Politik
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Montag, 10. April 2017

Theorien und Verschwörungen: Was macht Trump in Syrien?

Von Hubertus Volmer

Vier Tage nach dem amerikanischen Militärschlag gegen einen Flughafen in Syrien ist noch immer unklar, was US-Präsident Donald Trump mit seinem Vorgehen bezwecken wollte. Vordergründig war es eine Reaktion auf einen Chemiewaffen-Angriff, den die US-Regierung der syrischen Armee anlastet. Dahinter dürften jedoch strategische oder taktische Überlegungen stehen. n-tv.de hat Theorien zusammengestellt.

"Haudrauf-Aktion mit politischem Zweck"

Bei Anne Will sagte der Historiker Michael Wolffsohn, der US-Angriff sei "eine Haudrauf-Aktion mit einem politischen Zweck" gewesen. Es sei offenkundig, dass es schon vor dem Raketenangriff der Amerikaner eine Verständigung zwischen Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gegeben habe - Russland habe den USA gewissermaßen den Angriff erlaubt. "Das macht Putin nicht zum Nulltarif", so Wolffsohn. Wenn es zu einer Übereinkunft in Bezug auf Syrien komme, "wird Putin dafür einen Preis verlangen, und der heißt ganz eindeutig Krim und Ostukraine".

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Der Zeitpunkt des Militärschlags spreche zudem dafür, so Wolffsohn, dass Trump neben der Annäherung an Russland noch ein weiteres Ziel verfolgt habe. Der Luftangriff fand statt, während der chinesische Präsident Xi Jinping in den USA zu Gast war. Xi sei damit deutlich gemacht worden, dass er Druck auf Nordkorea ausüben müsse; das Land hat seit 2006 fünf Atomwaffentests durchgeführt, zwei davon im vergangenen Jahr. Vor dem Besuch des chinesischen Staats- und Parteichefs hatte Trump mit einem Alleingang gegen Nordkorea gedroht, wenn China seinen Einfluss auf Pjöngjang nicht geltend mache - möglicherweise hat er in Syrien demonstriert, dass er dies auch wahr machen könnte.

Für wie wahrscheinlich man diese Theorie hält, hängt davon ab, ob man Russland in einer Position der Stärke sieht oder nicht. Im "Guardian" argumentiert die Journalistin Mary Dejevsky, dass Putin sehr an besseren Beziehungen zu den USA gelegen sei. Angesichts der Präsidentschaftswahlen in Russland im kommenden Jahr, der schlechten Wirtschaftslage in Russland und den jüngsten Anti-Korruptions-Protesten sei das letzte, was Putin brauche, sich tiefer in den Syrien-Krieg hineinziehen zu lassen.

"Ich hoffe, Russland denkt jetzt noch einmal über Assad nach"

Die Interpretation einer Demonstration der Stärke für den chinesischen Präsidenten wird von vielen Beobachtern geteilt. Anders ist es mit dem Signal an Russland. US-Außenminister Rex Tillerson versuchte es so darzustellen, als sei der Raketenangriff eine Warnung an die Russen gewesen. "Ich hoffe, Russland denkt jetzt gut über seine Allianz mit (dem syrischen Präsidenten) Baschar al-Assad nach, denn jedes Mal, wenn einer dieser schrecklichen Angriffe (mit Chemiewaffen) passiert, wird Russland stärker in die Mitverantwortung gezogen."

Die amerikanische UN-Botschafterin Nikki Haley schien sogar mit weiteren Luftschlägen zu drohen. Sie kündigte an, die Vereinigten Staaten würden auch künftig "handeln, wenn wir handeln müssen". Mit Blick auf die Frage, ob es eine Syrien-Strategie der US-Regierung gibt, widersprachen Haley und Tillerson einander. Haley sagte, ein "Regimewechsel" in Syrien sei unvermeidlich. Tillerson erklärte, Assads Zukunft liege in den Händen der Syrer. In Richtung Russland schickten beide allerdings das gleiche Signal: Die USA schließen ein militärisches Vorgehen gegen die syrische Armee nicht aus.

"Ich sehe mich gern als flexibel an"

Noch vor dem Raketenangriff auf den syrischen Flughafen sagte Trump, er habe nicht die eine Linie, die er auch dann durchziehe, wenn die Welt sich ändere. "Ich sehe mich gern als flexibel an", so Trump in einer Pressekonferenz am vergangenen Mittwoch. "Ich verändere mich und ich bin flexibel, und auf diese Flexibilität bin ich stolz."

Man kann diese Flexibilität auch anders nennen, und Trump selbst hat dies getan. "Wir brauchen Unberechenbarkeit", sagte er vor einem Jahr in einem Interview über die von ihm geplante Außenpolitik. Anders gesagt: Trump hat keinen Plan. Er entscheidet spontan und sieht dann, was passiert.

"Da muss man doch etwas machen"

Möglich ist allerdings auch, dass Trump einfach den Impuls hatte, den viele Menschen haben, wenn sie die schrecklichen Bilder des syrischen Bürgerkriegs sehen: Da muss man doch etwas machen. Als Präsident der USA hat er mehr Möglichkeiten als andere Menschen - aber auch seine Fähigkeiten, das Morden in Syrien zu beenden, sind begrenzt. Die schnellste und einfachste Möglichkeit, "etwas" zu machen, ist, Raketen abzufeuern - unabhängig davon, wie sinnvoll so ein Vorgehen ist.

Für diese Annahme spricht Trumps Wortwahl bei der kurzen Rede, mit der er die Luftschläge öffentlich machte. Assad habe "das Leben hilfloser Männer, Frauen und Kinder ausgelöscht", sagte Trump. "Es war ein langsamer und brutaler Tod für so viele. Sogar wunderschöne Babys wurden brutal ermordet bei dieser sehr barbarischen Attacke. Kein Kind Gottes sollte jemals so einen Horror erleben."

"Putin hat Trump geholfen"

Nach jedem Militärschlag der USA tauchen Verschwörungstheorien auf. Die meisten davon kann man ignorieren. Diese hier klingt zu gut, um sie nicht zu beachten. "Eine Möglichkeit, um zu beweisen, dass man keine russische Marionette sei, ist, eine russische Marionette anzugreifen", twitterte der US-Journalist Jeffrey Goldberg.

Eine ähnliche Interpretation präsentierte MSNBC-Moderator Lawrence O'Donnell am Freitagabend. "Wäre es nicht schön, wenn es einfach vollständig, total und absolut unmöglich wäre, zu vermuten, dass Wladimir Putin inszeniert hat, was in dieser Woche in Syrien passiert ist, damit sein Freund im Weißen Haus eine große Nacht haben kann, mit Raketen und all dem Lob, dass er in den letzten 24 Stunden bekommen hat?" Gemeint war: Putin habe den Chemiewaffen-Angriff vom vergangenen Dienstag angeordnet, damit Trump als starker Mann auftreten kann. Wohlgemerkt: O'Donnell sagte nicht, dass es so war, sondern nur, dass man es nicht ausschließen könne.

Dahinter steht die berühmte "Wag The Dog"-Theorie. "Wag The Dog" ist eine Filmsatire aus dem Jahr 1997, in der ein US-Präsident einen fiktiven Krieg inszeniert, um von einem Skandal abzulenken. Theoretisch wäre natürlich auch das eine Möglichkeit: Dass Trump mit dem Angriff von seinen innenpolitischen Problemen ablenken wollte.

"Ivanka und Jared sind schuld"

Jeffrey Goldberg und Lawrence O'Donnell gehören liberalen Medien an - Goldberg ist Chefredakteur der Zeitschrift "The Atlantic", O'Donnell nennt sich selbst einen "Sozialisten". Ihre Theorie wird auch von rechts geteilt, von Medien, die den "America First"-Trump lieben, nicht den Trump, der Syrien angreift.

Die konkrete Verantwortung für den Raketenangriff gab Moderator Alex Jones auf seiner Pseudo-Nachrichtenseite "Infowars" Trumps Tochter Ivanka und deren Mann Jared Kushner – "Präsident Kushner", wie Jones ihn nennt, um die wahren Machtverhältnisse im Weißen Haus darzustellen. "Es sind sie!", schreit Jones in einem Video, "es ist seine Tochter und sein Schwiegersohn, sie sind die Feinde der Republik!" Kushners Motiv sei, Trumps Chefstrategen Steve Bannon beiseite zu drängen, um seine eigene, liberale Agenda durchzudrücken.

Quelle: n-tv.de

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