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Person der Woche: Christian Lindner: Comeback-Christian dreht auf

Von Wolfram Weimer

Auf dem Dreikönigstreffen der FDP kehrt erstmals seit Jahren wieder Optimismus ein. Die totgesagten Liberalen erleben ein Comeback und greifen jetzt Angela Merkel an überraschender Stelle an - in der Mitte.

Die FDP war nach der letzten Bundestagswahl so etwas wie das Nokia-Handy unter den Parteien. Out, uncool, Anschluss verloren. Nicht einmal in geriatrischen Golfclubs wollte man sich damit noch zeigen. Sie hatte einen leeren Akku nicht gehaltener Wahlversprechen, ein zerkratztes Display von Spaßparteienpartys und ohne Netzanschluss nach allerlei Wahlniederlagen war sie auch. Nur in alten Intranetzen der Rotary-Clubs und Tennisvereinen Baden-Badens, Bad Homburgs, Starnbergs oder Dahlems, da war die Nokia-FDP noch schwach funkbereit.

Christian Lindner wird in wenigen Tagen 37 Jahre alt. Seit gut zwei Jahren ist er Bundesvorsitzender der FDP.
Christian Lindner wird in wenigen Tagen 37 Jahre alt. Seit gut zwei Jahren ist er Bundesvorsitzender der FDP.(Foto: dpa)

Doch nun scheinen die totgesagten Liberalen zurückzukommen – Umfragen bescheinigen ihr deutschlandweit wieder besseres Ansehen. Immer mehr Deutsche – auch wenn sie keine klassischen FDP-Wähler sind – finden doch eine liberale Partei für die politische Kultur wünschenswert. Es ist zwar kein Apple-artiges Comeback, aber zu einem akzeptierten Samsung der deutschen Politik reicht es schon wieder. In der Sonntagsfrage kommt die FDP wieder regelmäßig über die Fünf-Prozent-Hürde und die Chance auf einen Wiedereinzug in den Bundestag im kommenden Jahr ist da. In Hamburg und Bremen bahnte sich die erneuerte FDP bei den Bürgerschaftswahlen bereits den Weg zurück in die Parlamente.

In dieser Woche treffen sich die Liberalen zu ihrem traditionellen Dreikönigstreffen, doch traditionell ist an den Liberalen nicht mehr so viel. Ihr selbstbewusster Erneuerer Christian Lindner hat aus der gelben Herren-FDP-AG ein buntes Start-Up gemacht. Die einstige Kerlepartei ist sichtbar verweiblicht, verbindlicher ist sie auch. Und sie sucht ihren Platz nicht mehr am wirtschaftsliberalen oder bürgerrechtlichen Rand des Bürgertums, sondern just in dessen Zentrum. Linder proklamiert clever: "Es muss ein Drittes geben zwischen Merkel und Seehofer!" Er greift damit die Mitte in der Mitte an. Die Liberalen spüren die latente Verunsicherung der bürgerlichen Kernwähler mit der Merkel-CDU und so greifen sie die Kanzlerin direkt an: "Der Höhepunkt ihrer Kanzlerschaft liegt hinter ihr. Sie zeichnet sich nicht mehr nur durch mangelnden Reformwillen und die Preisgabe marktwirtschaftlicher Prinzipien aus. Sie hat jetzt auch noch ihren Nimbus als verlässliche Krisenmanagerin verloren."

Das klingt ziemlich selbstbewusst, vielleicht zu selbstbewusst. Doch die FDP will bei den anstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht nur zurück in die Parlamente, sondern die rot-grünen Regierungen mit einer bürgerlichen Mitte-Offensive stürzen. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Über das Scheitern zum Erfolg

Das Comeback der FDP ist bemerkenswert, weil auch die rechtspopulistische AfD-Konkurrenz bei den Wählern derzeit punktet. Dabei hatten Politologen geunkt, dass nur eine der beiden Parteien dauerhaft mehr als fünf Prozent der Wählerstimmen für sich erringen könne. Die auftrumpfende AfD-Bewegung drohte der behutsam genesenden FDP den gerade gewonnenen Atem wieder zu nehmen. Doch aus dem Entweder-oder ist inzwischen ein Sowohl-als-auch geworden. Es deutet sich an, dass für beide Platz sein könnte in der neuen deutschen Parteienlandschaft.

Es gibt offenbar eine politische Marktnische zwischen der linksgeneigten CDU und den rechtspopulistischen Neo-Konservativen. Die Sozialdemokratisierung der Union unter Angela Merkel führt dazu, dass viele bürgerliche Kernwähler neue politische Heimaten suchen. Der Mittelstand und die Unternehmer sehnen sich – enttäuscht von Renten mit 63, Mietpreisbremsen, Frauenquoten, Erbschaftssteuern, Mindestlöhnen, Steuerrekorden, Bürokratie und einer planwirtschaftlich gescheiterten Energiewende – nach einer liberalen Kraft, die Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit sichert. Sie denken dabei freilich zu weltoffen und pro-europäisch, um der AfD zu folgen.

Das entscheidende Moment beim Comeback der FDP aber ist die Person Christian Lindners. Er zeigte bei der Lebensrettung der FDP reinen Gründergeist. Im Gestus eines auf sich allein gestellten Mittelständlers sammelte er Stück für Stück der liberalen Splittersteine zusammen und baute ein neues Freiheits-Start-Up. Lindner erkannte früh, dass die FDP weniger ein Richtungs- als ein Glaubwürdigkeitsproblem hatte. Und er gab ihr mit seiner redlichen Art, die Fehler offen anzusprechen, Dinge auszuprobieren und zum Scheitern zu stehen, ein gutes Stück "credibility" zurück. Er spricht dabei die offene Sprache der Internet-Startup-Szene.

In einem Gastbeitrag für "Xing" schreibt er dieser Tage, Gründer würden in Deutschland oft verspottet. Das galt auch für ihn. Zum Ende seiner Schulzeit habe er sein erstes Unternehmen gegründet, berichtet Lindner. Ein zweites Unternehmen, das er im Jahr 2000 kurz vor dem Höhepunkt der Internetblase gründete, zerplatzte mit der Blase des Neuen Marktes. Seither versuchten politische Wettbewerber immer wieder, ihm dieses Scheitern vorzuwerfen, berichtet der FDP-Chef. Doch: "Gründer verdienen unseren Respekt." Deutschland brauche ein Mentalitäts-Update – für seine FDP scheint ihm das zu gelingen.

Quelle: n-tv.de

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