Politik
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Dienstag, 26. September 2017

"Wir krebsen und schuften": Warum die AfD im Osten triumphiert

Von Gudula Hörr

Stärkste Kraft in Sachsen, zweitstärkste in den anderen ostdeutschen Ländern. Der Siegeszug der AfD ist unübersehbar. Doch was macht sie dort so attraktiv?

Die AfD zieht als die große Siegerin in den Bundestag ein. Auch wenn sie in ganz Deutschland gute Ergebnisse erzielte, wurde sie doch am erfolgreichsten im Osten der Republik. Hier ist sie zur zweiten Kraft hinter der CDU aufgestiegen. In Sachsen wurde sie sogar stärkste Kraft und gewann dort drei Direktmandate. Woher kommen diese großen Gewinne? Was macht die AfD für manche Ostdeutsche so anziehend?

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Viel hat der Erfolg der AfD noch mit der Nachwende-Erfahrung in Ostdeutschland zu tun. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, glaubt, dass viele Ostdeutsche den Umbruch bis heute nicht verkraftet hätten. "Viele sind im neoliberalen Transformationsprozess aus der Bahn geraten, und es waren meist jene, die schon in der DDR nicht zu den Oberen gehörten", sagte Krüger, der selbst aus der DDR stammt, der "Berliner Zeitung".

Tatsächlich stimmten vor allem sozial benachteiligte Männer im Osten für die Partei. Und auch wenn AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel im Wahlkampf mit dem hohen Akademisierungsniveau auf der Parteiliste prahlte, sieht das bei ihren Wählern ganz anders aus: Nur 7 Prozent der Hochschulabsolventen stimmten für die AfD. Fast ein Drittel aus der Gruppe derer, die lediglich mittlere Reife oder einen Hauptschulabschluss haben, wählten sie - das ist der höchste Wert bei den kleinen Parteien. Auch bei Arbeitern und Arbeitslosen schnitt die AfD gut ab.

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"Die Sozialstruktur der AfD-Wähler spiegelt damit die ostdeutsche Gesellschaft wider", sagt der Soziologe Raj Kollmorgen n-tv.de. Er forscht seit Langem an der Hochschule Zittau/Görlitz zum Transformationsprozess in Ostdeutschland. Nach der Wende wanderten aus dem Osten fast vier Millionen Menschen ab, und zwar vielfach die Gebildeten, Weltoffenen, Jüngeren. Zurück blieb vor allem die Unterschicht, die untere Mittelschicht - und viele Männer. Teilweise herrsche in sächsischen Dörfern eine Stimmung wie in einer Männer-WG, sagte der damalige Leiter der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung, Frank Richter, als die Pegida-Bewegung in Sachsen erstarkte.

"Gefühl der subjektiven Benachteiligung"

Forsa-Chef Manfred Güllner ist sich sicher: Ein Teil der Menschen im Osten sieht sich als Verlierer der Einheit, und wählt daher die AfD. "Sie tun das nicht, weil es ihnen wirklich objektiv schlecht geht, sondern aus einem Gefühl der subjektiven Benachteiligung heraus." In der Tat geht es den Menschen im Osten so gut wie nie zuvor nach 1990. Und auch die allgemeinen Zufriedenheitswerte sind hoch wie nie. Wäre da nicht der Vergleich mit dem Westen, in dem das Einkommens- und Rentenniveau noch immer deutlich höher liegt.

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Aber oft wird das Bild auch überzeichnet: "Viele denken, dass im Westen alles gülden glänzt", sagt der Soziologe Kollmorgen. Und sie glaubten nun: "Wir können krebsen und schuften und kommen doch nicht an die Westdeutschen heran." Umso mehr stoße vielen Ostdeutschen dann auf, dass die Flüchtlinge vermeintlich alles bekämen, ohne etwas tun zu müssen. Diese Enttäuschungserfahrungen sind Kollmorgen zufolge wie ein Saatbeet für die AfD.

Hinzu kommt noch ein weit verbreitetes Gefühl der politischen Ohnmacht. Dieses speist sich laut Kollmorgen aus der DDR-Zeit und den Nachwendejahren, als die Eliten in Wirtschaft und Verwaltung vor allem aus dem Westen kamen und die Bürger vermeintlich kaum gefragt worden seien. Jetzt führe dies dazu, dass man zwar vom Staat alles erwarte, aber gleichzeitig nichts mit ihm zu tun haben wolle. Weshalb auch das politische Engagement geringer ist - abgesehen vom Protest. "1989 zeigte: Mit einer Protestkultur kann man ein Regime stürzen."

60 Prozent wählen AfD aus Enttäuschung

Protest und Wut sind es denn auch, die so viele Wähler im Osten zur AfD treiben. Artikulierten sie ihre Enttäuschung früher bei der Linkspartei, DVU oder NPD, kanalisiert nun die AfD erfolgreich den Unmut. So gaben 60 Prozent der AfD-Wähler an, aus Enttäuschung über die anderen Parteien für diese zu stimmen.

Rund ein Drittel wählte die AfD allerdings auch aus Überzeugung, also gerade wegen ihres fremdenfeindlichen und populistischen Programms. Der Linken-Politiker Sören Pellmann, der in Leipzig ein Direktmandat gewann, sieht auch hier manche Nachwehen aus der DDR-Zeit: "Zu DDR-Zeiten gab es offziell keinen Rechtsextremismus und daher auch keinen Kampf dagegen", sagt er n-tv.de. Aber jeder, der sich damit beschäftige, wisse, dass er natürlich in der Gesellschaft vorhanden war. "Da liegen auch die Wurzeln für das, was wir jetzt erleben."

Quelle: n-tv.de

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