Wirtschaft
In kaum einem anderen Land ist die Kapitaldecke der Banken so dünn wie in China.
In kaum einem anderen Land ist die Kapitaldecke der Banken so dünn wie in China.(Foto: picture alliance / dpa)

Gigantische Finanzlücke nach Börsenpanik: Chinas Banken brauchen Milliarden

Von Hannes Vogel

In Chinas Geldhäusern klafft eine gigantische Finanzlücke: Nach dem Beinahe-Crash im Juni müssen die Staatsbanken den Kapitalmarkt anzapfen, um sich frisches Geld zu besorgen. Ob die Operation gelingt ist fraglich: In kaum einem anderen Land der Welt sind Geldhäuser so wacklig finanziert wie im Reich der Mitte.

Die chinesischen Zentralbanker hatten wohl nicht mit einem solchen Erdbeben gerechnet, als sie den Stein ins Rollen brachten. Im Juni ließ die Zentralbank die Sollzinsen kräftig in die Höhe schießen. Der Schritt war für die Währungshüter eine Art Live-Experiment: Sie wollten die Gesundheit des chinesischen Finanzsektors testen. Der hustete sterbenskrank zurück: Die kurzfristigen Kreditzinsen schossen auf nahezu 30 Prozent in die Höhe. Die Banken suchten verzweifelt nach Wegen, sich frisches Geld zu leihen. Auf Chinas Aktien- und Anleihemärkten brach Panik aus. Die Notenbanker hatten die Blase angestochen. Der Sturm, der entwich, brachte das Finanzsystem im Reich der Mitte fast zum Einsturz.

Bis heute kämpft es mit den Folgen des Beinahe-Crashs. Mit der schwelenden Finanzkrise zeigt einer der wichtigen Pfeiler des chinesischen Wirtschaftswunders deutliche Risse. Chinas Staatsbanken katapultierten das Land zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt. Nun droht ihnen der Treibstoff auszugehen. Nach drei Jahrzehnten zügellosen Wachstums bekommt der wuchernde Finanzsektor die Kehrseite seiner ausufernden Kreditvergabe zu spüren.

Die vier größten staatseigenen Banken Industrial & Commercial Bank of China, China Construction Bank, Agricultural Bank of China und Bank of China wollen nach der Finanzpanik nun schleunigst ihr Kapital aufpolstern. Sie fürchten sich vor einer Zunahme notleidender Kredite und nachlassendem Gewinnwachstum. Von ihren Verwaltungsräten haben sie bereits grünes Licht bekommen. Umgerechnet rund 44 Mrd. US-Dollar sollen die großen vier in den kommenden beiden Jahren auf den Wertpapiermärkten einzusammeln. Ob der Plan aufgeht, steht in den Sternen.

Schattenbanken päppeln weiße Elefanten

Denn der Drang an den Kapitalmarkt kommt zur Unzeit. Viele Investoren haben sich wegen der Panik gerade von Aktien der Geldhäuser getrennt. Frisches Geld aufzunehmen dürfte also schwierig oder zumindest teuer werden. So hat der Hang Seng China Enterprises Index, in dem viele Banken notiert sind, in diesem Jahr rund 11 Prozent verloren.

Die Gründe dafür schlummern in den Bilanzen der Geldhäuser. Jahrelang haben die Banken Staatsunternehmen und örtlichen Regierungsstellen in einem wahren Kreditrausch mit Billiggeld gepäppelt. Die Provinzregierungen und Staatsbetriebe haben nun ein gigantisches Schuldenproblem: Leere Einkaufszentren, Brücken ins Nirgendwo - viele Projekte entpuppten sich als "Weiße Elefanten", die niemand braucht, die aber Unsummen verschlingen.

Denn ein Großteil des Geldes floss in politisch motivierte Kreditvergabe. Zwar wurden Gelder dazu genutzt, global wettbewerbsfähige Industrien von Stahl über Energie bis hin zur Solartechnik zu schaffen. Aber das Gros ging in fragwürdige Infrastrukturausgaben wie den Bau von Autobahnen, Eisenbahnverbindungen und andere Lieblingsprojekte der Provinzregierungen. Wenn diese faulen Kredite platzen, müssen das die Banken ausbaden, bei denen dann Verluste aufschlagen.

Chinas Aufseher riechen bereits Lunte

Bisher machen die chinesischen Banken einen weiten Bogen um ihre Probleme: Sie verlängerten einfach die Fälligkeiten der Kredite und schoben die Ausfälle so hinaus. In diesem Jahr müssen die chinesischen Geldhäuser nun mit einem großen Volumen von fällig werdenden Krediten an die Provinzregierungen fertig werden. Doch die könnten wegen schwacher Einnahmen aus Landverkäufen in Zahlungsschwierigkeiten geraten, warnen bereits Analysten. Mit dem Verkauf von Grundstücken hatten sie lange und regelmäßig die Kassen gefüllt.

Die chinesischen Aufseher riechen bereits Lunte. Eminente Risiken stammten von Krediten an Provinzregierungen und solchen aus Schattenbanken, warnte der Chef der chinesischen Bankenaufsicht Shang Fulin in einem seiner seltenen Interviews mit dem Staatsfernsehen. Denn im Finanzsektor lauert noch ein weiteres Problem: Viele Investoren sorgen sich um den Zuwachs von Krediten außerhalb der Bilanzen. Mit solchen "Schattenbankaktivitäten" umschiffen die Finanzinstitute vielfach die offiziellen Kreditlimits. Und halten so den Geldhahn für die Provinzregierungen und andere hochriskante Schuldner offen.

China ist führend bei Bankenrisiken

Die Kredite in Chinas Bankensystem schossen bis Ende 2012 innerhalb von nur vier Jahren um 126,5 Prozent auf 21 Billionen US-Dollar in die Höhe, hat die Ratingagentur Fitch ausgerechnet. Damit entwickelte sich Chinas Bankensektor zum am schnellsten wachsenden unter allen Schwellenländern. Das untergrub die Stabilität: Westliche Banken müssen als Lehre aus der Finanzkrise ihre Kredite ab 2019 mit mindestens sieben Prozent Eigenkapital absichern. In China sind die Finanzanlagen der Banken im Schnitt nur mit 6,5 Prozent Eigenkapital gedeckt. In allen 48 Schwellenländern sind es durchschnittlich 11,2 Prozent. Kaum ein anderer Bankensektor der Welt ist so wacklig finanziert wie der chinesische.

In ihrer Suche nach Kapitalquellen zieht es die vier chinesischen Großbanken immer mehr ins Ausland, nachdem sie früher vor allem auf Festlandchina bauten. Zwischen 50 und 100 Milliarden US-Dollar müssen sie nach einer Analyse von ChinaScope Financial durch die Neuausgabe von Aktien in den nächsten beiden Jahren erlösen, um ihre aktuellen Kapitalniveaus auch nur zu halten. Mit dem bisher größten Börsengang der Geschichte hatte die Agricultural Bank of China 2010 rund 23 Milliarden Dollar eingesammelt.

Quelle: n-tv.de

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