Politik

Zwischenruf: Israel: Löwe oder Tiger?

von Manfred Bleskin

Die Lage im Nahen Osten ist angespannt. Am Nakba-Tag kam es wieder zu blutigen Zusammenstößen an Israels Grenzen. Daher wäre es dringend Zeit, erneut Friedensgespräche aufzunehmen und alttestamentarischen Gebietsgewinn zu den Akten zu legen.

Am Nakba-Tag stürmten Palästinenser Israels Grenze. Mehr als 20 Menschen starben.
Am Nakba-Tag stürmten Palästinenser Israels Grenze. Mehr als 20 Menschen starben.(Foto: REUTERS)

US-Präsident Barack Obama hat nach einem Treffen mit Jordaniens König Abdullah in Washington Israel und die Palästinenser aufgerufen, ihre Friedensverhandlungen wiederaufzunehmen. Am Freitag kommt der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in die US-Hauptstadt.

Der Appell ist zweifellos richtig. Allein: Aus dem Munde von Obama klingt er einigermaßen sonderbar. War es doch seine Administration, die von ihrer Forderung nach Beendigung des israelischen Siedlungsbaus vor einem Neubeginn von israelisch-palästinensischen Gesprächen abging. Wer so einen Druck aufbaut, muss ihn durchhalten. Wenn er einknickt, wirkt er unglaubwürdig. Die USA befinden sich in einem Dilemma: Kein anderes Land, keine andere Organisation kann oder will die Rolle des Vermittlers einnehmen. Doch ein Moderator soll unparteiisch sein. Ein "ehrlicher Makler" in der Region sind die Vereinigten Staaten seit dem Suez-Krieg nicht mehr. Wenn es zum Schwure kam, standen die USA immer an der Seite Israels. Das ist zweifellos wichtig für einen Staat wie Israel, der sonst auf der Welt wenig treue Verbündete hat.

"Point-of-no-return" ist erreicht

Doch für die Palästinenser ist der "Point-of-no-return" erreicht. Allein auf die USA zu setzen, können sich Mahmud Abbas und seine Fatah nicht mehr leisten. Frankreichs Springinsfeld Nicolas Sarkozy ist zwar alles andere als ein verlässlicher Partner. Doch für ihn kann es kein Zurück mehr geben: Seine Zusicherung, einen palästinensischen Staat auch ohne das Placet Israels anzuerkennen, steht. Die Einigung zwischen der bürgerlich-gemäßigten Fatah und der radikalislamischen Hamas schafft eine völlig neue Situation. Die Verschiebung der Kommunalwahlen auf Oktober zeugt von dem Willen, unverändert mögliche Konfrontation zu vermeiden.

Israel sollte die Gelegenheit beim Schopfe packen und einen Ausgleich suchen. Wie gefährlich die Lage ist, zeigen nicht zuletzt die jüngsten blutigen Zusammenstöße an seinen Grenzen. Beharrt das Kabinett Netanjahuh auf seinen Positionen, ist eine weitere Radikalisierung der arabischen Positionen absehbar. Da kann nicht einmal mehr die israelische Atombombe die Ultima Ratio sein. Es wäre an der Zeit, alttestamentarischen Gebietsgewinn zu den Akten zu legen. Das israelische High-Tech-Know-How und der arabische Ölreichtum könnten aus dem Löwen von Juda einen semito-hamitischen Tiger machen.

Manfred Bleskin kommentiert seit 1993 für n-tv das politische Geschehen. Er war zudem Gastgeber und Moderator verschiedener Sendungen. Seit 2008 ist Bleskin Redaktionsmitglied in unserem Hauptstadtstudio in Berlin.

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Quelle: n-tv.de

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