Wirtschaft
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad: Die britische Großbank Standard Chartered soll dem Mullah-Regime jahrelang geholfen haben, US-Sanktionen zu umgehen.
Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad: Die britische Großbank Standard Chartered soll dem Mullah-Regime jahrelang geholfen haben, US-Sanktionen zu umgehen.(Foto: picture alliance / dpa)

Iran-Connection von StanChart: Das Geld der Mullahs stinkt nicht

Von Hannes Vogel

Während die Welt den Iran wegen seines Atomprogramms finanziell zu isolieren versucht, baut das Top-Management der britischen Großbank Standard Chartered dem Mullah-Regime offenbar eine Geld-Pipeline, durch die 250 Mrd. US-Dollar fließen. Um die Sanktionen zu umgehen, sollen die Banker Überweisungen wie am Fließband fälschen.

Chart

Die Top-Manager der britischen Großbank Standard Charted (SCB) machten sich insgeheim keine Illusion über das, was sie da anstellten: "Unser Irangeschäft muss dringend auf Konzernebene überprüft werden, um zu klären, ob die strategischen Vorteile noch im Verhältnis stehen zu dem potenziell katastrophalen Schaden, die das für unseren Ruf haben kann", schrieb der USA-Chef von SCB am 5. Oktober 2006 in einer E-Mail an seinen Konzernchef nach London. "Dem Management in den USA und London (also Ihnen und mir) drohen persönliche Rufschäden und Strafverfolgung".

Gemeint war Folgendes: Mit Wissen des Top-Managements soll SCB über fast zehn Jahre mehr als 60.000 Überweisungen durch das US-Finanzsystem gefälscht haben, um zu verschleiern, dass hinter den Transaktionen iranische Banken standen, die die US-Regierung mit Sanktionen belegt hatte. Die Londoner Banker ließen trotz der dramatischen Warnungen keinen Zweifel an ihren Absichten: "Ihr verf…ckten Amerikaner. Wer seid ihr, uns vorzuschreiben, dem Rest der Welt, dass wir mit den Iranern keine Geschäfte machen sollen", soll der SCB-Chef laut einem New Yorker Filialmanager geantwortet haben.

Die verschleierten Zahlungen beliefen sich laut der New Yorker Finanzaufsicht (DFS), die die Vorwürfe am Montagabend auf ihrer Website enthüllte, auf insgesamt mindestens 250 Mrd. US-Dollar. Verdient haben die Banker mit dem Brechen der Sanktionen Hunderte Mio. US-Dollar an Gebühren. Die Aufseher drohen der SCB nun gar mit dem Entzug der Banklizenz in den USA, was für das Institut katastrophale Folgen haben könnte.

StanChart gab sich in Reaktion auf die Vorwürfe schmallippig. Die Abstimmungen mit den Aufsehern liefen noch. Das, was die DFS jetzt an die Öffentlichkeit befördert habe, stelle "kein umfassendes und akkurates Bild der Fakten" dar. Die Regeln in den USA seien zu 99,9 Prozent befolgt worden. Das Volumen jener Iran-Transaktionen, die gegen geltendes Recht verstoßen hätten, belaufe sich auf weniger als 14 Mio. Dollar.

Profit zulasten des Weltfriedens

Doch das sind nur die nachrichtlichen Eckdaten des Skandals, die den schockierenden Vorgängen nicht wirklich gerecht werden. Denn das DFS hat für seine Anklageschrift 30.000 Seiten Dokumente und interne E-Mails von SCB ausgewertet, die es in sich haben. Die Dokumente zeichnen ein erschreckendes Bild über die Kultur und die Mentalität, die im Bankensystem herrschen und über die Methoden, mit denen dort operiert wird. Spätestens seit der Finanzkrise 2007 reiht sich ein Bankenskandal an den anderen, ist die Öffentlichkeit mit Enthüllungen über die Finanzwelt kaum mehr zu schockieren. Beim jüngsten Skandal um die Manipulation der Referenzzinssätze Libor und Euribor, den Spekulationsverlusten bei JP Morgan und dem Handelsskandal bei UBS blieb der Schaden auf das Finanzsystem begrenzt, verursachten die Verfehlungen einzelner vor allem wirtschaftliche Schäden. Bei den Vorwürfen gegen SCB geht es dagegen um systematischen Profit zulasten des Weltfriedens - mit kriminellen Methoden.

Die britische Großbank Standard Chartered soll laut US-Aufsehern systematisch Überweisungen gefälscht haben, um Geldströme aus dem Iran zu verschleiern.
Die britische Großbank Standard Chartered soll laut US-Aufsehern systematisch Überweisungen gefälscht haben, um Geldströme aus dem Iran zu verschleiern.(Foto: picture alliance / dpa)

Von Januar 2001 bis 2010, mitten im US-geführten Kampf gegen den Terror, parallel zu allen internationalen Sanktionsbemühungen wegen des iranischen Atomprogramms, soll die SCB Überweisungen der iranischen Zentralbank sowie der iranischen Staatsbanken Bank Saderat und Bank Melli verschleiert und dafür Aufzeichnungen und Überweisungsdaten bewusst gefälscht haben. Das Geld floss ausschließlich zwischen den Filialen europäischer Banken in Großbritannien und dem Nahen Osten, über die New Yorker SCB-Filiale. Um den iranischen Banken auch bei solchen Durchgangszahlungen ("U-Turns") jeglichen direkten oder indirekten Zugang zum US-Finanzsystem zu verwehren, muss jede Bank in den USA melden, wenn bestimmte iranische Transaktionspartner an einer Zahlung beteiligt sind – das Geld kann dann eingefroren werden.

"Schatzmeister der iranischen Zentralbank"

Doch die SCB entfernte laut DFS absichtlich jeglichen Hinweis auf iranische Zahlungsgeber aus den SWIFT-Überweisungsaufzeichnungen und tarnte sie als unverdächtige Zahlungen zwischen ihren Londoner und New Yorker Filialen. Denn die iranischen Banken standen im Verdacht, Terrorgruppen wie die Hisbollah, Hamas, den Islamischen Jihad und das umstrittene Atomprogramm zu finanzieren und standen deshalb unter US-Sanktionen.

Mit dem beginnenden Krieg gegen den Terror kam das Geschäft mit dem Iran bei SCB so richtig in Fahrt. 2001 konnte die iranische Zentralbank laut DFS die britischen Banker für die Abwicklung der täglichen US-Dollar-Einnahmen der staatlichen iranischen Ölgesellschaft gewinnen. Der Auftrag sei für SCB höchst prestigeträchtig, denn damit würde die Bank faktisch "zum Schatzmeister der iranischen Zentralbank", frohlockte ein Abteilungsleiter der Bank. Doch die Rechtsabteilung schrieb schon damals in weiser Voraussicht: "Aus unseren Zahlungsanweisungen sollten weder der Kunde noch der Grund für die Zahlung hervorgehen."

Ein Satz aus der DFS-Anklageschrift lässt besonders tief in die Abgründe des Finanzsystems blicken. Die iranischen Geschäftspartner bestanden laut dem Leiter der SCB-Zahlungsverkehrsabteilung darauf, ihre Geldströme zu verschleiern, weil "keine andere Bank deren Überweisungen vollständig offenlege" – "das war in der Branche nicht üblich". Während andere britische Banken wie Lloyd's sich aber laut DFS ab 2003 "hauptsächlich aus Reputationsgründen" aus dem Iran-Geschäft zurückzogen, stieg SCB erst richtig ein.

Finanzbetrug am Fließband

Doch der systematische Betrug reichte bei SCB viel weiter zurück. Bereits 1995 soll die Rechtsabteilung von SCB laut DFS einen Plan ausgeheckt haben, wie der britische Konzern die US-Sanktionen gegen den Iran unterlaufen könnte: "Wenn London die Sanktionen einfach ignoriert und New York nicht beteiligt wäre und keine Ahnung von den Aktivitäten in London hätte, dann könnten sie gegen London nichts machen, und schon gar nicht gegen New York", schrieb der Chef der Rechtsabteilung am 1. Juni 1995. Dieses Memorandum sei allerdings "streng vertraulich" und "dürfe NICHT in die USA gesandt werden."

Anfangs war ein ganzes Team damit beschäftigt, die Zahlungsanweisungen an die New Yorker Kollegen per Hand zu "reparieren". Das Top-Management von SCB fasste diese Anweisungen laut DFS sogar in formellen Handbüchern zusammen. Dieses Dokument sei "ganz klar dazu bestimmt, bei Zahlungen absichtlich Hinweise auf Verbindungen in den Iran zu verstecken", gab der Chef der Rechtsabteilung in einer E-Mail am 01. Oktober 2005 selbst zu. Doch als die Zahl der Überweisungen zu groß wurde, um sie einzeln per Hand zu fälschen, installierte SCB eigens dafür automatische Computersysteme. Finanzbetrug am Fließband, auf Kosten des Weltfriedens.

Deloitte & Touche soll beim Betrug geholfen haben

Über all das soll SCB jahrelang systematisch die Behörden getäuscht haben. Im September 2005 informierte der US-Chef von SCB bei einem Treffen mit Aufsehern, dass die Bank alle Bestimmungen in puncto Iran umsetze. Geholfen hat bei der Täuschung wohl auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte & Touche. Sie wurde von den Aufsehern als Prüfer bei SCB eingesetzt, nachdem Unstimmigkeiten bei anderen Transaktionen aufgetaucht waren.

Man habe sich geeinigt, Hinweise auf bestimmte Zahlungen aus dem Abschlussbericht an die Aufsichtsbehörden zu löschen, weil das "zu viel und zu politisch sensibel für SCB und für Deloitte wäre", schrieb der Chef von Deloittes globaler Anti-Geldwäsche-Abteilung laut DFS am 8. Oktober 2005. "Deshalb habe ich eine abgeschwächte Version entworfen."

Die Behörde hat nun für den kommenden Mittwoch, 15. August eine Anhörung angesetzt, bei der sich die Bank-Manager erklären müssen. Bis dahin soll ein unabhängiger Aufseher die Bücher von SCB überprüfen, um die Rechtmäßigkeit von Überweisungen des Konzerns sicherzustellen. Man darf gespannt sein, was er alles findet.

Quelle: n-tv.de

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