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Fraktionschefs und Bundesvorsitzende der Grünen: Künast, Trittin, Roth und Özdemir.
Fraktionschefs und Bundesvorsitzende der Grünen: Künast, Trittin, Roth und Özdemir.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Grünen wachsen an ihrer Urwahl: Eine heilsame Streitgeburt

Ein Kommentar von Issio Ehrich

Flügelkämpfe und Proporzregeln bescheren den Grünen eine Urwahl. Wider Erwarten kommt es dabei nicht zum großen Kandidatenschlachten. Im Gegenteil: Die Grünen zeigen, wie Basisdemokratie funktioniert, und befreien die Partei von lästigen Verkrustungen.

Die grüne Urwahl war eine Streitgeburt. Die Fraktions- und Bundesvorsitzenden Jürgen Trittin, Renate Künast und Claudia Roth konnten sich einfach nicht darauf einigen, wer die Partei 2013 als Spitzenkandidat in die Bundestagswahl führen soll. Es ging um den richtigen Proporz: Mann und Frau, Realo und Linke. Grüne Eigenheiten - und ein Quäntchen Ego. Mit großer Liebe zur Basis hatte die Entscheidung nichts zu tun.

Und so sah alles danach aus, dass sich die Grünen während der Urwahl in einem parteiinternen Machtkampf zerfleischen würden, als sich der Parteirat im September endgültig zu dem umständlichen Prozedere durchrang. Dass sie als Personen auch mit ihren Mängeln in den Vordergrund rücken und Inhalte verdrängen würden. Ein Desaster ein Jahr vor der Bundestagswahl. Doch es kam anders. Jetzt, kurz vor der Bekanntgabe der Ergebnisse am Samstag, steht fest: Die grüne Urwahl war ein basisdemokratischer Erfolg. Und sie könnte verkrustete Strukturen in der Partei endlich aufbrechen.

Peinliche Urwahlforen und alte Bekannte

Natürlich, die Urwahlforen, die Vorstellungsrunden der Kandidaten, strapazierten die Zuschauer mit peinlichen Auftritten: Während alle Welt davon sprach, dass die Grünen nicht mehr rebellisch genug seien, identifizierte Prokurist Franz Spitzenberger ausgerechnet das "Image als Protestpartei" als großen "Makel" der Grünen. Zimmermeister Roger Kuchenreuther erklärte derweil, dass er sich "als Wassermann schon immer für Politik, Ökologie und Gesellschaft interessierte". Und der Tierarzt Peter Zimmer versuchte verzweifelt mit einem abwegigen Wortspiel zu punkten. Er berichtete detailliert vom "Urwal", dem Pakicetus inachus, der vor 50 Millionen Jahren ausstarb, nur um dann in lähmender Langsamkeit darauf hinzuweisen, dass er als Sieger der Urwahl weitere Arten vom Aussterben bewahren wolle.

Ein zweiter Mangel: Die Sieger standen von vornherein fest. Abgesehen von Trittin, Künast und Roth war Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt die einzige auch nur ansatzweise prominente Kandidatin. Für ältere Grüne, die mit der Partei aufgewachsen sind, sich mit ihr verbürgerlicht haben, mag der bevorstehende Sieg der etablierten Größen Zeichen behaglicher Kontinuität sein. Um sich wieder zur Partei der Jugend zu entwickeln, brauchen die Grünen aber dringend frische Köpfe an ihrer Spitze.

Die Grünen müssen jetzt noch mehr wagen

Doch bei aller Kritik: Diese Urwahl könnte der erste Schritt sein, um personelle, aber auch etliche andere Verkrustungen in der Partei aufzubrechen. Der Vorwurf, dass machtbewusste Politprofis wie Trittin sich allein durch Schachereien im Hinterzimmer ihre Posten sichern könnten, ist entkräftet. Bei einer Urwahl entscheidet sich die Basis für den Kandidaten, den sie für den Stärksten hält. Für den Nachwuchs gibt es künftig keine Entschuldigung mehr, sich diesem Wettstreit zu verweigern.

Und die Flügelkämpfe, die Außenstehende angesichts der heute marginalen inhaltlichen Unterschiede zwischen Realos und Linken nur noch als grüne Folklore wahrnehmen,  wusch die Urwahl einfach weg. Denn auch für die Basis spielen diese altertümlichen Proporzregeln schon lange keine so bedeutsame Rolle mehr.

Die Grünen sind an ihrer Urwahl gewachsen. Ihre Umfrageergebnisse sind gut wie seit Monaten nicht mehr. Das müssen die anderen Parteien, auch die Piraten, nun neidvoll mit ansehen. Jetzt ist die Zeit für die Grünen gekommen, noch mehr zu wagen. Die Partei sollte die Urwahl der Spitzenkandidaten verpflichtend in ihrer Satzung verankern.

Quelle: n-tv.de

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