Politik
Frauke Petry am Montag bei ihrem Auftritt in der Bundespressekonferenz, bei dem sie verkündete, dass sie der AfD-Fraktion nicht angehören werde.
Frauke Petry am Montag bei ihrem Auftritt in der Bundespressekonferenz, bei dem sie verkündete, dass sie der AfD-Fraktion nicht angehören werde.(Foto: imago/IPON)
Mittwoch, 27. September 2017

Suche nach politischer Heimat: Petrys seltsamer Wandel zur Lammfrommen

Von Thomas Schmoll

Angriffslustig, arrogant, besserwisserisch - so kannte man die scheidende AfD-Vorsitzende von ihren öffentlichen Auftritten. Inzwischen verkneift sie sich das höhnische Grinsen. Alles nur Taktik?

Je länger die Sendung ging, desto fassungsloser zeigten sich die anderen Gäste. Irgendwann stellte Dunja Hayali ihrer Mitdiskutantin Frauke Petry die Frage, die vermutlich Millionen TV-Zuschauern ebenfalls durch den Kopf schoss: "Sind Sie überhaupt zugänglich für irgendetwas?", wollte die um Fassung ringende ZDF-Moderatorin wissen. Nein, Petry war es nicht, jedenfalls nicht in der "Hart aber fair"-Sendung am 30. November 2015.

Es war die Zeit, als hunderttausende Flüchtlinge nach Deutschland strömten und die AfD auf einer Zustimmungswelle schwamm, die sie schließlich in den Bundestag spülte. Petry fühlte sich sichtbar obenauf. Permanent bedachte sie Aussagen der anderen Gäste mit arroganter Mimik. Ihr Auftritt war eine einzige Demonstration ihrer Stärken - und Schwächen. Angriffslustig, scharfsinnig, eloquent, schlagfertig, aber auch verbohrt, raffiniert, besserwisserisch, überheblich und selbstgerecht.

Wer die rechtskonservative Politikerin dieser Tage öffentlich agieren sieht, erlebt eine andere Frauke Petry, eine, die sich längst nicht mehr aufspielen muss und es sich verkneift, permanent ihre gefühlte Überlegenheit zu demonstrieren. Ein Beispiel vom Wahlabend. In der ARD erklärte sie zu einem Einspieler zur AfD: "Sie haben leider - und das ist der Umgang der Medien mit der AfD seit 2013 gewesen - die vernünftigen Stimmen nicht gebracht." Dadurch werde ein falsches Bild von der Partei gezeichnet. So oder ähnlich hat Petry es oft gesagt in den vergangenen vier Jahren. Allerdings verzichtete sie nun auf jede Opfer-Attitüde und den sonst üblichen Angriff auf die "Pinocchiopresse".

Der Sarkasmus ist weg

Als die Moderatorin wissen wollte, ob es legitim sei, "nur mit den Ängsten der Menschen zu spielen", verzog Petry für den Bruchteil einer Sekunde ihre Lippen, um zu dem höhnischen Grinsen anzusetzen, mit dem sie Journalisten immerfort bedachte, wenn sie Fundamentalkritik an ihrer Partei witterte. Aber an diesem Abend kriegte sie sich sofort ein, mied trotz des starken Wahlergebnisses jedwede Geste der Arroganz und antwortete bestimmt in der Sache, aber moderat. Keine Spur von ihrem wahlweise von Sarkasmus oder Larmoyanz geprägten Stakkato-Angriffston, den man bis dato von ihr gewohnt war. Auch das Besserwisserische - bislang ebenfalls ein Markenzeichen der Frauke Petry - erhält kaum noch Raum.

Video

Vielleicht hätte die Sächsin früher auf den Trichter kommen sollen. Denn so macht sie es Zuschauern vermutlich sehr viel einfacher, ihr zuzuhören und ihre Argumente und Kritik zu prüfen. Denn es war ja noch nie so, dass Petry nur Stuss erzählt hat. Sie hat sehr wohl ein ausgeprägtes Talent dafür, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu halten. Sonst wäre ihre Partei in Sachsen nicht stärkste politische Kraft. Petrys alte Strategie der Dauerattacke gegen alles und jeden, der die AfD nicht als die einzig wahre Alternative zu Angela Merkel betrachtet, erzeugte bei vielen prinzipielle Ablehnung bis Verachtung. Folge: ein ebenso radikaler Gegenangriff, der jeden Diskurs im Ansatz erstickte.

Es liegt auf der Hand, dass sowohl ihre politischen Gegner als auch parteiinterne Feinde hinter Petrys Wandlung zur Lammfrommen pures Kalkül vermuten. Dieses Misstrauen hat die AfD-Frontfrau selbst über Jahre genährt. Selbst ihr für alle Delegierten sichtbarer Tränenausbruch auf dem Podium des Landesparteitages in Weinböhla nahe Dresden wurde als Mittel zum Zweck gedeutet. Die Wochenzeitung "Der Freitag" schrieb zum Schluchzen der damals Hochschwangeren: "Wer das für einen spontanen Gefühlsausbruch hält, liegt daneben. Petry ist eine Frau mit vorzüglicher Selbstkontrolle. Sie ist keine Frau, bei der Tränen fließen, wenn sie nicht in ihren Plan passen. Und ihr Plan ist das Wachstum der AfD."

"Die Politik ist für mich nicht alternativlos"

Heulen auf Abruf? Ob das so stimmt, darf bezweifelt werden, erst recht nun nach dem Austritt aus der AfD. Ob der Heulanfall mit den Attacken des Höcke-Verteidigers Roland Ulbrich gegen Petry zu tun hatte oder mit dem, was sie gerade auf dem Laptop las, oder ob sich da entlud, was sich über Jahre an Frust und Enttäuschung aufgebaut hatte, weiß nur sie selbst. Petry bezeichnete die Tränen später als "privat". Das Motiv behielt sie für sich. In dem "Bunte"-Interview, in dem sie und ihr NRW-Parteikollege Marcus Pretzell sich als Paar outeten, hatte sie gesagt: "Natürlich habe ich auch immer wieder Angst um meine Kinder." Auch nur ein Satz mit Berechnung? Wohl kaum.

Kurz nach Weinböhla gewährte Petry einen Einblick in ihr Gefühlsleben: "Weder die Politik noch die AfD sind für mich alternativlos", sagte sie dem Berliner "Tagesspiegel". Angriffe in der Politik dürfe man nicht persönlich nehmen. "Sonst hält man es nicht lange aus". Aber klar, berühre einen das auch persönlich. "Alles andere wäre gelogen." Petry deutete an, "nach mehr als vier Jahren in der AfD, die einen enormen Kraftaufwand bedeutet haben und den Abschied von einem geregelten Leben" nach sich gezogen hätten, über Alternativen zur Alternative für Deutschland nachzudenken. Sicher meinte sie damals auch schon politische Optionen, ohne es offen zu sagen.

Auch bei diesen Ausführungen war es ein Leichtes, sie als Erpressung zu deuten. Entweder ihr folgt mir und meinem gemäßigten rechtskonservativen Kurs in klarer Abgrenzung zu Björn Höckes Ansichten oder ich verlasse euch. Mit ziemlicher Sicherheit spielte es eine Rolle. Aber ob nur allein? Könnte es nicht sein, dass Petry einfach die Nase voll hatte von all den Anfeindungen, Intrigen und Schlammschlachten und resigniert hat?

Ihr Image als eiskalter Polit-Engel, der freundlich lächelt und im Rücken die Messer wetzt, wird Petry nicht so schnell loswerden. Aber gerade das spricht gegen die These, auch ihr jüngsten Coup, erst der Bundestagsfraktion und dann der AfD Tschüss zu sagen, sei pure Berechnung, um irgendwie doch längst verlorene Macht zurück zu erobern. Denn dumm ist sie wahrlich nicht. Das Beispiel ihres Vorgängers Bernd Lucke, den Petry knallhart zu Fall brachte, muss ihr gezeigt haben, dass ein solcher Sturz in einem von Männern dominierten Intrigenstadel wie der AfD nicht zwingend dauerhaften Erfolg bringt.

Erkennbar jedenfalls ist, dass Petry bemüht ist, den Wunsch, eine Art bundesweite CSU aufzubauen, verbal und selbst in ihrer Körpersprache zu unterstreichen versucht. Sie ist deutlich lockerer und geht weniger verbissen zu Werke. Vielleicht fühlt sie sich wohler, befreit von dem Druck und der Last, ständig erklären zu müssen, dass dieser oder jener Ausrutscher aus dem Mund eines AfD-Kollegen (oder auf der Maus) gar nicht so gemeint gewesen sei. Offenkundig tut ihr es gut, bei öffentlichen Auftritten, gerade im Fernsehen, nicht nur die clevere und oberschlaue Quassel-Domina zu geben.

Sicher werden ihre politischen Gegner auch da wieder rufen: Alles nur Getue und eiskaltes Abschätzen. Aber erstens geht ohne Kalkül in der Politik gar nichts. Und zweitens ist es weitaus angenehmer, Petry in Interviews zu erleben, wenn sie Statements abgibt, ohne den Fragesteller mit abschätzigen Grinsen zu konfrontieren. So ist vielleicht der Diskurs möglich, den zu wünschen Frauke Petry vorgibt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen