Wirtschaft
Dunkle Wolken am Autohimmel: Wird 2016 ein Problemjahr?
Dunkle Wolken am Autohimmel: Wird 2016 ein Problemjahr?(Foto: picture alliance / dpa)

Dunkle Wolken, Sturm oder Crash?: "Autoindustrie bekommt 2016 Probleme"

Die Autobranche feiert 2015 ein absolutes Rekordjahr. Doch 2016 werde sich das nicht wiederholen, sagt Autoexperte Helmut Becker. Warum das so ist, wie es bei VW weitergeht und was aus dem Wachstumstreiber China wird, verrät er n-tv.de.

n-tv.de: Herr Becker, "der Gegenwind wird stärker", sagt der Präsident des Verbands der Automobilindustrie, Matthias Wissmann, mit Blick auf 2016. Hat er recht mit seiner Einschätzung?

Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.
Helmut Becker schreibt als Autoexperte und Volkswirt für teleboerse.de und n-tv.de eine monatliche Kolumne rund um den Automarkt.(Foto: Helmut Becker)

Helmut Becker: Ja, ich kann ihm da nur voll zustimmen. Das Autowetter ändert sich.

Wissmann verwies auf "weltpolitische und konjunkturelle Gründe". Wo sehen Sie Probleme?

Die globale Wirtschaftsentwicklung gibt den Takt für die Automobilindustrie vor. Und da sind die Aussichten nach sechs Jahren Erholung der Weltwirtschaft diesbezüglich nicht mehr allzu rosig. Es wird zwar keinen Sturm geben, dunkle Wolken sind aber allenthalben sichtbar.

Was sind denn die "dunklen Wolken" genau?

Drei große Tiefdruckgebiete sind erkennbar: Zum einen geht der Weltwirtschaftslokomotive China der Dampf aus. Zum anderen lässt die Baisse der Erdöl- und Rohstoffpreise die Erlöse der Förderländer auf breiter Front einbrechen und damit auch deren Nachfrage in den Industrieländern. Und: Es gibt die erhöhten politischen Risiken in und rund um Westeuropa

Welche Rolle spielt der VW-Abgasskandal? Derzeit wird ja über eine mögliche Höhe der Strafzahlungen in den USA gestritten ...

Video

Über den Ausgang kann man nur spekulieren. Auf einer virtuellen Strafskala von von 1 bis 100 würde ich den VW-Fall eher bei 60 bis 70 sehen. Fest steht bereits, dass der Konzern 115.000 Autos zurückkaufen muss. Unter 2,5 Milliarden Dollar ist das nicht zu machen. Aber vielleicht kann VW die Autos ja weiterverkaufen ...

Wie hoch könnte eine Strafzahlung denn Ihrer Meinung nach ausfallen? Was wäre gerechtfertigt?

Dazu möchte ich mich mangels genauer Informationen nicht äußern. Es dürfte aber ein mittlerer zweistelliger Milliardenbetrag herauskommen.

Ist nun mittlerweile alles bekannt oder könnten noch weitere Details, neue Manipulationen rund um VW publik werden?

Wissen kann man das nie so genau, aber nun nach fünf Monaten sollte selbst ein Konzern-Labyrinth wie VW den Tunnelausgang im Blick haben. Ich kann nur hoffen, dass mittlerweile alles bekannt ist. Im Übrigen: Niemanden interessiert das Thema noch wirklich. Der mögliche Crash in China und der Weltbörsen ist viel spannender geworden, nicht nur in Deutschland oder Europa, sondern weltweit. Kollabieren die rohstoffliefernden Schwellenländer? Das interessiert die Leute auch mehr. Außerdem hat VW-Vetriebschef Herbert Diess in Las Vegas auf der Messe CES einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Das wird schon wieder.

Der Konzern plant eine "grundlegende Neuausrichtung", will die Krise als Chance begreifen. Kann VW sie nutzen?

Zumindest steht das "Wollen" so erst einmal auf dem Papier, das ist bedeutend mehr als in der ganzen Piëch- und Winterkorn-Ära.  Fairerweise muss man sagen: Es sieht danach aus. Der Konzern wird neu aufgebaut, umstrukturiert. Der zentrale Durchgriff der Konzernspitze, der bisher als Inbegriff der Angstkultur bei VW galt, wird so beendet. Die einzelnen Sparten bekommen mehr Autonomie. Die Angstkultur soll weg. Das ist ein guter Ansatz - der aber auch erst einmal in der Praxis umgesetzt werden muss.

Ist Matthias Müller auch Ende des Jahres noch Konzernchef von Volkswagen?

Video

Wenn ihm gesundheitlich nichts dazwischenkommt, ja. (lacht) Nein, ernsthaft: Nachdem Müller den ersten Sturm überstanden hat, sehe ich momentan keinen, der ihm diese Position streitig machen könnte. Infolgedessen: Ja, Müller wird auch am Jahresende 2016 den Volkswagen-Konzern leiten.

2015 schaffte der deutsche Automarkt 3,2 Millionen Neuzulassungen. Wie sieht es in diesem Jahr aus?

Ich denke, der Automarkt wird sich hierzulande in diesem Jahr ähnlich entwickeln wie 2015. Das Niveau von 3,2 Millionen Neuzulassungen sehe ich dabei als Untergrenze. Gleichwohl gibt es Absatzrisiken für die Autoindustrie, die aber nicht aus dem Inland, sondern vor allem aus dem Ausland kommen, von außerhalb der Eurozone. Allerdings gibt es eben auch Chancen innerhalb der Eurozone und aus Deutschland selbst, getrieben etwa durch den bestens aufgestellten Arbeitsmarkt: Wir haben den höchsten Beschäftigungsgrad seit 20 Jahren. Dazu steigen die Realeinkommen und Renten so kräftig wie lange nicht mehr, die Binnennachfrage brummt. Die Verbraucher werden auch in diesem Jahr die Konjunktur tragen.

Kurzum: Der Markt bleibt also auf hohem Niveau - aber gesättigt?

Video

Ja. Im Trend werden wir auch 2016 kein großes Wachstum im deutschen Automarkt mehr haben. Wobei neue Nachfrage nachwachsen könnte, etwa von den ankommenden Flüchtlingen. Allerdings kann keiner sagen, wie groß der Bedarf ist und ob und wie er befriedigt werden wird.

Welche Märkte werden 2016 als Wachstumstreiber fungieren? Bleibt China die Wachstumslokomotive?

Nein, das denke ich nicht. In China verlor der Automobilmarkt 2015 nach 30 Jahren erstmals deutlich an Dynamik. Dann griff die Regierung ein, erließ steuerliche Fördermaßnahmen für Autos bis 1,6 Liter Hubraum - und siehe da: Der Markt explodierte zum Jahresende. Zulassungszuwächse von jeweils mehr als einer Million Autos in zwei Monaten oder rund 20 Prozent Wachstum zu den Vorjahreszeiträumen sprechen eine deutliche Sprache. Der chinesische Automarkt ist also deutlich im Aufwind - allerdings steuerlich gepampert. Ob diese Entwicklung sich im laufenden Jahr fortsetzen wird, weiß aber keiner. Fest steht, dass das nicht ewig anhalten wird, siehe Wirkungen der Abwrackprämie in Deutschland 2009.

Wagen Sie eine Absatzprognose?

Ich gehe in China von rund 19 Millionen Fahrzeugen 2016 aus. Das wäre dann ein Zuwachs von vier bis fünf Prozent - maßvoll und moderat im Vergleich zu früheren Werten um 20 bis 25 Prozent.

Und wie sieht es in den USA aus?

Die USA haben wieder ein Level erreicht - 2015 lagen die Neuzulassungen bei etwas mehr 17 Millionen -, das sie zuletzt vor rund zehn Jahren innehatten. Auf diesem Niveau muss man nun von Sättigung ausgehen. Große Zuwächse erwarte ich in diesem Jahr deshalb nicht.

Wie ergeht es dem europäischen Automarkt 2016?

Video

Dem wird es auch im laufenden Jahr sehr gut gehen. Von dem europäischen Markt verspreche ich mir einiges, denn der Nachholbedarf ist nach wie vor groß. Auch wenn das kein Wachstumstrend im klassischen Sinn ist: Es ist ein Erholungstrend. 13,5 Millionen Neuzulassungen 2015 lassen noch einen gewissen Puffer zu den einstigen Rekordzahlen von 15,7 Millionen. Sollte sich die Konjunktur in Europa weiter bessern, dürfte sich auch die Erholung am Automarkt fortsetzen. Ich denke, ein Absatz von rund 14 Millionen Autos sind 2016 durchaus drin.

Was wird aus den schwächelnden Schwellenländern? Kommen Brasilien, Russland und Co. wieder auf die Beine?

Nein, das denke ich nicht. Sie werden weiter mit Problemen zu kämpfen haben, die Absatzzahlen werden weiter sinken. Nach den Einbrüchen von 30 bis 35 Prozent 2015 könnte 2016 aber eine Bodenbildung einsetzen. Eine Erholung unter den aktuellen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sehe ich nicht.

Wird 2016 endlich das große Jahr der E-Mobilität?

Ein klares Nein. Zum einen sind die Ölpreise so niedrig wie schon seit Jahren nicht mehr. Das hilft, Autos mit Verbrennungsmotor an den Mann zu bringen, denn die Anschaffungskosten von E-Fahrzeugen bleiben hoch. Zum anderen ist die Batterietechnik nach wie vor zu schwach, die Reichweiten der Autos zu gering. Daran wird sich auch 2016 nichts ändern. Man stottert weiter in die Zukunft.

Borgward ist wiederbelebt, will mit dem BX7 im Januar in China rein elektrisch durchstarten. Der richtige Markt zur richtigen Zeit. Gelingt das Comeback?

(Lacht) Das ist eine Nullnummer! Falsche Marke, falscher Markt, falsche Technologie. Summa summarum ist eigentlich alles falsch. Aber genau deswegen macht man das Projekt in China und nicht hier in Europa, denn dann würden die Probleme viel schneller publik werden.

Alles in allem: Was wird 2016 für ein Autojahr?

Nachdem wir 2015 das beste Autojahr der Geschichte gehabt haben, kann 2016 so gesehen nur schlechter werden. Wir werden keine neuen Rekorde erzielen. Wenn wir Glück haben, werden wir das hohe Niveau annähernd halten können.

Mit Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen