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Der Anschlag ereignete sich zwischen Hagia Sophia und der Blauen Moschee (Sultan Ahmet), wo viele Touristen flanieren.
Der Anschlag ereignete sich zwischen Hagia Sophia und der Blauen Moschee (Sultan Ahmet), wo viele Touristen flanieren.(Foto: AP)

Das perfekte Ziel: Wie die Türkei ins Zentrum des Terrors geriet

Von Issio Ehrich

Nicht nur, aber auch eine verheerende Außenpolitik hat die Türkei ins Zentrum des Terrors gerückt. Für den IS ist das Land zudem ein ideales Ziel, weil es eine Schlüsselrolle in der Flüchtlingspolitik des Westens hat.

Unter Recep Tayyip Erdoğans Führung war die Türkei lange ein aufstrebender und relativ stabiler Staat – allerdings in verheerender Nachbarschaft. Im Süden lagen die Krisenstaaten Syrien und Irak, weiter im Osten der zündelnde Iran. Spätestens seit dem Anschlag in Istanbul mit mindestens zehn Toten ist überdeutlich, dass die Türkei mittlerweile ein zentrales Ziel des Terrors geworden ist. Das hängt zum einen an der chaotischen Nachbarschaft, aber auch am Umgang Erdoğans und seines früheren Außenministers und heutigen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu mit dieser.

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Erdogan zählte schon früh zu den härtesten Gegnern des syrischen Machthabers Baschar al-Assad. Der Alawit muss weg, das war nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs sein Credo. Und so unterstütze Erdoğan oppositionelle islamistische Gruppen in Syrien, ohne genau hinzusehen, um wen es sich dabei handelt. Er ließ sie zumindest ungehindert Waffen und Personal über die Türkei ins Land schaffen. Damit zog er zunächst den Hass Assads auf sich.

Im Mai 2013 kam es zu einem verheerenden Terroranschlag in der türkischen Grenzstadt Reyhanlı. 46 Menschen verloren bei den Detonationen von zwei Bomben ihr Leben, rund 140 wurden teils schwer verletzt. Ankara beschuldigte Türken mit engen Verbindungen zum syrischen Geheimdienst der Tat. Bewiesen ist das bis heute nicht. Undenkbar ist es aber genauso wenig.

Praktisch alle Kriegsparteien in Syrien hassen Erdoğan

Dass Erdoğan jahrelang islamistische Gruppen in Syrien päppelte, trug auch dazu bei, dass der sogenannte Islamische Staat (IS) derart erstarken konnte. Das wiederum schürte den Hass der moderaten Opposition, insbesondere der Kurden in Syrien, die sich den Halsabschneidern mit großen Verlusten entgegenstellten. Spätestens beim verzweifelten Kampf um die Grenzstadt Kobanê, der im Sommer 2014 die Schlagzeilen bestimmte, schwappte dieser Hass auch auf die Kurden in der Türkei über. Der angestoßene Friedensprozess zwischen der größten Minderheit in der Türkei und Ankara wurde immer fragiler. Erdoğan kündigte ihn letztlich auf – etlichen Beobachtern zufolge vor allem aus innenpolitischen Gründen. Er fürchtete den politischen Erfolg gemäßigter kurdischer Politiker, stellte sie als Verbündete der verbotenen Arbeiterpartei PKK dar und eröffnete medienwirksam den Kampf. Die PKK reagierte auf die Offensive mit Terroranschlägen, die sich vor allem gegen Polizisten und Armeeangehörige richteten. Mittlerweile herrschen im Osten der Türkei wieder bürgerkriegsähnliche Zustände mit mehreren Tausend Toten.

Auf großen internationalen Druck hin änderte Erdoğan letztlich seinen Umgang mit dem IS. Die Türkei stellt der Allianz gegen den Terror nun den Flughafen İncirlik zur Verfügung, griff vereinzelt selbst Stellungen des IS in Syrien an und kontrolliert verstärkt die Grenzen. Damit brachte er dann auch die Islamisten gegen sich auf.

Nachdem ein Attentäter bereits im vergangenen Sommer in der Grenzstadt Suruç 34 Menschen in den Tod riss und 76 teils schwer verletzte, schien die Reaktion prompt zu folgen. Bei Explosionen von zwei Bomben in Ankara im Oktober starben 102 Personen, mehr als 500 wurden verletzt. Nun die Attacke in Istanbul, für die die türkische Führung ebenfalls den IS verantwortlich macht.

Durch seine Außenpolitik hat Erdoğan es geschafft, sich abgesehen von den Turkmenen praktisch alle Kriegsparteien in Syrien zum Gegner zu machen und obendrein den kostbaren Friedensprozess mit den Kurden im Land zu demontieren.

Der IS will Muslime frustrieren

Unklar ist noch, ob der Anschlag in Istanbul wirklich in erster Linie der Türkei galt. Die Opfer waren Deutsche. Diverse Nahostexperten glauben, dass der IS so auf den Beginn des Einsatzes deutscher Aufklärungstornados in Syrien reagiert hat. Das liegt nahe. Doch es wäre nicht das erste Mal, dass die Strategie des IS komplexer wäre, als sie zunächst erscheint.

Gut möglich, dass der IS ganz bewusst Deutschland und die Türkei zugleich angegriffen hat. Nicht, weil nun ein paar Tornados über Syrien Luftaufnahmen machen und von İncirlik aus starten. Dem IS geht es darum, die religiöse Kluft zwischen dem überwiegend christlichen Westen und den Muslimen im Nahen Osten zu vergrößern und Europa und die USA zu destabilisieren. Ein Angriff auf die Türkei ist vor diesem Hintergrund das perfekte Mittel. Der Umstand, dass er vor der Hagia Sophia, einer einstigen byzantinischen Kirche, die zur Moschee wurde und heute ein Museum darstellt, stattfand, ist an Symbolkraft kaum zu übertreffen.

Die EU ist gerade im Begriff die Kooperation mit der Türkei in der Flüchtlingskrise auszubauen. Ankara soll mit der Unterstützung Europas mehr Flüchtlinge im Land versorgen. Es ist ganz im Interesse des IS, dass nicht nur dieser Pakt, sondern die gesamte Flüchtlingspolitik des Westens scheitert, dass weiterhin Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil Europa sich abschottet und die deutsche und türkische Willkommenskultur aus Angst vor noch mehr Terror leidet. Der IS will den Bruch zwischen jenen, die helfen, und jenen, die Hilfe brauchen. Denn er kann nur weiter erstarken, wenn die Muslime aus der Region vollends verzweifeln und sich der Herrschaft des Pseudo-Kalifats unterwerfen, um nicht anderswo dahindarben zu müssen.

Quelle: n-tv.de

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