Politik
Donald Trump ist der Präsident der alternativen Fakten.
Donald Trump ist der Präsident der alternativen Fakten.(Foto: dpa)
Dienstag, 24. Januar 2017

Postfaktische Staatsdoktrin: Trump wird seinen Glaubenskrieg gewinnen

Ein Kommentar von Thomas Schmoll

Wer sich wie Donald Trump eine eigene Welt bastelt, kann gar nicht scheitern. Es sind am Ende sowieso die anderen, die schuld waren. Seine Anhänger werden den "alternativen Fakten" glauben.

Donald Trump ist nach seinem eigenen Urteil nicht von dieser Welt. Er hat sich im Wahlkampf einmalige Größe bescheinigt und dies während der Krönungsmesse von Washington bekräftigt. Er steht, ach was: er schwebt über den Dingen. Umgeben von einer illustren Entourage macht sich Super-Trump daran, Amerika wieder groß zu machen – so riesig, dass es zu seiner eigenen Größe passt. Was groß ist, bestimmt Trump selbst. Sein Maßstab ist der einzige, den der 70-jährige Milliardär kennt und akzeptiert.

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Denn die Welt, in der sich Trump wähnt, ist seine ganz eigene, ein Universum, das er sich selbst erschaffen hat. Trump lebt in einer kritikresistenten Blase. Wer immer den Versuch wagt, in das Gebilde hineinzustechen oder auch nur zu piksen, wird niedergetwittert oder ignoriert. Du bist ein schlechter Schauspieler, mit dir spiele ich nie wieder, schreibt das verletzte Kind hinaus in seine Welt.

Trump, der antrat, mit den Gepflogenheiten des "Establishments" zu brechen, hat kein Problem mit der Wirklichkeit. Er erkennt sie schlicht nicht an, wenn sie ihm nicht in seine Welt passt. Er glaubt, die "Eliten" hätten die USA zugrunde gerichtet, um seinen kompletten Stab mit elitären Superreichen zu besetzen. Der Widerspruch ist in seiner Welt abgeschafft.

Sean Spicer gehört zu den Wachhunden rund um Trumps Blase. Offiziell ist er sein Sprecher. Mit ihm zog das Postfaktische ins Weiße Haus, wie er gleich an Tag eins seiner Amtszeit bewies: "Das war das größte Publikum, das je bei der Amtseinführung eines Präsidenten dabei war. Punkt." Punkt bedeutet: Das ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Unsere Wahrheit, was immer ihr anderen sagen mögt. Nichts anderes gilt, egal, ob Fotos belegen, dass Barack Obamas erstem Amtseid vor acht Jahren erkennbar mehr Menschen beiwohnten.

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Den eigentlichen Kern der Debatte enthüllte Trump-Beraterin Kellyanne Conway, als sie erklärte, Spicer habe "alternative Fakten" präsentiert. Auf diese Weise kann ab sofort jeder Widerspruch, der weder in Trumps Welt noch zu seinem Weltbild passt, vernichtend entwertet werden. Auf diese Weise kann man alles leugnen und jede Kritik in der Luft zerreißen. Alternative Fakten sind der bestmögliche Blasenschutz.

Realpolitiker der Marke Merkel betrachten sich als alternativlos, Mach-was-dir-gefällt-Politiker der Sorte Trump setzen der Realität alternative Fakten entgegen. Damit wird nicht nur das Postfaktische, sondern die Lüge zur Staatsdoktrin erhoben. Tatsachen und Realitäten nicht anzuerkennen, ist exakt das, was ein psychisch Kranker tut, der glaubt, Napoleon zu sein. Es ist allerdings völlig egal, ob Trump noch alle Tassen im Schrank hat und falls nicht, wie viele ihm fehlen. Schlimm allein ist, dass sich das weltweite Phänomen der staatlich sanktionierten Realitätsverzerrung im Weißen Haus Bahn bricht.

Wenn Politiker, die nahe am Größenwahnsinn agieren oder ihm gar verfallen sind, sich die Wirklichkeit zurechtbiegen, ist immer Gefahr im Verzug. Sie schaffen Feindbilder und Sündenböcke, weil sie sie brauchen, um jedes eigene Versagen zu negieren. Ein Blick in die Türkei zeigt, wie das funktioniert. Recep Tayyip Erdogan spinnt sich auch seine alternativen Fakten zusammen, wenn die Welt nicht will, wie er möchte. Schmieren Wirtschaft, Arbeitsmarkt und Lira ab, verkündet Erdogan seine alternativen Fakten: "Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Terroristen mit einer Waffe in der Hand und einem Terroristen mit Dollars, Euros und Zinsen. Ihr Ziel ist es, die Türkei in die Knie zu zwingen." Punkt.

Jeder glaubt, was er will. Wirkungen etwa sehr banaler ökonomischer Gesetze - wer investiert in einem entfesselten Land wie der Türkei? - werden in diesem Glaubenskrieg ignoriert. Der Vorteil für Politiker wie Trump oder Erdogan: Sie können ihn nicht verlieren. Denn scheitern sie, aus welchen Gründen auch immer: Es waren selbstverständlich die anderen. Zum Beweis werden alternative Fakten präsentiert. Die Anhängerschaft glaubt sie. Täte sie es nicht, würde sie Betrug und Selbstbetrug erkennen. Das kratzt am Ego.

Trump hat den Mund enorm voll genommen. Obwohl er zig Wahlkampfversprechen schon einkassiert oder relativiert hat, hängt die Latte hoch. Wer in amerikanischen Grenzen denkt, denkt begrenzt. Der Widerstand im eigenen Land ist stark wie nie. Trump muss liefern und den Menschen, die ihn gewählt haben, das Gefühl geben, Amerika und sie wieder groß gemacht zu haben. Misslingt ihm das, waren es "Crooked Hillary" und der Rest des "Establishments" oder noch finsterere Gestalten irgendwo auf diesem Planeten. Trumps berechtigte Kritik am US-Politikbetrieb liefe ins Leere und würde die Spaltung der Gesellschaft voranbringen. Scheitert Trump und hetzt er seine Anhänger gegen seine Gegner auf, wird es in den USA rappeln, dass ihr momentaner Zustand als Schlaraffenland erscheinen wird.

Quelle: n-tv.de

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