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Die AfD Sachsen-Anhalt hat mit André Poggenburg an der Spitze fast ein Viertel der Stimmen geholt.
Die AfD Sachsen-Anhalt hat mit André Poggenburg an der Spitze fast ein Viertel der Stimmen geholt.(Foto: dpa)

Klatsche für die etablierten Parteien: Wer wählt eigentlich die AfD?

Von Johannes Graf

Die AfD stellen, in Debatten demaskieren, Anhänger zurückholen - die Vokabeln, die fallen, wenn es um den richtigen Umgang mit dem großen Wahlsieger geht, klingen hilflos. Wer gibt dieser Partei eigentlich seine Stimme?

Egal in welchem Bundesland, egal in welcher Parteizentrale - in Enttäuschung oder Jubel über das eigene Abschneiden mischte sich gestern Abend überall Fassungslosigkeit über das Ergebnis der AfD: In Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg kommt die Partei als drittstärkste, in Sachsen-Anhalt gar als zweitstärkste Kraft ins Ziel. Überall ist das Ergebnis zweistellig, im Magdeburger Landtag ist jeder vierte Abgeordnete von der AfD. Spätestens jetzt kann niemand mehr die noch recht junge Partei ignorieren. Doch was macht die AfD so erfolgreich? Eine Annäherung in Zahlen:

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Die AfD mobilisierte erfolgreich bei den Nichtwählern

Die AfD, die ja in allen drei Parlamenten Neuling ist, holte Stimmen von Parteien des gesamten Spektrums. In allen drei Ländern ist die Zahl derer, die vorher aber überhaupt gar nicht wählen gegangen sind, die größte. In Sachsen-Anhalt waren dies 104.000 Wähler, in Baden-Württemberg 207.000 und in Rheinland-Pfalz 77.000. Das ist aus demokratischer Perspektive zunächst einmal eine gute Nachricht. Dank der AfD haben 388.000 vormals Desinteressierte oder Enttäuschte wieder ihre Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung stieg in den drei Ländern deutlich an - in Sachsen-Anhalt am stärksten von 51,2 Prozent im Jahr 2011 auf 61,1 Prozent dieses Jahr. Das lag aber nicht nur an der AfD.

Die AfD-Wählerschaft ist mittelalt, tendenziell ärmer und männlicher

Wie bereits erwähnt: Ansonsten kommen die Wähler aus allen möglichen Richtungen. CDU, SPD, Grüne, Linke, FDP - keine Partei blieb von der Wählerabwanderung zur AfD verschont. Altersmäßig ergibt sich kein klares Bild: Die AfD holt in allen drei Bundesländern über die Altersgruppen hinweg in etwa gleich viele Stimmen. Einzig bei den sehr jungen (bis 24 Jahre) und betagteren (ab 69 Jahren) gibt es Ausreißer - nach unten. Eine klare Tendenz zeigt sich bei der Aufgliederung der Wähler nach wirtschaftlichen Verhältnissen: Die AfD holt überdurchschnittlich viele Stimmen bei Arbeitern und Arbeitslosen. Die These, die AfD sei eine Partei der Abgehängten, stimmt aber nur zum Teil. Auch 22 Prozent der Selbstständigen in Sachsen-Anhalt wählten AfD. Deutlich wird in Nachwahlbefragungen auch: In allen Ländern waren es mehr Männer als Frauen, die ihr Kreuz bei der AfD machten.

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AfD-Wähler sind Pessimisten, eher rechts, befürworten Pegida und lehnen Verfassungsorgane ab

Forsa hat erst vor wenigen Tagen Anhänger der AfD zu ihren Ansichten befragt, eine ähnliche Auswertung gab es auch schon im vergangenen Dezember. Zentrale Ergebnisse: AfD-Anhänger sind überdurchschnittlich unzufrieden mit den Lebensverhältnissen in Deutschland. Nur 30 Prozent glauben, man könne den meisten Menschen vertrauen - bei 54 Prozent in der Gesamtwählerschaft. Nach der Verortung ihrer politischen Ansichten gefragt, bezeichneten sich 42 Prozent der AfD-Anhänger als rechts (die Übrigen: 9 Prozent). Pegida halten 70 Prozent für ein Phänomen, das für die breite Mitte der Gesellschaft steht (Vergleichswert: 22 Prozent). Das Vertrauen in bestimmte Institutionen der Gesellschaft, speziell Organe der Verfassung, ist signifikant geringer als bei Anhängern anderer Parteien. Besonders mies ist bei AfD-Leuten das Image von Bundeskanzlerin, Bundespräsident, Bundesregierung und Bundestag. Schlecht kommen auch die Europäische Union, die jeweilige Landesregierung sowie die Presse weg.

AfD-Wähler handeln aus Protest

Nachwahlbefragungen zeigen die Motivation der AfD-Wähler, sich von all dem abzuwenden: Sie wollen ein Zeichen setzen. Sie glauben mehrheitlich nicht, dass die AfD etwas zur Lösung der Probleme im Land anzubieten haben. In Baden-Württemberg stimmten 93 Prozent der AfD-Wähler in einer Befragung von Infratest dimap folgender Aussage zu: "Die AfD löst zwar keine Probleme, nennt die Dinge aber beim Namen." In Rheinland-Pfalz sagen das 90, in Sachsen-Anhalt immerhin noch 64 Prozent der AfD-Wähler.

Die AfD holt einen Großteil der Stimmen wegen der Flüchtlingskrise

Es klingt banal, muss aber hier noch einmal fallen: Würde derzeit in Deutschland nicht vorwiegend über Flüchtlinge diskutiert werden, würde die AfD längst nicht so viele Stimmen bekommen. Die AfD wählen Menschen, die der Migration kritisch bis ablehnend gegenüberstehen. In Sachsen-Anhalt reagierten laut Infratest dimap 91 Prozent der AfD-Wähler zustimmend auf die Aussage "Ich bin erleichtert, dass derzeit nur noch wenige Flüchtlinge nach Deutschland kommen". Nur 6 Prozent empfinden Flüchtlinge als eine Bereicherung für das Leben in Deutschland - in der Gesamtwählerschaft liegt der Wert hier bei 41 Prozent. Andere Themen als die Flüchtlingskrise spielen bei der Wahlentscheidung für die AfD eine untergeordnete Rolle oder hängen damit zusammen. Ein zweiter großer Komplex, der AfD-Wähler umtreibt, ist die Innere Sicherheit. Und diese sehen sie durch Flüchtlinge in ihrem Umfeld in Gefahr.

AfD-Wähler sind verhinderte CSU-Wähler

Wie sollten die Parteien mit den Wählern der AfD umgehen? Zwei Schulen gibt es: Sich noch klarer abgrenzen oder Positionen der AfD übernehmen, um sie damit wieder zu verdrängen. Letztere Strategie vertritt die CSU. In der Flüchtlingsfrage distanzierte sich deren Chef Horst Seehofer deutlich von Kanzlerin Angela Merkel. AfD-Anhänger honorieren das: In der Forsa-Befragung gaben 100 Prozent an, hier auf der Seite Seehofers zu stehen. Im Mittelwert aller Befragten gaben dies nur 42 Prozent an. Doch die CSU stand in den drei Bundesländern gar nicht zur Wahl. Weit über die Hälfte (in Rheinland-Pfalz sogar 72 Prozent) der AfD-Wähler hätte sich dies aber gewünscht. Taktisch erfolgversprechend wäre es also offenbar, mit Inhalten der AfD gegen die AfD anzutreten. Ob ein solcher Kurswechsel glaubwürdig und moralisch richtig wäre, steht auf einem anderen Blatt.

Quelle: n-tv.de

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