Wirtschaft
Verlag und Eigner konnten sich offenbar nicht auf eine gemeinsame Zukunft einigen.
Verlag und Eigner konnten sich offenbar nicht auf eine gemeinsame Zukunft einigen.(Foto: dpa)

Weltbild stellt Insolvenzantrag: Bischof enttäuscht, Bayern sagt Hilfe zu

Der Weltbild-Verlag ist nach einem Umsatzeinbruch pleite. Die Eigner - die Bistümer der katholischen Kirche - versagen eine finanzielle Unterstützung. Für Verdi ist dieses Verhalten "widerlich", für den Augsburger Bischof bedauerlich. Hilfe könnte vom Freistaat kommen.

Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) hat den Mitarbeitern des insolventen Weltbild-Verlags Unterstützung zugesichert. "Wir als Staatsregierung werden alles, was sich an wirksamen Möglichkeiten eröffnet, unterstützen", sagte Seehofer. "Niemand der 2200 in Augsburg betroffenen Mitarbeiter wird alleine gelassen." An diesem Samstag werde er einen Termin in Augsburg nutzen, um mit Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU) über das Schicksal dieser Mitarbeiter zu sprechen, kündigte Seehofer an.

Der angeschlagene katholische Weltbild-Verlag hatte am Nachmittag einen Insolvenzantrag gestellt. Auslöser sei vor allem ein Umsatzrückgang in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013/14, teilte das Unternehmen mit. Auch angesichts der in den kommenden drei Jahren erwarteten niedrigeren Erlöse habe sich der Finanzierungsbedarf für die Sanierung des Unternehmens verdoppelt. "Gestern hat sich entgegen der Erwartung der Geschäftsführung herausgestellt, dass die notwendige Finanzierung nicht zur Verfügung stehen wird", hieß es in der Mitteilung.

Das "Handelsblatt" hatte zuvor berichtet, dass sich die Eigner des Verlags - die Bistümer der katholischen Kirche in Deutschland - nicht auf eine Finanzierung des defizitären Unternehmens einigen konnten. Dem Verlag fehlt dem Vernehmen nach eine Summe im unteren dreistelligen Millionenbereich. Die Insolvenz betreffe nur die Verlagsgruppe, nicht die Filialen und die Gesellschaften in Österreich und der Schweiz. Dieses Geschäft betreibt Weltbild in einer gemeinsamen Tochterfirma mit dem Buchhändler Hugendubel. Ebenfalls nicht betroffen sei der Internetbuchhändler buecher.de.

Der Weltbild-Verlag beschäftigt mehr als 6000 Menschen, etwa die Hälfte arbeitet in den Filialen. Der Geschäftsbetrieb solle zunächst weiterlaufen. Zum Insolvenzverwalter soll Wirtschaftsprüfer Arndt Geiwitz bestellt werden. Dessen Kanzlei hatte unter anderem die Schlecker-Pleite verwaltet.

"Insolvenz ist eine Tragödie"

Die Gewerkschaft Verdi bezeichnete den Insolvenz-Antrag als Tragödie und griff die Kirche scharf an. "Jahrelang fette Gewinne abschöpfen und sich so die Prunkbauten mitfinanzieren lassen und dann, wenn die Belegschaft Hilfe braucht, zugesagte Gelder wieder streichen. Widerlicher geht es eigentlich nicht", sagte der zuständige Verdi-Sekretär in Augsburg, Thomas Gürlebeck. Die Kirche praktiziere Kapitalismus in Reinkultur. Verdi werde sich diese Politik nicht bieten lassen.

"Wir werden es nicht zulassen, dass die Bischöfe sich so aus der Verantwortung stehlen", sagte Gürlebeck. Betriebsratschef Peter Fitz sagte: "Unser Unternehmen ist zukunftsfähig, davon waren wir immer überzeugt und sind es immer noch". Gemeinsam mit der Gewerkschaft werde man um die Arbeitsplätze im Unternehmen kämpfen.

Kirche verteidigt Entscheidung

Die katholische Kirche verteidigte ihre Weigerung, dem Unternehmen weitere Finanzspritzen zu verabreichen. Die Bemühungen, das Unternehmen wieder zum Erfolg zu führen, seien leider fehlgeschlagen, teilte der Generalvikar des Erzbistums München, Peter Beer, mit. Beer ist Aufsichtsratschef bei Weltbild.

In den kommenden drei Jahre hätten bis zu 160 Millionen Euro zusätzlich aufgebracht werden müssen, um die Sanierung umzusetzen. Zudem müsse für die Entschuldung ein weiterer dreistelliger Millionenbetrag angesetzt werden. "Ein derart hoher finanzieller Aufwand kann zumal angesichts verbleibender erheblicher Unsicherheiten hinsichtlich der künftigen Entwicklung des Unternehmens von den Gesellschaftern nicht verantwortet werden."

Die Gesellschafter bedauerten diese Entwicklung sehr. "Die Gesellschafter stehen in dieser schwierigen Situation zu ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern", sagte Beer. Man werde Mittel zur Abfederung sozialer Härten bereitstellen.

Die Stadt Augsburg lud unmittelbar nach Bekanntwerden der Insolvenz zu einem runden Tisch ein. Es gehe darum, die Situation zu analysieren und zu versuchen, vor allem für die betroffenen Mitarbeiter Lösungsansätze zu finden, sagte Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl. Dazu will sich der CSU-Politiker mit dem Weltbild-Betriebsrat, den Gewerkschaften, den Verantwortlichen der Arbeitsagentur und der Industrie- und Handelskammer zusammensetzen. Es solle auch debattiert werden, welche Erwartungen an die kirchlichen Gesellschafter formuliert werden, so Gribl.

Augsburger Bischof enttäuscht

"Es ist eine herbe Enttäuschung, dass die intensiven Bemühungen um ein Sanierungskonzept letztlich nicht aussichtsreich waren", sagte Augsburger Bischof Konrad Zdarsa nach Angaben des Ordinariats. Der Bischof habe sich noch im Herbst in Gesprächen im Gesellschafterkreis "persönlich für die Sicherung eines Zukunftskonzepts für die Verlagsgruppe eingesetzt", hieß es weiter in der Mitteilung.

"Ich bin in Gedanken bei den Weltbild-Mitarbeitern", sagte der Bischof. Auf deren Interessen konzentriere sich nun die Sorge der kirchlichen Gesellschafter. Die Diözese Augsburg werde "gemeinsame Hilfsansätze solidarisch und auch materiell mittragen und zum gegebenen Zeitpunkt an anstehenden Gesprächen konstruktiv mitwirken".

Verlorener "Leitstern"

Es gibt mehrere Gründe für die finanzielle Schieflage des Verlages, der 2012 einen Umsatz von 1,6 Milliarden Euro erwirtschaftete. Zum einen ist da die Übermacht von Online-Händler Amazon, gegen den auch andere Verlage nur schwer ankommen. Weltbild muss sich jedoch nicht nur um den Online-Handel, sondern auch noch um gut 300 Läden in Einkaufsstraßen kümmern und hat auch noch ein kostenintensives Kataloggeschäft. Der Umbau des Unternehmens zum reinen Online- und Digitalgeschäft führe zu einer vorübergehenden Verlustsituation, räumte eine Sprecherin des Verlags im Herbst 2013 ein, als zuletzt Insolvenzgerüchte dementiert werden mussten. "Die Parallelität von Rückbau einerseits und Neuaufbau andererseits stellt in seiner Dimension eine enorme Herausforderung und Anstrengung dar."

Fast noch schwerwiegender als die keineswegs branchenfremden Probleme wiegt jedoch, dass Weltbild enorme Schwierigkeiten hatte, die Marke zu fokussieren. "Uns ist der Leitstern abhanden gekommen", zitierte "Handelsblatt Online" aus dem Management der Weltbild-Gruppe. Die katholischen Eigentümer beschweren sich seit Jahren über das ihrer Meinung nach allzu weltliche Angebot des Verlages. Besonders die Bücher aus dem Erotik- und Esoterikbereich stießen den Kirchenherren übel auf. Gleichzeitig mochte das Management zuletzt auf Bestseller wie dem Sadomaso-Roman "Shades of Grey" nicht verzichten. Dass dann andererseits Aufklärungsbücher wie "Make Love" nicht nur im Verlagsprogramm weggelassen, sondern auch gegeißelt wurden, kratzte erheblich an der Glaubwürdigkeit der neuen Verlagslinie.

Quelle: n-tv.de

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