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Überraschend hohes Milliardenminus: Deutsche Bank schockt Anleger

Nach dem Schlussquartal 2012 müssen die Buchhalter der Deutschen Bank ihre Füllfederhalter tief in die rote Tinte tunken: Unter dem Strich verliert das Institut 2,15 Mrd. Euro - deutlich mehr als erwartet. Analysten reagieren entsetzt, der Aktienkurs fährt Achterbahn.

Das neue Führungsduo: Jürgen Fitschen und Anshu Jain.
Das neue Führungsduo: Jürgen Fitschen und Anshu Jain.(Foto: dapd)

Im vierten Quartal 2012 hat die Deutsche Bank überraschend einen Milliardenverlust verbucht. Unter dem Strich verzeichnete das Geldinstitut einen Nettoverlust von 2,15 Mrd. Euro.

"Das Ergebnis ist sehr enttäuschend. Die Zahlen sind deutlich schlechter als erwartet, vor allem die Höhe der Abschreibungen war überraschend", meinte ein Händler. "Auch die Dividende von 75 Cent pro Aktie dürfte die Anleger darüber nur mäßig hinwegtrösten. Man kann jetzt nur hoffen, dass alles, was in der Bilanz aufgeräumt werden musste, nun erledigt ist und das Geldhaus im neuen Quartal neu durchstarten kann."

Anleger reagierten am Morgen uneinheitlich auf die tiefroten Quartalszahlen. Die Aktien lagen im frühen Handel deutlich im Minus, starteten dann aber 2,8 Prozent fester. Knapp eine Stunde nach Handelsbeginn notierten die Titel nahezu unverändert. "Der überraschend hohe Milliardenverlust hat die Investoren zunächst schockiert. Letztlich haben sie aber gemerkt, dass an der Bilanz nicht alles schlecht ist", sagte ein Börsianer.

Positiv hervorzuheben sei vor allem der Anstieg der Kernkapitalquote, erklärten Händler und Analysten. "Das sollte die Angst der Investoren vor einer Kapitalerhöhung lindern", schrieb Equinet-Analyst Philipp Hässler in einem Kommentar. Viele Anleger dürften nun auch die Hoffnung haben, dass die Bank mit den hohen Abschreibungen im Schlussquartal das Schlimmste hinter sich hat und nun unbelastet ins neue Jahr starten kann, ergänzte ein Händler.

Hohe Sonderbelastungen lasteten schwer auf der Zwischenbilanz: Unter anderem Prozesskosten in Milliardenhöhe trafen das Geldhaus sehr viel härter als erwartet. An der Börse waren einige Experten zuvor sogar von einem leichten Gewinn ausgegangen, die meisten hatten sich auf einen leichten Verlust eingestellt - aber nicht auf rote Zahlen in diesem Ausmaß.

Einzelne Händler reagierten zunächst entsetzt. "Die diversen Milliardenabschreibungen und Rückstellungen hatte keiner auf dem Radar", meinte ein Marktteilnehmer am frühen Morgen. Für das vierte Quartal habe er einen Verlust von etwa 200 Mio. Euro erwartet, selbst der größte Pessimist habe nur mit bis zu 600 Mio. Euro Verlust gerechnet, nun seien es 2,2 Mrd. Euro.

"Nicht so gut"

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"Das muss man im Vergleich zu den anderen Investmentbanken sehen, vor allem in den USA, und da hat die Deutsche die mit Abstand schlechtesten Zahlen geliefert", erklärte ein Händler. Schlecht sei auch die Kosten-Einkommen-Relation ausgefallen, das Kernkapital liege nur im erwarteten Rahmen, so ein anderer Händler. Etwas stützen dürfte nur die bestätigte Dividende.

"Einzige Markthoffnung ist, dass es als bilanzielles Großreinemachen aufgefasst wird und danach die Bilanz sauber ist", bestätigte ein weiterer Händler die Einschätzung seiner Kollegen. "Außerdem darf der Markt nicht befürchten, dass es zu einer Kapitalerhöhung kommt, dann ginge es richtig abwärts".

Im Lauf des Tages werden sich Anshu Jain und Jürgen Fitschen bei der Bilanzpressekonferenz den Fragen zu den vielen Klagen der Bank ebenso stellen müssen wie zu den Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung und Geldwäsche. "Die Zahlen waren nicht so gut", fasste ein Börsianer in deutlich nüchternerem Ton zusammen.

Die Klageflut, unter die Bank zu leiden hat, reicht von dem verlorenen Prozess gegen Leo Kirch bis zu Schadensersatzklagen wegen falscher Beratung. Zusätzlich belasteten Kosten für den Umbau die Bank mit der Integration der Postbank, aber auch Abschreibungen auf Geschäfts- oder Firmenwerte. Hinzu kamen negative Effekte aus dem Abbau von Risikopositionen sowie durch Wertanpassungen von bestimmten Vermögenswerten.

Besonders schwer zu schaffen machten der Bank insbesondere die Gerichtskosten in Höhe von 3,5 Mrd. Euro im Gesamtjahr 2012. Im vierten Quartal lief es zwar vor allem im Geschäft mit Devisen und in den Filialen insgesamt gut, doch die enorm hohen Kosten ließen davon nichts mehr übrig.

Tiefpunkt in der Talsohle?

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Auch profitierte die Bank von der Erholung der Börsen sowie der insgesamt etwas aufgehellten Stimmung an den Finanzmärkten. Die Krise in Europa ist nach Einschätzung der Führungsspitze zwar noch nicht bewältigt, jedoch unter Kontrolle. Das kam vor allem dem Investmentbanking zu Gute. Im Bereich Corporate Banking & Securities stiegen die Erträge im vierten Quartal um 43 Prozent.

Das mit Sonderbelastungen vollgepackte vierte Quartal soll den Weg frei machen für die Pläne des Führungsduos Jain/Fitschen. Die beiden Co-Vorstandschefs waren im vergangenen Jahr Josef Ackermann gefolgt. Sie wollen die Bank komplett umkrempeln. Angefangen beim "Kulturwandel", der auch eine Deckelung der Boni umfasst bis hin zu Stellenstreichungen, dem Abbau von Risiken sowie der Gründung einer Bad Bank.

Harter Tag für Fitschen und Jain

Wegen fragwürdiger Hypotheken- und Handelsgeschäfte steht das Institut vor allem in den USA im Visier der Justiz. Ende vergangenen Jahres durchsuchten zudem rund 500 Polizisten Geschäftsräume des Instituts wegen des Verdachts auf Umsatzsteuerbetrug. Dabei geht es um fragwürdige Handelsgeschäfte mit CO2-Verschmutzungsrechten.

Für das neue Führungsduo ist es eine Premiere: Jain und Fitschen werden erstmals die Jahresbilanz des größten deutschen Geldhauses präsentieren. Experten waren bereits im Vorfeld davon ausgegangen, dass der Gewinn des Instituts wegen Kosten für den Konzernumbau und diverse Rechtsstreitigkeiten insgesamt zurückgegangen sein dürfte. Damit hinkt das Institut weit hinter Konkurrenten wie der US-Großbank JP Morgan her, die im vergangenen Jahr einen Überschuss von mehr als 21 Mrd. Dollar eingefahren hat.

Mit dem Rückzug aus Risikogeschäften versucht die Bank mit Hochdruck, ihre Kapitaldecke zu stärken. Je riskanter ein Geschäft ist, desto mehr muss sie dafür Kapital zur Seite legen. Ende Dezember lag die Kernkapitalquote (Tier 1) der Bank bei 11,6 Prozent. Dieser Anstieg war hauptsächlich auf die um 32 Mrd. geringere risikogewichtete Aktiva als auch reduzierte Kapitalkosten für Verbriefungen zurückzuführen. Die Tier-1-Kernkapitalquote nach Basel III betrug 8 Prozent, die Deutsche Bank strebt nun bis zum Ende des ersten Quartals 8,5 Prozent an.

Bis 2015 will die Bank nach früheren Aussagen eine Kernkapitalquote von über 10 Prozent schaffen. An den Märkten wird genau beobachtet, ob die Deutsche Bank tatsächlich ohne Kapitalerhöhung die höheren regulatorischen Anforderungen nach Basel III erfüllen kann.

Quelle: n-tv.de

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