Politik

Person der Woche: Bernie Sanders: Linker Opa besiegt kalte Streberin

Von Wolfram Weimer

Ein alter, linker Zausel aus der amerikanischen Provinz könnte Hillary Clintons Marsch ins Weiße Haus jäh beenden. Der Sozialist Bernie Sanders hatte miserable Chancen - und treibt die Clintons nun in schiere Verzweiflung

Hillary Clinton wirkt neben Bernie Sanders wie ein Hochhaus neben einer Waldhütte, wie eine Stretch-Limousine neben einem Fiat Panda, wie ein Filet Mignon neben der Butterstulle. Sie ist im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf die haushohe Favoritin aus New York, er bestenfalls ein schräger Außenseiter aus der Provinz. Sie hat (so glaubte Amerika) keinen ernsten Gegner in ihrer Partei - außer diesem linken Zausel, der so aussieht, als sei er sein ganzes Leben schon 74 Jahre alt gewesen. Sie hat politische Erfahrung für drei Präsidentenleben, er ist bestenfalls ein linker Nörgler. Sie hat Zigmillionen von Spendengeldern, die Großbanken und Milliardäre liegen ihr zu Füßen, ihm geben nur Kleinspender etwas, arme Omas und noch ärmere Studenten. Sie hat die Rückendeckung der Parteifunktionäre, er kann bestenfalls auf die Pförtner im Capitol setzen. Sie passt perfekt in die Mediendemokratie, bühnensicher und telegen und mit einer großen Story versehen, der Attraktion nämlich, erste Präsidentin der USA zu werden. Er ist bloß ein alter, weißer Mann, dessen schüttere Haare auch noch verwuschelt sind und der daher kommt und redet wie ein verwirrter Soziologieprofessor.

Bernie Sanders, geboren 1941, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Brooklyn, New York. Er bezeichnet sich selbst als "demokratischen Sozialisten". Mehr als 15 Jahre war er parteiloses Mitglied im US-Repräsentantenhaus. Erst im November 2015 trat Sanders der Demokratischen Partei bei.
Bernie Sanders, geboren 1941, verbrachte seine Kindheit und Jugend in Brooklyn, New York. Er bezeichnet sich selbst als "demokratischen Sozialisten". Mehr als 15 Jahre war er parteiloses Mitglied im US-Repräsentantenhaus. Erst im November 2015 trat Sanders der Demokratischen Partei bei.(Foto: AP)

Doch ausgerechnet dieser Bernie Sanders setzt zum großen Schlag gegen die übermächtige Konkurrentin an. Schon bei den ersten Vorwahlen in Iowa lag er mit Clinton gleichauf, doch nun hat er sie in den Umfragen überholt und dürfte die nächsten Vorwahlen in New Hampshire klar für sich entscheiden. Das hätte man vor wenigen Monaten für unmöglich gehalten. Doch nun ist die Sensation da. 

Clinton hatte sich darauf eingestellt, einen starken Gegner der Republikaner zu parieren, sie wusste, dass es nach Obama schwer wird, das Land noch einmal für die Demokraten zu mobilisieren. Doch dass sie schon im eigenen Lager gegen einen krassen Außenseiter verlieren könnte, damit hatte keiner gerechnet. Am wenigsten die Clintons selber, die nun ungewöhnlich aggressiv gegen Sanders agitieren. "Heuchlerisch, unehrlich, illusorisch, hermetisch verschlossen gegen die Wirklichkeit" – so beschimpft Bill Clinton das Programm von Sanders. Das siegesgewisse Politikerpaar keilt gegen den Störenfried und verrät damit nur, wie nervös man über Sanders’ Aufstieg inzwischen ist.

Bernie Sanders fliegen nicht nur die Herzen der linken Amerikaner zu - von denen gibt es nämlich nicht viele in den USA. Er begeistert bis weit hinein ins bürgerliche Milieu die Menschen, gerade weil er ein Nonkonformist ist, weil er nicht zur Machtelite Washingtons gehört, weil er politisch unkorrekt, also frei (und manchmal umständlich) spricht.

Clinton hat noch ein paar Trümpfe

Ungleiche Kontrahenten: Bernie Sanders und Hillary Clinton.
Ungleiche Kontrahenten: Bernie Sanders und Hillary Clinton.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Erfolg von Sanders bei den Linken ist wie der von Trump bei den Rechten ein Indiz für die Krise der politischen Mitte in den USA. Beide treffen mit ihrer Systemkritik an einer verkrusteten Funktionärsdemokratie und deren künstlicher, politisch korrekter Sprache den Nerv der Amerikaner. Das Land hat eine gewaltige Sehnsucht nach Originalität und Echtheit. Und die erfüllt Sanders perfekt. Er war sich immer treu in seinen linken, zuweilen pazifistischen Ansichten, die in etwa so links sind wie die von braven Grünen am Prenzlauer Berg in Berlin. Sie nennen ihn Sozialisten, doch nach europäischen Maßstäben ist er maximal ein Sozialdemokrat. Seine Forderung nach kostenloser Hochschulbildung gilt in den USA als rote Revolution, in Deutschland ist sie Normalität. Er ist gegen hohe Rüstungsausgaben, für eine stärkere Besteuerung der Reichen und großen Unternehmen, gegen die Freihandelszone TTIP, für eine Liberalisierung von leichten Drogen und gegen die Abschottung des Landes vor Migranten. Er will den Mindestlohn anheben, Lehrer besser bezahlen, "zwei Wochen bezahlten Urlaub für alle", außerdem die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall bis zu zehn Tagen, bezahlten Erziehungsurlaub für ein paar Wochen und eine Rentenerhöhung, Im Grunde fordert er für Amerikaner den Sozialstaat europäischer Prägung - das war in den USA bislang so verpönt wie eine ansteckende Krankheit, doch mit Sanders wird darüber immerhin diskutiert.

Sein Erfolg aber liegt weniger im Programm. Er punktet nicht mit Richtung, sondern mit Glaubwürdigkeit und Überzeugung.

Umgekehrt ist die kollektive Sehnsucht nach Echtheit für Hillary Clinton ein fataler Trend. Sie wird als berechnend, kühl und künstlich gesehen. Sie wirkt neben ihm wie eine Streberin - als ehrgeizige Kandidatin des Establishments von Washington und Wall Street. Und so wird er stärker, je professioneller sie auftritt.

Damit vollzieht sich bei den Demokraten nun spiegelbildlich das, was bei den Republikanern mit ihrem rechten Poltergeist Donald Trump auch geschieht - es scheinen die kantigen Kerle vom politischen Rand die Vorwahlen zu gewinnen. 

Doch Hillary Clinton hat noch Trümpfe in ihrer Hand. Zum einen kommt sie in den südlichen Bundesstaaten und großen Metropolen mit vielen Schwarzen und Latinos besser an als der linke Theoretiker aus Vermont. Zum andern wird sie gestandene Demokraten nun pausenlos davor warnen, mit einem linken Träumer wie Sanders in die Wahl zu gehen, dann würde ihre Partei die Wahl an die Republikaner verlieren. Es sei denn, auf der rechten Seite passiert der gleiche Effekt und Donald Trump setzt sich durch. Dann hätte Amerika eine fatale, polarisierte Wahl.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Themenseiten Politik
Empfehlungen