Obamas Sieg jedoch in Nevada, New Mexico, Colorado, Ohio, Iowa, Wisconsin, Virginia und New Hampshire.

Allerdings zeigt das Wahlergebnis auch, wie gespalten die USA sind. Mit Blick auf das landesweite Ergebnis ist Obamas Sieg weitaus weniger deutlich als die Zahl der Wahlmänner und -frauen nahelegt: Obama erhielt laut CNN 50 Prozent der Stimmen, Romney 49 Prozent. In den USA gilt das Mehrheitswahlrecht: Wer in einem Bundesstaat siegt, erhält alle Wahlmännerstimmen dieses Staates.

Obama will mit Romney sprechen

In seiner Siegesrede vor jubelnden Anhängern in Chicago rief Obama zu überparteilicher Zusammenarbeit auf. Er werde sich mit Romney zusammensetzen und darüber sprechen, wo beide Seiten kooperieren könnten. Allerdings hat Romney nach der Wahl kein Mandat im Kongress und dürfte auch in der republikanischen Partei kaum noch eine führende Rolle spielen.

Die USA sind gespalten wie selten zuvor. In den vergangenen zwei Jahren, seit die Demokraten die Mehrheit im Kongress abgeben mussten, haben die Republikaner Obama nach Kräften blockiert.

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Daran dürfte sich nicht viel ändern: Die parallel zur Präsidentschaftswahl stattfindenden Kongresswahlen ergaben ein Patt - die Demokraten verteidigten ihre Kontrolle des Senats, während die Republikaner die Mehrheit im Abgeordnetenhaus behalten.

In seiner zweiten Amtszeit steht Obama vor großen Herausforderungen: Er muss so schnell wie möglich das riesige Haushaltsloch angehen, ohne eine weitere Rezession zu riskieren. Dazu ist er auf die Unterstützung des Kongresses angewiesen.

"Wir sind eine amerikanische Familie"

In seiner Rede betonte Obama sowohl die Gemeinsamkeiten aller Amerikaner als auch seine Vision von einer Gesellschaft, in der der Staat die Schwachen schützt - eine Vision, die von den Republikanern abgelehnt wird. "Wir sind eine amerikanische Familie, und wir steigen auf oder fallen als eine Nation, als ein Volk", sagte Obama. "Die Freiheit, für die so viele Amerikaner gekämpft haben und gestorben sind, bringt nicht nur Rechte mit sich, sondern auch Verantwortungen."

"Wenn wir durch harte Zeiten gehen, wenn wir als Land große Entscheidungen fällen, dann ist es normal, dass Leidenschaften geweckt werden, dass Kontroversen entstehen", sagte Obama. Dies werde sich nach dieser Wahl auch nicht ändern. "Aber trotz all unserer Unterschiede teilen die meisten von uns bestimmte Hoffnungen für Amerikas Zukunft."

Obama verband seinen Appell an ein einiges Amerika mit dem klassischen Thema des American Dream: "Egal, woran du glaubst, wo du herkommst, ob du weiß oder schwarz bist, Latino oder Indianer, schwul oder hetero: Du kannst es hier schaffen."

Enttäuschung bei den Anhängern von Mitt Romney.
Enttäuschung bei den Anhängern von Mitt Romney.(Foto: AP)

Zugleich kündigte Obama "schwierige Kompromisse" an, um das Land voranzubringen, und sprach von der "harten und frustrierenden, aber notwendigen Aufgabe der Selbstverwaltung". Zum ersten Mal seit Monaten erwähnte der Präsident den Klimawandel, der im Wahlkampf keine Rolle gespielt hatte. "Wir wollen, dass unsere Kinder in einem Amerika leben, das nicht von Schulden belastet wird, das nicht durch Ungleichheit geschwächt wird, das nicht bedroht wird von der zerstörerischen Kraft eines wärmer werdenden Planeten."

Obama twittert, Romney zögert

Bereits wenige Minuten nach der Entscheidung hatte Obama seinen Wahlsieg bei Twitter gefeiert. "Vier weitere Jahre", schrieb er und fügte ein Foto hinzu: Es zeigt Obama in einer innigen Umarmung mit seiner Frau Michelle. In weiteren Kurzmitteilungen dankte Obama seinen Wählern und Anhängern. Zu diesem Zeitpunkt herrschte auf dem Twitter-Account von Romney noch Funkstille.

Der kurze Tweet "Vier weitere Jahre" stellte einen Rekord auf: Innerhalb einer halben Stunde, nachdem Obama ihn verschickt hatte, wurde die Kurznachricht etwa 300.000 Mal weitergeleitet. Der Retweet verdrängte eine Botschaft von Teenie-Popstar Justin Bieber von der Spitze.

Romney räumte seine Niederlage nach ungewöhnlich langem Zögern ein.
Romney räumte seine Niederlage nach ungewöhnlich langem Zögern ein.(Foto: REUTERS)

Romney erkannte seine Niederlage erst nach ungewöhnlich langem Zögern an. Üblicherweise gestehen Verlierer bei US-Wahlen ihre Niederlage rasch ein.

Romney trat schließlich in seinem Hauptquartier in Boston vor seine Anhänger und gratulierte Obama. In einer kurzen Rede rief er die Republikaner zu überparteilicher Zusammenarbeit auf. Er werde für den Präsidenten beten. Die USA könnten sich Grabenkämpfe ihrer politischen Führung nicht leisten, sagte der 65-Jährige.

Jubel vor dem Weißen Haus

Nach Bekanntgabe des Sieges durch die US-Medien brach vor dem Weißen Haus in Washington Jubel aus. Mehrere Hundert begeisterte Schaulustige schwenkten US-Flaggen und Wahlplakate von Obama. Manche fielen einander in die Arme. Andere stießen mit Bierdosen an. Romney-Fans waren dagegen nicht zu sehen. Washington ist allerdings auch eine demokratische Hochburg.

In den Straßen der US-Hauptstadt waren bereits Minuten nach der Bekanntgabe des Obama-Siegs Autokorsos zu sehen - vor allem Taxifahrer reagierten mit Hupkonzerten. Das Weiße Haus - in dem Obama mit seiner Familie auch die kommenden vier Jahre wohnen wird - war auch in der Nacht hell von Flutlichtern erleuchtet. Die sind normalerweise nachts abgeschaltet. Obama hält sich derzeit in Chicago auf.

Auch auf dem Times Square in New York brandete Jubel auf, nachdem die Fernsehsender CNN und Fox News Obama zum Sieger erklärt hatten. Im Herzen Manhattans hatten sich Hunderte Menschen versammelt, um den Ausgang der Wahl zu verfolgen - mehrheitlich Anhänger von Obama.

Wahlbeobachter übt scharfe Kritik

Der deutsche OSZE-Wahlbeobachter Jürgen Klimke (CDU) kritisierte die Wahlabläufe vor Ort. Die Vertreter der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) seien in ihrer Arbeit eingeschränkt worden, sagte der Bundestagsabgeordnete der "Welt". "Wir durften nicht so agieren wie bei Wahlbeobachtungen in anderen Ländern", sagte Klimke.

Der CDU-Politiker beklagte, dass den Wahlbeobachtern die zu besuchenden Wahllokale vorgegeben worden seien. Eine breite Überprüfung sei damit nicht möglich gewesen. Zudem habe er nur eine begrenzte Anzahl an Wahllokalen besuchen dürfen. Kritik übte er auch an den Zuständen in den Wahllokalen. Allein die Frage der Registrierung der Wähler sei oftmals nicht so nachvollziehbar, wie es in Deutschland oder anderen Ländern der Fall sei.

Wahlbeobachter dürften zudem in einigen Wahllokalen nicht fotografieren, kein Handy mitführen und die Leute nicht ansprechen. Klimke monierte auch, dass in manchen Wahllokalen Bilder von Präsident Barack Obama hingen. "Das ist indirekte Wahlbeeinflussung", sagte er. Auch die teils langen Warteschlangen vor den Wahllokalen seien "unzumutbar".

Die OSZE hat nach Angaben Klimkes 80 Wahlbeobachter zur US-Präsidentschaftswahl entsandt. Klimke beobachtet als einer von zwei deutschen Bundestagsabgeordneten die Wahl. Er machte sich in den Staaten Virginia und Maryland sowie Washington D.C. ein Bild von den Wahlabläufen. Zuletzt hatte der Politiker für die OSZE die Parlamentswahl in der Ukraine Ende Oktober beobachtet.

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Quelle: n-tv.de