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Angela Merkel scheint selbst davon überrascht, wie sie von ihren Wahlkämpfern inszeniert wird.
Angela Merkel scheint selbst davon überrascht, wie sie von ihren Wahlkämpfern inszeniert wird.(Foto: REUTERS)

Die stille Moderatorin: Warum Angela Merkel eine gute Kanzlerin ist

Ein Plädoyer von Christoph Herwartz

Die Krise brachte ganze Staaten zum Wanken und bedroht auch Deutschland immer noch. Die Kanzlerin hat bisher das Schlimmste verhindert. Es ist nicht selbstverständlich, dass sie dabei so bescheiden bleibt.

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Auf der Bühne sitzt eine untersetzte Dame, Alter Ende 50, einfarbiges Sakko. Sie beantwortet die Frage, was sie an Männern attraktiv findet, mit der unverfänglichsten Antwort, die ihr einfällt: "Schöne Augen." Das Publikum lacht herzlich, als hätte die Dame einen Witz gemacht. Wenn sie mit Redakteurinnen der "Brigitte" über Kartoffelsuppe spricht, lächeln die Zuhörer fasziniert, wenn sie den demografischen Wandel erklärt, hören sie konzentriert zu und nicken leicht.

Die Deutschen liegen einer Kanzlerin zu Füßen, die so unprätentiös ist, wie man es sich nur vorstellen kann. Sie lieben es, wenn sich die mächtige Frau dazu herablässt, über Privates zu sprechen. Merkel ist eine Kanzlerin zum Anfassen, scheinbar ohne Allüren. Als mächtigste Regierungschefin in Europa könnte ihre Attitüde längst eine andere sein. Aber Angela Merkel bringt eine Bescheidenheit in das Amt, von der Helmut Kohl und Gerhard Schröder weit entfernt waren.

Es ist geradezu faszinierend, wie es eine Frau aus der ostdeutschen Provinz ganz nach oben geschafft hat, ohne dass man ihr den Willen zur Macht anmerkt. Merkel weiß, dass sie mit ihrem ersten Eindruck nicht die Menschen für sich einnimmt. 1994 gestand sie in einem Interview dem Sänger Campino, dass sie schon als Jugendliche nicht aus sich herausgehen konnte. "Ich war immer das Mädchen, das Erdnüsse isst und nicht tanzt", sagte sie.

Merkel passt zu den Deutschen

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Als sie in die Führungsetage der CDU aufstieg, machten sich die Deutschen erst einmal jahrelang über ihr Aussehen lustig. Mittlerweile haben sie ihr eine Chance gegeben und wissen ihren ganz eigenen politischen Stil zu schätzen. Merkels Karriereplan funktionierte immer anders als der ihrer männlichen Kollegen. In aller Regel umarmt sie ihren politischen Gegner, anstatt sich gegen ihn zu stellen.

Wie erfolgreich diese Politik ist, lässt sich an Merkels Karriere ablesen: Anstatt sich gegen Edmund Stoiber zu stellen, verzichtete sie 2002 auf die Kanzlerkandidatur – und wurde kurz darauf von ihrer Partei auf Händen getragen. Später zerschellten an ihr Karriere-Politiker wie Karl-Theodor zu Guttenberg und Norbert Röttgen. Mit so großen Schritten versuchten sie aufzuholen, dass sie irgendwann ausrutschen mussten. In der Euro-Krise versuchten dann Staatschefs wie Nicolas Sarkozy und Silvio Berlusconi, die Kanzlerin zu übervorteilen. Sie waren die wortgewaltigeren, durchsetzungsstärkeren, auch charismatischeren Politiker.

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Dass Merkel den Karrieristen etwas entgegensetzt, zeugt von einer Abgebrühtheit, die man ihr auf den ersten und zweiten Blick nicht zutraut. Das ist das Mysterium Merkel: Die Kanzlerin zieht auf den internationalen Gipfeltreffen die Fäden und bekäme dabei am liebsten Kartoffelsuppe serviert. Zu den Deutschen passt diese Kanzlerin. Sie legen ihr Geld lieber in Sparbüchern an, als Aktien zu kaufen. Sie schnallen sich im Auto an und gehen zur Darmkrebsvorsorge.

Keine unnötigen Risiken

Merkel ist die personifizierte Risikoaversion. Der "Spiegel" sprach 2008 davon, sie würde Deutschland in eine "Randposition" bringen: "Wenn sie so weitermacht, kann sie vielleicht die mächtigste Frau der Welt bleiben, hat aber ein knappes Dutzend Männer vor sich." Es kam anders.

Diese Kanzlerin passt nicht nur zu den Deutschen, sie passt auch zu ihrer Zeit: Europa ist noch nicht davor gesichert, in den kommenden Jahren auseinanderzufallen. Sollte das wirklich passieren, hätte es enorme Verwerfungen zur Folge. Euro-Austritte könnten Bankensysteme zusammenbrechen lassen, wegbrechende Absatzmärkte würden auch in Deutschland Menschen in die Arbeitslosigkeit treiben. Was genau Merkel mit dem Land noch vorhat, darüber rätseln derzeit viele Beobachter. Aber sicher ist: Unnötige Risiken wird sie nicht eingehen.

Der britische "Guardian" schreibt, sie sei "die politisch talentierteste Demokratin der Welt und eine weit bessere Wette als ihr linker Herausforderer". Tatsächlich hat Merkel Deutschland erfolgreich um die Klippen der Krise herumgeschifft. Warum sollte man ihr nicht vertrauen, dass sie es weiterhin schaffen wird?

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Quelle: n-tv.de

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