Politik
Zschäpe im Gerichtssaal.
Zschäpe im Gerichtssaal.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 29. Mai 2013

Gesten, Mimik, Kleidung: Wie man Beate Zschäpe deuten könnte

Von Solveig Bach

Die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Zschäpe wird bei jedem ihrer Auftritte intensiv beobachtet. Welche Kleidung trägt sie? Wen schaut sie an, wen nicht? Wie gibt sie sich vor Gericht? Vor allem aber, was bedeutet das alles? Die Liste der Fragen ist lang, die Antworten darauf nicht leicht zu finden.

Sie ist die "Nazi-Braut", die "Rechtsterroristin", die einzige Überlebende und die einzige Frau des "Nationalsozialistischen Untergrunds". Der Hauptangeklagten im NSU-Verfahren, Beate Zschäpe, droht lebenslange Haft - die Anklage wirft ihr Mittäterschaft an zehn Morden vor, die Gründung einer terroristischen Vereinigung und schwere Brandstiftung. Vom ersten Prozesstag an wurde jeder ihrer Auftritte mit Argusaugen beobachtet, jede Geste notiert, jede Körperhaltung interpretiert. Doch ist man Zschäpe damit wirklich nähergekommen?

Man kann davon ausgehen, dass auch Zschäpe und ihren Verteidigern klar war, dass jedes Auftreten von ihr vor Gericht genau beobachtet werden würde. Vor Prozessbeginn kursierten lediglich Fahndungsfotos der inzwischen 38-Jährigen. Nun konnte sich jeder sein eigenes Bild machen.

Bilderserie

In ihrer Kleiderwahl scheint sich Zschäpe eher wie eine Geschäftsfrau zu geben, vielleicht auch wie eine Anwältin. Sie trägt Hosenanzüge, dazu dezente Blusen, wenig Make-up und schlichten Schmuck. "Sie kam herein wie eine Businessfrau zum Investorenkongress", sagt später ein Opfer-Anwalt. Auf früheren Fotos ist sie eher eine T-Shirt- und Lederjackenträgerin. Ist der neue Businesslook nun also Fassade? Vielleicht ist Zschäpes Kleidung auch ein Akt von Mimikry, also der Versuch, sich den Verteidigern möglichst ähnlich zu machen? So sieht es der Direktor des Instituts für Rechtspsychologie der Uni Bremen, Dietmar Heubrock. Der "Bild"-Zeitung sagte er: "Dieses Outfit ist definitiv nicht ihr Stil. Zschäpe soll nicht als 'die zu Verurteilende' auf der Anklagebank wirken, sondern eher als Teil der Verteidigung wahrgenommen werden. Sie sieht ja optisch genauso aus wie ihre Anwälte!" Offen ist die Frage: Haben die Anwälte über Zschäpes Outfit entschieden oder sie selbst?

Womöglich verbirgt sich hinter den adretten Kombinationen aber auch nur der Wunsch, gut gekleidet in die Öffentlichkeit zu treten, also die Eitelkeit einer Frau, die einen guten Eindruck hinterlassen will? In den meisten Medien überwog die Einschätzung, jedes Kleidungsstück sei berechnend ausgewählt worden, vielleicht auch, weil jede andere Einschätzung schlecht zu den Vorurteilen passt, die bereits fertig in den Schubladen liegen.

Viele Bewertungen sind möglich

"Wieder Show der Nazi-Braut", schrieb die türkische Tageszeitung "Hürriyet" nach dem zweiten Verhandlungstag. Die italienische "La Repubblica" schätzte ein, Zschäpe habe "die Eleganz des kalten Führers" und wende "den Eltern der Opfer aus Verachtung den Rücken" zu. Eine selbstbewusste Angeklagte, die sich arrogant über ihre Mitmenschen erhebt: eine weitere Einschätzung, die über Zschäpe getroffen wird.

Die eindeutigsten Gesten von Zschäpe sind die vor der Brust verschränkten Arme und der dem Saal zugewandte Rücken, während zahlreiche Fotografen und Kameraleute versuchen, ein Bild von ihr zu machen. Dann stehen ihre drei Verteidiger meist um sie herum, schirmen die zierliche Frau ein wenig ab, unterhalten sich mit ihr. Zwischendurch stützt sie die Hände in die Hüften oder klammert sich an der Stuhllehne fest. Was Zschäpe in diesen Momenten denkt, bleibt ihr Geheimnis. Man könnte statt Arroganz auch große Unsicherheit aus ihren Gesten lesen. Erst nachdem die Fotografen und Fernsehteams den Saal verlassen haben, dreht Zschäpe sich um.

Schwer zu durchschauen

Bilderserie

"Die sieht gar nicht aus wie eine Verbrecherin", zitiert ein Reporter einen Besucher im Gerichtssaal. Man mag sich über diese naive Weltsicht wundern. Aber das Bild, das Zschäpe im Gerichtssaal bietet, ist tatsächlich nur schwer mit den ihr vorgeworfenen Taten in Einklang zu bringen. Man kann ihr nicht ansehen, ob sie von den Morden ihrer Komplizen wusste. Auf den ersten Blick wirkt Zschäpe fast mädchenhaft zart. Die Haare hat sie sich im Gefängnis weit über die Schultern wachsen lassen. Aus der Untersuchungshaft heißt es, sie habe es für 10 Euro kastanienbraun tönen lassen. An manchen Tagen trägt sie die Haare offen, an anderen als Zopf.

Eine frühere Zellennachbarin berichtete nach ihrer Entlassung, Zschäpe höre am liebsten "Bomberpilot" von den Böhsen Onkelz. An der Wand ihrer Zelle habe sie Fotos aufgehängt: von ihrer Familie und ihren langjährigen Weggefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Die Anklageschrift spricht von ihr eindeutig als Mittäterin, auch wenn sie wohl nie am Ort des Geschehens war. Zschäpe: das emotionale Zentrum des NSU, die als nette Hausfrau für die Tarnung sorgte und die Finanzen verwaltete.

Gesprächig und schweigsam

Von ihrer immer wieder beschriebenen Fähigkeit, Kontakte mit anderen zu pflegen, sich zu "kümmern", ist im Gerichtssaal gelegentlich etwas zu ahnen. Mit ihren Anwälten unterhält sie sich angeregt, Beobachter beschreiben Scherze, den Austausch von Bonbons. Doch zwischendurch sieht die 38-Jährige plötzlich auch bleich aus und müde. In der Verhandlung verschränkt sie immer wieder die Arme, stützt den Kopf auf, fährt sich mit den Händen über das Gesicht und streicht die Haare nach hinten. Immer wieder nestelt sie an ihrem Schmuck. Zwischendurch sucht sie das Gespräch mit ihren Verteidigern Wolfgang Heer und Wolfgang Stahl. Wenn ihre Anwälte während der Verhandlungspausen den Saal verlassen, steht sie recht verloren da.

Auf Fragen des Gerichts schweigt sie eisern, nicht einmal ihren Namen nennt sie. Der Verlesung der Anklage folgt sie eine Stunde lang ohne eine sichtbare Regung. Auch als es um den Tod ihrer beiden Kompagnons im November 2011 geht, lässt sie sich nichts anmerken. Bisher deutet nichts darauf hin, dass sie ihr Schweigen während des Prozesses brechen wird. Das ist ihr gutes Recht, vermutlich habe ihr die Anwälte dazu geraten. Aber es passt natürlich ins Bild der unbelehrbaren Nazi-Frau, die ihren Opfern kein Wort der Erklärung gönnt.

Gelegentlich macht Zschäpe einen nachdenklichen Eindruck, schaut mit gerunzelter Stirn nach oben zur Empore, wo die Zuschauer und Journalisten sitzen, lässt den Blick über die Reihen wandern. Es ist nicht klar, ob sie da oben irgendjemanden sucht oder ob sie sich möglicherweise fragt, warum ihr Leben sie in diesen Gerichtssaal geführt hat. Die Angehörigen der Opfer empfinden diese Blicke als Zumutung, zu selbstsicher kommt ihnen Zschäpe vor, ein etwas bescheideneres Auftreten hätten sie sich von Zschäpe gewünscht, etwas weniger Provokation. Manche halten das nicht aus und verlassen den Saal.

Auffällig ist der Nicht-Kontakt von Zschäpe zu ihren Mitangeklagten. Kein Gruß, keine Geste lassen erkennen, dass Zschäpe Ralf Wohlleben, André E., Carsten S. und Holger G. überhaupt kennt. Mit Frau und Kindern habe E. das NSU-Trio in Zwickau besucht, heißt es in den Ermittlungsunterlagen. E. soll Zschäpe noch nach dem Tod von Böhnhardt und Mundlos auf der Flucht geholfen haben. Wohlleben, S. und G. waren Freunde, die Pässe besorgten und gemeinsame Urlaube mit Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos verbrachten, diese Vorstellung bekommt im Gerichtssaal etwas Absurdes. Wie es auch immer war, Zschäpe kämpft offenbar nur noch für sich allein. Welche Geheimnisse man auch immer bei ihr zu finden glaubt, bisher bleibt sie die einzige, die sie kennt.

Quelle: n-tv.de

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