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Wenn es ganz dumm läuft, holt sich die Natur das Flughafenfeld zurück bevor die Macher es zurückbauen.
Wenn es ganz dumm läuft, holt sich die Natur das Flughafenfeld zurück bevor die Macher es zurückbauen.(Foto: picture alliance / dpa)

Flughafenchef hat wenig Hoffnung: BER wird mehr "Unfassbares" zutage bringen

Von Diana Dittmer

Wie viel Pfusch ist nötig, bis eine Baustelle dicht gemacht wird? Viele Bürger und Steuerzahler haben längst genug von der Pannenserie am BER - für sie ist das Projekt verloren. Auch BER-Chef Mühlenfeld gibt sich keinen Illusionen hin.

Auf der Baustelle des neuen Hauptstadtflughafens reiht sich immer noch eine Panne an die nächste. Besserung ist nicht in Sicht. Das räumt selbst Flughafenchef Karsten Mühlenfeld ein: "Ich bin mir sicher, dass wir auch künftig auf Vorgänge aus der Vergangenheit stoßen, die auf den ersten Blick unfassbar erscheinen." Die Dauer-Baustelle wird ein unkalkulierbares schwarzes Finanzloch bleiben.

Karsten Mühlenfeld ist Realist.
Karsten Mühlenfeld ist Realist.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Aufsichtsrat ist derweil bemüht, Sorgen hinsichtlich des Eröffnungstermins 2017 zu zerstreuen. Für den stellvertretenden Vorsitzenden des Aufsichtsrats, Rainer Bretschneider, sind die öffentlichen Debatten um einen Baustopp ein "Sturm im Wasserglas". "Es ist ein Fehler entdeckt worden und der wird abgestellt, Punkt." Aber auch Bretschneider räumt ein, dass man - wenn es schlecht läuft - in dem neuen Terminal in Schönefeld noch 15 solcher Fehler finden wird. Später relativiert er diese Schreckensprognose zwar, indem er nur noch von "weiteren Fehlern" spricht, ohne sie weiter zu quantifizieren. Inzwischen weiß aber jeder: Einen Schlusspunkt gab es bisher nicht und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft nicht geben. Nach einer Panne bleibt vor einer Panne.

Brandschutz, Rolltreppen, Türen: überall Pfusch 

Schon heute ist die Fehlerliste unfassbar lang. Angefangen von der Entrauchungsanlage, die seit Jahren für jede Menge Spott sorgt. Die Anlage war über die Jahre so groß geraten, dass sie sich nicht mehr steuern ließ. Deshalb wird sie in mehrere Abschnitte geteilt. Wie sich erst jüngst herausgestellt hat, hat die Anlage noch weitere bisher verborgene, aber gewichtige Fehler. Die Rauchgasventilatoren unter der Decke sind zu schwer. Vier Tonnen, so viel wie drei VW Golf, wiegen fünf Ventilatoren, die auf Bühnen unterm Dach des Terminals hängen und im Brandfall Rauch hinaussaugen sollen. Das ist viel mehr als ursprünglich geplant war.

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Der Fehler kam vergangene Woche nach Jahren, die bereits an der Brandschutzanlage herumgeschraubt wird, ans Tageslicht. Seitdem herrscht aus Sicherheitsgründen wieder einmal Baustopp. Der Flughafen betont, die statischen Nachweise seien weiter gültig – es gebe keine Einsturzgefahr. Davon muss er allerdings noch die Bauaufsicht überzeugen.

Auch auf der Pfuschliste: die Rolltreppen, die viel zu kurz bestellt worden sind. Wer mit seinem Koffer vom unterirdischen Bahnhof zum Terminal-Vorplatz will, muss am Ende der Rolltreppen noch ein paar feste Treppenstufen überwinden. Längst sind sie in Vergessenheit geraten. Weil sie ja auch niemanden stören, denn es gibt niemanden, der auf den Rolltreppen mit Koffern beladen fährt.

Ein weiterer großer Lacherfolg war das Licht am BER, das nie ausging. Mit dieser Nachricht überraschte der Flughafen 2013. Ursache waren Probleme mit der Leittechnik, wo im Zuge der Umplanungen immer wieder geflickt wurde. Inzwischen ist das zentrale Datennetz des Terminals umgerüstet und für Erweiterungen vorbereitet - für 11 Millionen Euro.

Kein Überblick mehr

Ebenfalls unfassbar, aber wahr: Knapp jeder dritte der 4000 Räume im Flughafen war falsch nummeriert, weil umgeplant wurde, ohne dass jemand den Überblick wahrte. Das kann schwerwiegende Folgen haben, weil Türen und Lüftungsklappen den Raumnummern folgen. Auch Rettungsdienste brauchen verlässliche Nummern. 2014 ging die Flughafengesellschaft das Problem an. Wie lange noch? Unklar.

Noch ein Beispiel gefällig? Der Kabelsalat am BER. Mit den Terminal-Erweiterungen legten die verschiedenen Firmen immer mehr Leitungen auf die Kabeltrassen - bis sie überbelegt waren, was etwa wegen Hitzebildung riskant ist. Kabel führen auch durch Kanäle mit Hauptleitungen für Wärme, Kälte und Wasser, teilweise fehlen Pläne. Mehr als 90 Kilometer Kabel mussten neu gezogen werden. Wie es heißt, ist die Mammutaufgabe fast abgeschlossen.

Die Liste ließe sich beliebig verlängern, zum Beispiel um die Gepäckausgabe, die heute schon viel zu klein ist und die nicht nachgerüstet werden kann, weil der Flughafen insgesamt zu klein ist. Man erinnert sich auch an vertrauliche Baupläne, die im Müllcontainer gefunden wurden - auf offener Straße. Oder einen Planer, der sich zu Unrecht als Ingenieur ausgegeben hat. Dann Schmiergelder, Machtkämpfe und Intrigen – alles auf offener Bühne ausgetragen. Keiner der bisherigen Chefs hat die Baustelle in den Griff bekommen.

Umdenken im Kopf

Immer wieder heißt es, Problem erkannt, Problem gebannt. Nur glauben das immer weniger. Anwohner-Initiativen forderten am Freitag am Tagungsort des Aufsichtsrats, angesichts der Schwierigkeiten aus dem Projekt auszusteigen und an anderer Stelle einen neuen Flughafen zu planen. Ist es so weit? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Nach einer repräsentativen Umfrage von TNS Emnid meinen noch 56 Prozent der Bundesbürger, dass der Flughafen fertig gebaut werden sollte. Aber bereits 21 Prozent sind für einen ersatzlosen Ausstieg aus dem Projekt, 15 Prozent für einen Neustart. Vielleicht sollte man in diese Richtung denken – vielleicht bevor die Liste noch länger wird.

Quelle: n-tv.de

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