Politik
Auch vom eigenen Krisenmanagement beschädigt? Bundespräsident Wulff.
Auch vom eigenen Krisenmanagement beschädigt? Bundespräsident Wulff.(Foto: dapd)

Schlechte Ratgeber, keine Transparenz: Wulff schafft keinen Befreiungsschlag

von Solveig Bach

Als ausgerechnet der durch den Boulevard gestählte Ex-Tennisstar Boris Becker nach dem Krisenmanagement von Bundespräsident Wulff fragt, wundern sich viele. Doch auf den zweiten Blick ist der Ansatz berechtigt. PR-Profis jedenfalls sind entsetzt angesichts der präsidialen Kommunikation.

Mitten in der Krise um Christian Wulff empfahl Boris Becker dem Bundespräsidenten dringend einen Krisenberater. Dafür wurde die Tennisikone ein wenig belächelt, aber Becker hatte gelassen ausgesprochen, was sich immer mehr Menschen ernsthaft fragten. Wer berät eigentlich Wulff?

PR-Profis schlagen jedenfalls die Hände über dem Kopf zusammen und wundern sich. Denn Wulff macht so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Schon der Causa Wulff ist Lehrbuchbeispiel betonte, "dass ab einem bestimmten Punkt nicht mehr die eigentliche Affäre maßgeblich ist, sondern der Umgang mit ihr". Der Kommunikations- und Marketing-Experte Dieter Georg Herbst zeigt sich im Gespräch mit n-tv.de ebenfalls überrascht von der Unfähigkeit Wulffs, die Krise mit einem wirklichen Befreiungsschlag zu beenden.

Wulff versprach im Fernsehinterview Transparenz.
Wulff versprach im Fernsehinterview Transparenz.(Foto: REUTERS)

"Das fing ja schon mit der Frage an, hat er die Geschäfte jetzt mit dem Mann oder mit der Frau gemacht." Es sei kaum zu vermitteln, worin da der große Unterschied bestanden haben soll, wenn beide darüber Bescheid wussten. Zudem sei es offensichtlich, "dass er das Geschäft mit der Frau gemacht hat, damit es rechtlich sauber ist". Herbst vermutet, dass Wulff zu Beginn der Krise "ganz schlecht beraten wurde".

Die Entlassung seines langjährigen Pressesprechers Olaf Glaeseker wertet Herbst als Bauernopfer. Für einen Moment habe sich danach eine Strategieänderung abgezeichnet, die Wulff letztlich aber nicht vollzogen habe. Wieder ließ er stattdessen Tage vergehen, bevor er sich erneut zu Wort meldete. Weiterhin reagierte er zwar auf einzelne Vorwürfe, der "Strategiewechsel hin zu völliger Transparenz ist jedoch keineswegs eingeleitet".

Würde statt Wut

So bleibt es den Bürgern, Journalisten und Politikerkollegen, Wulffs Verhalten zu interpretieren, um sich ein Bild davon zu machen, was er beabsichtigen könnte. Politische Beobachter vermuten, dass Wulff noch immer hauptsächlich wütend darüber ist, dass er sich trotz seiner herausragenden Rolle als Staatsoberhaupt unangenehme Fragen gefallen lassen muss. Wut jedoch macht wohl kaum offen für Nachdenklichkeit. Die Sprachwissenschaftlerin Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim sieht in Wulffs Wortwahl ein "Zeichen dafür, dass der Bundespräsident sich sehr bedrängt fühlt". Es sei natürlich ein Kampf, den Wulff da gerade kämpfe, sagt sie der Nachrichtenagentur dpa. Dies erkläre die martialischen Begriffe, die Wulff in Verbindung mit Medien gerade verwende. Menschlich sei das verständlich, doch die Würde des Amtes gebiete es, "so sachlich wie möglich zu bleiben".

Bild einer Front im Ersten Weltkrieg. Wulff sieht sich angeblich im "Stahlgewitter", angelehnt an den berühmten Roman Ernst Jüngers.
Bild einer Front im Ersten Weltkrieg. Wulff sieht sich angeblich im "Stahlgewitter", angelehnt an den berühmten Roman Ernst Jüngers.(Foto: dpa)

Auch Herbst sieht Wulffs Kommunikationsfähigkeit sehr kritisch. "Mich würde interessieren, ob er sich bewusst ist, wie sein Verhalten wirkt. Ob er sich bewusst ist, welche Wünsche und Erwartungen Menschen an ihn als Staatsoberhaupt in dieser Situation haben."

Um die Transparenz herstellen zu können, die Wulff in seinem Interview angekündigt hatte, müsste er zunächst klären, was ihm jetzt wirklich wichtig ist. Geht es vor allem darum, im Amt zu bleiben oder geht es um mehr? Vielleicht darum, ein glaubwürdiger Bundespräsident zu sein, der das Vertrauen der Menschen zurückgewinnen kann?

Dann muss er entscheiden, wer seine Berater sein sollen. Das ist für einen homo politicus wie Wulff möglicherweise nicht so einfach. Um das zu werden, was er heute ist, hat er sich durchsetzen müssen. Das ging nicht ohne Egoismus und ohne Egozentriertheit. Nun soll er aber Menschen um sich haben, die ihm Gutes raten, ohne dabei allzusehr ihre eigenen Belange im Blick zu haben. Diese Berater muss er nicht nur klug auswählen. Herbst stellt die These auf, dass es sein könnte, "dass die Berater ihm gute Ratschläge geben, er aber nur zum Teil drauf eingeht".

Verfahren, nicht aussichtslos

Das würde erklären, warum Wulff in dem als Befreiungsschlag gedachten ARD- Und ZDF-Interview die "Bild"-Zeitung mit einem Halbsatz erneut gegen sich aufbringt. Oder warum er die Veröffentlichung aller Papiere im Internet ankündigt, obwohl nur an eine Zusammenfassung gedacht war. Oder warum er behauptet, sein Kreditvertrag sei bereits per Handschlag zustande gekommen, was seine Bank später bestreitet.

Irritierte Bürger vor dem Schloss Bellevue zeigen Wulff den Schuh.
Irritierte Bürger vor dem Schloss Bellevue zeigen Wulff den Schuh.(Foto: dpa)

Herbst hat in seiner Beratungstätigkeit häufig komplizierte Konstellationen aus der handelnden Person und ihrem unmittelbaren Umfeld erlebt. Familienmitglieder und Freunde, aber auch Kommunikationsleute und Anwälte gäben oft einander widersprechende Ratschläge. Dann muss der Hauptakteur entscheiden,  "nach wem er sich da letzten Endes ausrichtet". Diese Entscheidung kann auch Wulff niemand abnehmen.

Die Situation darf getrost als verfahren beschrieben werden, aber sie wäre nicht aussichtslos, wenn Wulff endlich verstünde, worauf es jetzt ankommt. Die Krisenberater raten zu einem sichtbaren Zeichen für einen wirklichen Neubeginn. Wulff müsse eine klare und eindeutige Haltung einnehmen und endlich den Eindruck ausräumen, dass man noch immer nicht alles weiß. Dann könnte er möglicherweise tatsächlich noch ein guter Bundespräsident werden.

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen