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Ein junger Araber hat das Bedürfnis, sich vor dem Kölner Dom zu entschuldigen. Die Exzesse der Silvesternacht erinnern manche schmerzhaft an Zustände in ihren eigenen Ländern.
Ein junger Araber hat das Bedürfnis, sich vor dem Kölner Dom zu entschuldigen. Die Exzesse der Silvesternacht erinnern manche schmerzhaft an Zustände in ihren eigenen Ländern.(Foto: dpa)

Komplexe Ursachen einer Unkultur: Was Köln mit dem Islam (nicht) zu tun hat

Von Nora Schareika

Übereinstimmende Täterbeschreibungen und ein alarmierender geleakter Polizeibericht schreien nach Antworten: War der Exzess von Köln eine Spielart frauenverachtender muslimischer Kultur?

Die Erklärung scheint so einfach: Die Männer, die in der Silvesternacht Dutzende Frauen in Köln und anderen deutschen Städten massiv sexuell belästigt haben, wurden als nordafrikanisch-arabisch aussehend beschrieben. Schnell bildet sich bei vielen Menschen eine gedankliche Kausalkette: Kommentatoren in Foren und Leserbriefschreiber verbreiten Thesen, wonach Muslime von Natur aus "notgeil" seien und im Schutz der (Flüchtlings-)Masse ihre Hemmungen verlören und Frauen ohne Unrechtsbewusstsein antatschten. "Wir haben es ja schon immer gewusst", schwingt da mit. Manche glauben gar an gezielt gegen die deutsche Bevölkerung gerichtete Aktionen muslimischer Einwanderer.

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Die übereinstimmenden Täterbeschreibungen und die unfassbaren Zeugenberichte machen beklommen und verlangen nach Erklärungen. Doch müssen es gleich Pauschalisierungen wie die oben frei zitierte sein? Tatsache ist, dass die sexuellen Übergriffe stattgefunden haben und einzelne Polizeibeamte der Presse Informationen gesteckt haben, die offiziell so offen nicht kommuniziert wurden. So zitieren der "Spiegel" und die "Bild"-Zeitung aus einem Polizeibericht, wonach auch vor kurzem angekommene Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan in Köln auffällig geworden sind.

Wie ist also zu erklären, dass es allen bisherigen Erkenntnissen zufolge junge, männliche Einwanderer aus arabischen und nordafrikanischen Staaten waren, den neueren Berichten nach möglicherweise auch Flüchtlinge? Liegt es an der Religion oder an einer grundsätzlich frauenverachtenden Kultur?

"Patriarchalisches Problem"

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor sieht den Grund nicht im Islam, sondern in den männerdominierten Gesellschaften der Herkunftsländer der Täter. "Wir müssen die Diskussion führen, was sind die vorherrschenden Männlichkeitsbilder dieser jungen Männer, und was sind vor allem ihre Vorstellungen von Frauenbildern und Geschlechterrollen", sagte Kaddor im ZDF. Es sei eher ein "kulturelles, patriarchalisches Problem", so die syrischstämmige Religionspädagogin. Dieses speise sich möglicherweise aber auch aus der Religion.

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Es ist richtig, dass eine Frauenverachtung solcher Art in einigen muslimisch geprägten Ländern ein virulentes Problem ist. Diejenigen, die eine schnelle Generalkritik an "der" islamischen Kultur parat haben, übersehen aber: Für normal hält man das auch dort nicht. Die Folge sind heftige gesellschaftliche Debatten und eine Ächtung solcher Taten durch konservativste religiöse Kreise bis hin ins linke politische Lager. Nachdem in Ägypten vor drei Jahren Hunderte Frauen auf dem Tahrirplatz missbraucht und vergewaltigt worden waren, gab es einen gesellschaftlichen Aufschrei. Es war der vorläufige Höhepunkt der sexualisierten Gewalt auf Kairos Straßen.

Erklärungen und Analysen zum Problem enthemmter junger Männermeuten in Ägypten gibt es zahlreich. Samuli Schielke, Sozialanthropologe am Berliner Zentrum Moderner Orient, sagte n-tv.de: "Konservative Kreise sehen als Ursache eine mangelnde religiös-moralische Erziehung und fehlende Gottesfürchtigkeit. Linke und Liberale verurteilen dagegen eine machistische Kultur, die eine aggressive Maskulinität hervorbringt." Eine solche Macho-Kultur habe aber nicht zwingend sexualisierte Gewalt zur Folge. "Machos können auch Männer sein, die sich zu Schützern und Rettern aufschwingen."

Andere Erklärungen sähen sozialökonomische Ursachen wie die, dass junge Männer unter großem Druck stünden, um eine Heirat finanziell möglich zu machen. Denn wer kein Auskommen hat, um eine Familie zu ernähren, der findet auch keine Braut. In einer konservativen Gesellschaft wie der ägyptischen ist es aber vor der Heirat nicht so einfach, sexuelle Erfahrungen zu machen. Das frustriert viele Männer, die oft erst um die 30 endlich eine Frau finden. Eine weitere These lautet, dass insbesondere die junge Generation ein Problem mit ihrem Wertekanon hat, weil sie zwischen enormen Widersprüchen aufwächst. In den Medien predigen hier konservative Kleriker, dort laufen Sexclips. "Das hat ein widersprüchliches Verhalten zur Folge", so Schielke.

Jeder Täter muss individuell betrachtet werden

Entschuldigen lässt sich dadurch freilich nichts. Doch ohne genaue Kenntnisse über die einzelnen Täter von Köln lässt sich kaum sagen, ob Erklärungsansätze wie jene aus Ägypten zu den dortigen Sexualstraftätern auf sie anwendbar sind. Pauschale Charakterzuweisungen für eine ganze Gruppe führen nicht weiter. Wichtiger ist, einer Unkultur entgegenzutreten, die männliche Exzesse wie in Köln möglich macht. Diese Unsitte von "männlichen Allmachtsvorstellungen" und "tiefsitzender Aggressivität gegen Frauen" (so schreibt die Autorin Sonja Zekri in der "Süddeutschen Zeitung") ist gerade im islamischen Kulturkreis längst ein Megathema und zu einem Problem erhoben worden, das komplexe Ursachen hat.

Die Antwort hier kann also nicht simpel sein. In Deutschland haben manche Einwandererkreise ein Frauenbild, das nicht in Ordnung ist. Und das haben auch manche Flüchtlinge. Das bestätigen viele Berichte von Lehrerinnen, Sozialarbeitern und anderen "an der Front" der Integration. Der ehemalige Berlin-Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky etwa sagte im Deutschlandfunk, die Übergriffe seien "auch ein Produkt von Parallelgesellschaften, das ist ein Produkt davon, dass Integration zur Spaßveranstaltung erklärt wurde, die für die ist, die darauf Lust haben".

Die Debatte in Deutschland ist am Überkochen, es vermischen sich Empörung über Silvester mit Ängsten infolge der Flüchtlingskrise der vergangenen Monate und konkreten Erfahrungen in kleinen Orten, wo in überfüllten Asylheime unschöne Probleme aufgetreten sind. Es hilft jetzt nur eines: Die Vorfälle in Köln müssen aufgeklärt werden und bei jedem einzelnen der Täter muss geschaut werden, was seine Motive waren. Beschönigen hilft nicht, verallgemeinern aber auch nicht.

Eine muslimische Verschwörung gegen "weiße Frauen" erscheint indes mehr als unwahrscheinlich. Samuli Schielke, der unter anderem zu den sexuellen Übergriffen in Kairo geforscht hat, bezweifelt inzwischen, dass die Kölner Domplatte ein zweiter Tahrirplatz war. "Es schien viele Parallelen zu geben, aber nach Ansicht der Videos waren es verschiedene Gruppen, die da außer Kontrolle geraten sind. Es war eine explosive Mischung aus einer Konzentration betrunkener junger Männer, chaotischem Feiern und der Anwesenheit von Kriminellen." In Kairo hatten die Übergriffe eine systematische Komponente, weil es auch darum ging, Frauen aus der politischen Öffentlichkeit zu verdrängen und die Proteste - damals gegen die Muslimbrüder - zu diskreditieren.

Quelle: n-tv.de

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