Politik

Person der Woche: Der Oskar Lafontaine der Konservativen

Von Wolfram Weimer

Mit seiner neo-konservativen AfD hat Bernd Lucke die Parteienlandschaft Deutschlands verändert. Nun wagt er ein zweites Mal die Gründung einer neuen Partei - allerdings mit geringen Erfolgsaussichten

Linke beschimpfen ihn als "rechten Brandstifter", Konservative feiern ihn als tapferen Herold alter Werte, für die SPD ist er ein "neoliberaler Professor", für CDU und FDP eine unangenehme Konkurrenz. Unumstritten bleibt: Bernd Lucke ist ein Wirtschaftsforscher aus Hamburg, der die Parteienlandschaft Deutschlands verändert hat. Seine AfD ist gerade einmal zwei Jahre alt und schon sitzt sie in fünf Landes- sowie im Europaparlament. Bei der Bundestagswahl stimmten mehr als zwei Millionen Deutsche für Luckes Neugründung. Und das politische Gleichgewicht der Republik hat sich dadurch ein Stück nach rechts verschoben. Seit dem Erfolg der Grünen hat es einen derartigen Aufstieg einer neugegründeten Partei nicht mehr gegeben.

Wagt mit Alfa einen politischen Neuanfang: Bernd Lucke.
Wagt mit Alfa einen politischen Neuanfang: Bernd Lucke.(Foto: dpa)

Das ist für einen politischen Quereinsteiger eine bemerkenswerte Leistung. Doch Lucke ist auch ein Querkopf, der nach eigenen Aussagen weder Auto noch Fernseher besitzt. Er hat sich über Monate hinweg mit seinen AfD-Parteifreunden so sehr zerstritten und isoliert, dass er weithin an Rückhalt verlor und am 10. Juli wütend aus der AfD austrat. Die Legende, dass es sich dabei um einen Richtungsstreit zwischen einem nationalkonservativen Lager um die neue AfD-Vorsitzende Frauke Petry und einem wirtschaftsliberalen Flügel hinter Lucke handelt, erzählt kaum die halbe Geschichte. Die andere Hälfte der Wahrheit liegt in der Persönlichkeit des Parteiengründers.

Denn Lucke erinnert an Oskar Lafontaine - nur eben am anderen Ende des politischen Spektrums. Auch Lafontaine begründete seinen knalligen Rücktritt als Finanzminister und fälligen Austritt aus der SPD seinerzeit mit einem Richtungsstreit. Tatsächlich konnte er Gerhard Schröders Erfolg und Macht einfach nicht ertragen. Luckes Schröder heißt Petry. Macht macht besessen. Und so wie Oskar Lafontaine die rot-grüne Machtübernahme von 1998 als seinen persönlichen Besitz ansah, so betrachtete Lucke die AfD als sein politisches Eigentum.

AfD und FDP graben Alfa das Wasser ab

Beide - Lafontaine wie Lucke - sind zugleich aber auch blitzgescheite, mutige Männer mit Nehmerqualitäten. So mutig sogar, völlig neue Parteien zu gründen - jeweils eine "Alternative", einmal die "für Arbeit und Soziale Gerechtigkeit" (WASG), das andere Mal die "für Deutschland" (AfD). Doch waren beide dabei auch von Rachegefühlen getrieben. So wie Lafontaine es seiner Schröder-Agenda-SPD unbedingt zeigen wollte, so suchte Lucke - langjähriges CDU-Mitglied - seiner Merkel-Linkskurs-Union den Spiegel vorzuhalten. Und mit seiner neuesten Alternative zur Alternative will er wiederum die Petry-AfD als Rechtsaußen-Loser-Combo demütigen.

Luckes Erfolgsaussichten mit der neuen Gruppierung namens "Alfa - Allianz für Fortschritt und Aufbruch" sind freilich gering. Zwar gibt es derzeit kraftvolle Eruptionen im rechten Spektrum der Gesellschaft. Während früher das linke Lager in Wallung war, Parteien von Grünen bis zur Linkspartei entstanden, so ist das Land derzeit (von Pegida bis AfD) bei den Rechten bewegt. Es gibt ein gewaltiges Wählerpotenzial rechts der Merkel-CDU. Gerade die aktuelle Euro- , Terrorismus- und Flüchtlingsdebatten treiben viele konservative Wähler in Deutschland um. Und Lucke wird in diesem Milieu respektiert, auch weil er sich stets gegen rechtsextreme Positionen abgegrenzt hat und persönlich als intelligent, christlich engagiert und integer gilt.

Abtreibungsgegner gegen Lucke

Und doch dürfte Luckes Alfa einen schweren Stand haben. Zum einen ist der Zauber einer neokonservativen Neugründung nur einmal zu haben - und er liegt nun einmal bei der AfD. Zum anderen wird der selbst gewählte Raum für Alfa im Parteispektrum reichlich eng. Lucke sucht einen Platz zwischen FDP und AfD. Doch gesellschaftlich etablierte Liberale werden da wohl dem weltoffenen FDP-Original, das sich unter Christian Lindner gerade kräftig erholt, treu bleiben. Kämpferische Rechte wiederum dürften bei der AfD die größere Entschiedenheit suchen. Die Nische in der Nische wird für Alfa also ziemlich klein.

Langfristig wird wohl nur eine von beiden überleben: AfD oder Alfa. Bei diesem Wettstreit hat die AfD die meisten Vorteile auf ihrer Seite - eine inzwischen etablierte, verzweigte Organisation, mehrere Parlamentsfraktionen, tausende von Mitgliedern, eine solide Finanzierung, intellektuell starke Köpfe wie Alexander Gauland oder Konrad Adam und eine telegene Spitzenfrau. Alfa hingegen muss den weiten, mühsamen Weg eines völligen Neuaufbaus gehen.

Dabei lauern viele Fallen, vom Eintritt neuer Wirrköpfe und Extremisten bis hin zu grotesken Scharmützeln. Einen solchen hat die neue Partei gleich in ihrer ersten Woche zu erleiden: Die Aktion für Lebensrecht für Alle e.V. (Alfa) will juristisch gegen die neue Partei Alfa vorgehen. "Wir prüfen rechtliche Schritte gegen die Partei wegen der Namensgebung", sagte die Bundesvorsitzende des Vereins, Claudia Kaminski: "Wir wollen nicht mit einer Partei verwechselt werden." Die Aktion Lebensrecht ist ein Verein engagierter Abtreibungsgegner mit 11.000 Mitgliedern.

Der Name ist damit schon mal nicht alternativ genug. Doch selbst wenn solcherlei Hürden alle genommen wären, dann bliebe noch das Restrisiko Bernd Lucke selbst - dem Alfa-Tier, dem Mann, der immer neue Alternativen sucht, nur nie zu sich selbst.

Quelle: n-tv.de

Themenseiten Politik
Empfehlungen