Politik
Ausnahmezustand auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof: die Silvesternacht in Köln.
Ausnahmezustand auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof: die Silvesternacht in Köln.(Foto: Youtube)

Silvesternacht in Köln: Auch die Jagd auf Flüchtlinge ist widerlich

Ein Kommentar von Christian Rothenberg

Sexuelle Übergriffe auf Frauen, zahlreiche Anzeigen: Was in Köln passiert ist, ist schrecklich. Schlimm ist allerdings auch: Einigen, die sich empören, geht es um etwas ganz anderes.

Am Silvesterabend versammelten sich auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs Hunderte Männer, die mutmaßlich aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum stammen. Einige von ihnen haben offenbar Frauen beraubt und sexuell bedrängt. Bisher gingen mehr als 90 Anzeigen ein (Stand: Dienstagmittag), mehrere Personen wurden festgenommen. Das ist das, was man bisher weiß. Bestätigen sich die Berichte, dann steht fest: Was in Köln passiert ist, ist widerlich und muss bestraft werden. Widerlich ist jedoch auch die Art und Weise, wie das Ereignis zum Politikum aufgeschaukelt wird. Wie es von einigen instrumentalisiert wird, um Stimmung zu machen und zur Jagd auf Flüchtlinge aufzurufen.

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Das Kölner Silvesterdrama befeuert eine ohnehin viel zu aufgeladene Debatte über Flüchtlinge in Deutschland. Das lässt sich vor allem in sozialen Medien besichtigen: Bei Facebook laufen stündlich hundert neue Kommentare auf. "Es reicht endgültig. Wird Zeit, dass wir uns wehren. Es ist unfassbar, wie wir Deutschen uns erniedrigen lassen", schreibt einer bei Facebook. "Warum bleiben sie [die Flüchtlinge] nicht im ersten Land das Sie auf Ihrer Flucht erreichen? Nein auf nach DE, da ist ja alles für lau!" Beherzt gestichelt wird auch gegen "Gutmenschen" und "Bahnhofsklatscher".

Die Ermittlungen in Köln haben gerade erst begonnen, viele haben ihr Urteil jedoch längst gefällt. Flüchtlinge machen Jagd auf deutsche Frauen - was für eine eingängige Botschaft! Die Täter hätten Papiere bei sich getragen, die Flüchtlingen ausgestellt werden, weiß ein Facebook-Nutzer. Dabei ist bisher nur bekannt, dass die Polizei auf dem Bahnhofsvorplatz Personen kontrolliert hat, die solche Papiere bei sich trugen. "Die Täter haben nichts mit der aktuellen Flüchtlingswelle zu tun", erklärte die Polizei. In der Auslegung vieler vermischen sich Wahrheit und Dichtung mal wieder. In den vergangenen Monaten ließ sich das häufig beobachten. Mehrfach widersprach die Polizei Gerüchten, nach denen Flüchtlinge Frauen missbraucht hätten.

"Merkel, Beck, Gabriel, Gauck - ihr habt alle mit missbraucht in Köln"

(Foto: Twitter)

Die Bestürzung über die Ereignisse ist nicht bei allen ehrlich. Vielmehr scheint es, als würden sich einige genüsslich die Hände reiben. Erst vor einigen Wochen hatte AfD-Parteivize Alexander Gauland die Flüchtlingskrise als "Geschenk" bezeichnet. Pegida-Chef Lutz Bachmann twitterte am Montag: "Merkel, Beck, Gabriel, Gauck – ihr habt alle mit missbraucht in Köln." Den Gaulands und Bachmanns geht es nicht darum, was den Frauen in Köln widerfahren ist, sondern was man daraus machen kann. Zu gut passt es in die Erzählung über ein Land, das angeblich außer Kontrolle geraten ist. Eine bessere Vorlage hätten sich AfD und Pegida kaum erträumen können. Auch Politiker der CSU versuchen den Vorfall für ihre Flüchtlingspolitik zu instrumentalisieren.

Doch die Interpretationen sind einseitig, sie verfälschen eine angemessene Betrachtung. Zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen werden Frauen missbraucht und belästigt, nicht erst seit dem 31. Dezember 2015 und sowohl von Ausländern als auch von Deutschen. Für eine Frau ergibt das keinen Unterschied - was die schrecklichen Vorfälle in Köln keinesfalls verharmlosen soll. Die Diskussionen erwecken den Eindruck, dass zwischen vermeintlich guten und schlechten Vergewaltigern unterschieden wird. Den Opfern muss das wie Hohn vorkommen. Was ihnen widerfahren ist, verlangt in der Debatte nach Besonnenheit und nicht nach Hetze.

Ja, die Ereignisse in Köln müssen gründlich untersucht werden. Die Täter, ob in Köln oder anderswo, müssen mit aller Härte bestraft werden. Ob sie deutscher, arabischer, asiatischer, oder sonstiger Herkunft sind, darf dabei keine Rolle spielen. Am Ende zählt die Tat und nicht die Herkunft. Das sollte selbstverständlich sein.

Quelle: n-tv.de

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