Politik
Rainer Brüderle: "Wer sich klein macht, wird klein gemacht."
Rainer Brüderle: "Wer sich klein macht, wird klein gemacht."(Foto: REUTERS)

Der gefühlte Chef der FDP: Wandlung eines Dampfplauderers

Von Issio Ehrich

Vor wenigen Jahren nahmen selbst Parteikollegen Rainer Brüderle nicht ernst. Heute gilt der Fraktionsvorsitzende der FDP als sicherer Nachfolger von Parteichef Rösler. Der Jeck aus der Pfalz entwickelte sich zum Hoffnungsträger der Liberalen.

Der Deutsche Wein hat ein Image-Problem. Davon ist Rainer Brüderle überzeugt. "Nehmen Sie mal Pino Kritscho (Grigio), allein der Name hat schon Erotik", sagt er über die italienische Bezeichnung für die Rebsorte. "Auf Deutsch heißt der Grauburgunder."

Kurz vor der Bundestagswahl 2002 sitzt Brüderle in der Harald Schmidt Show. Unter dem Motto "Saufen mit Brüderle" philosophiert der FDP-Politiker  über seinen liebsten Zeitvertrieb. Er erklärt das Weintrinken zum Leifsteil (Lifestyle) und sagt: "Tagsüber trinken ist eine Übungsfrage." Seine politische Botschaft beschränkt sich auf einen Satz: "Es ist wichtig, dass sich in Deutschland etwas ändert, denn wenn sich nichts ändert, ändert sich nichts."

Damals nannten Parteikollegen Brüderle einen "Dampfplauderer" und sagten: "Den kann man eigentlich nur zur Handwerkskammer schicken." Heute ist Brüderle Fraktionschef der Liberalen und spätestens seit dem Dreikönigstreffen am Wochenende gefühlter Parteivorsitzender. Wie wurde aus der "Windmaschine" der neue Hoffnungsträger der FDP?

Ein Pragmatiker, kein Ideologe

Brüderle kam 1945 in Berlin zur Welt, wuchs aber in Landau in der Pfalz auf. Als Neunjähriger fing er an, im Textilgeschäft seiner Eltern mitzuarbeiten. Für zehn oder zwanzig Pfennig pro Botengang brachte er Kunden die Krawattenauswahl oder lieferte Hüte. Damals lernte er: Du musst nett sein zu den Leuten, wenn du was verkaufen willst.

Brüderle ist ein Genussmensch. Man sagt ihm nach, die besten Trauben Deutschlands zu kennen  - und Hunderte Weinköniginnen aus Rheinland-Pfalz geküsst zu haben.
Brüderle ist ein Genussmensch. Man sagt ihm nach, die besten Trauben Deutschlands zu kennen - und Hunderte Weinköniginnen aus Rheinland-Pfalz geküsst zu haben.(Foto: picture-alliance / dpa)

Als erstes Mitglied seiner Familie schaffte Brüderle das Abitur, studierte Jura und Volkswirtschaft in Mainz. Er erfuhr am eigenen Leib, was der von Liberalen so propagierte Aufstieg aus eigener Kraft bedeutet. 1973 trat er in die FDP ein.

Seine Verbundenheit zum kleinen Mann, zum Handwerk büßte er nicht ein. Unterlag ihr mitunter gar – vor allem, wenn zur Verbundenheit auch ein persönliches Interesse hinzukam. Brüderle saß als Wirtschaftsminister am Kabinettstisch von vier Ministerpräsidenten. Er steigerte in dieser Zeit die Subventionen für den Weinanbau in steilen Hanglagen um mehr als 200 Prozent. Weil kaum mit liberalen Idealen vereinbar, nannte er seinen Eingriff in den Markt "existentiell notwendige Anpassungshilfen". Brüderle galt seither als Pragmatiker, nicht als Ideologe.

Ein Pfälzer in Berlin

In Berlin – er trat an, um auch dort Wirtschaftsminister zu sein - galt er dagegen vor allem als provinziell. Nicht nur, weil er ein so auffälliger Genussmensch ist. "Wer nix isst und nix trinkt und den Vögeln die Körner wegpickt, kann doch kein glücklicher Mensch sein." Er galt vor allem wegen seines unbändigen Drangs zum Kalauern als allzu einfach gestrickt. Seine pfälzische Mundart trug ihr Übriges dazu bei.

Elf Jahre lang kämpfte er darum, trotzdem sein Lebensziel, das Amt des Bundeswirtschaftsministers, zu erhaschen. Er schrieb unzählige Pressemitteilungen, trat auf etlichen Terminen auf, um stets in der öffentlichen Wahrnehmung präsent zu sein. 2009 war es dann soweit. Als Hoffnungsträger galt er aber auch da noch nicht.

Und Kritiker wundern sich bis heute, dass ausgerechnet dieser 67-Jährige nun als Spitzenmann FDP gehandelt wird. Sie führen seinen Status auf fehlende Alternativen, den Niedergang der Partei zurück. Doch es gibt auch eine andere Lesart.

Der Sieger eines Machtpokers

Anders als in Rheinland-Pfalz, ließ Brüderle sich als Bundeswirtschaftsminister nicht mehr so schnell zu Subventionen hinreißen. Staatshilfen für Opel lehnte er ab. "Der Staat ist nicht der bessere Unternehmer", sagte er. Sein größter Coup allerdings war, dass er den Sturz des damaligen Parteichefs Guido Westerwelle trotz eines Machtpokers in Hinterzimmern fast unbeschadet überstand.

Nach verheerenden Wahlniederlagen der FDP in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Frühjahr 2011 bot Westerwelle Brüderles Amt angeblich dem Parteinachwuchs rund um Philipp Rösler an, um sich wiederum seinen Posten als Parteichef zu sichern. Es kam anders.

Denn Brüderle stellte Westerwelle zur Rede, machte ihm unmissverständlich klar, dass er nicht kampflos aufgeben wird. In der Partei blieb das nicht unbemerkt. Westerwelle musste seine Position an der Spitze räumen. Brüderle verlor zwar sein geliebtes Wirtschaftsministerium, durfte aber als Fraktionschef weiterhin in der ersten Reihe der Liberalen stehen.

Mit seinem Nein zu Opel und seiner Durchsetzungsfähigkeit im Ringen mit Westerwelle sicherte Brüderle sich den Ruf des starken Mannes in der FDP. Heute halten 76 Prozent der FDP-Wähler Brüderle für den besseren Parteichef. Und Kanzlerin Angela Merkel ruft laut der "Frankfurter Allgemeinen" zuerst bei dem Pfälzer an, wenn sie mit der FDP etwas klären will. Brüderle gilt als Ruhepol in einer Partei, die in der Krise steckt. Ein gänzlich anderer Mensch, als der Mann, der einst mit Harald Schmidt Riesling soff, ist er dagegen nicht.

Er kann nicht ohne Kalauer

Bei seiner Rede beim Dreikönigstreffen, die die Anhänger der Partei berauscht, gelingt es ihm, der Partei Mut zu machen - der alte Dampfplauderer schimmert dabei aber immer wieder durch.

Zunächst drischt er verbal auf seinen Lieblingsfeind ein, geißelt die "grüne Vermögenssteuer-Stasi" und die Schar der "Tugend-Jakobiner". Dann sagt er: "Wer sich klein macht, wird klein gemacht." Und trifft damit das Gefühl, das dieser Tage viele Liberale bestimmt, wohl wie den Nagel auf den Kopf.

Quelle: n-tv.de

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